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Ausgabe 86-2/2001

"Billy Elliot - I will dance"

(Film in der Diskussion zum Film BILLY ELLIOT – I WILL DANCE)

Nordengland 1984: In Dunham streiken die Bergarbeiter für höhere Löhne, auch Billys Vater und sein Bruder Tony stehen in der Streikpostenkette. Seit dem Tod der Mutter vor einem Jahr fehlt der Familie der innere Halt. Billy muss sich mit seinen elf Jahren um vieles selbstständig kümmern, so auch um seine verwirrte Großmutter. Als wegen des Streiks Billys Boxstunde und der Ballettunterricht zusammengelegt werden, entdeckt er seine Neugier für das – im Gegensatz zum Boxen – grazile Ballett. Von da an ersetzen die Ballettschuhe die vom Großvater geerbten Boxhandschuhe. Aber Billy muss seine neue Leidenschaft verbergen. Er übt seine Pirouetten im Badezimmer und gedanklich nachts vor dem Einschlafen. Die Tanzlehrerin Mrs. Wilkinson erkennt Billys Talent und ermutigt ihn zur Bewerbung an der Royal Ballett School in London. Als sein Vater ihn beim nächtlichen Üben erwischt, droht dieser Traum zu zerbrechen. Doch jetzt erst recht beweist Billy, dass das Tanzen viel mehr ist als nur ein Hobby und zwingt seinen Vater, seine Leidenschaft zum Tanzen ernst zu nehmen. In seinem väterlichen Verantwortungsgefühl berührt, wird dieser zum Streikbrecher und verkauft den Schmuck seiner verstorbenen Frau, um Billy die Reise nach London für das Vortanzen an der Royal Ballett School zu ermöglichen. Billy besteht die Prüfung und tanzt sich schließlich über alle Widerstände frei.

Bis zur Wiedergabe des Inhalts sind sich unsere beiden Kritikerinnen Julia Gebefügi (25) und Sahar Rahimi (20) einig. Eigentlich wollten sie die Filmkritik zusammen verfassen. Doch daraus wurde nichts. Stattdessen drucken wir das Gespräch, das sich angeregt durch den Film "Billy Elliot" zwischen den Mitarbeiterinnen des Kinderkino München ergab.

Julia Gebefügi: Ich denke "Billy Elliot" enthält typisch englische Filmelemente.

Sahar Rahimi: Was meinst Du damit?

J. G.: Das liegt vor allem an dem britischen Humor. Zum Beispiel diese widersprüchliche Situation der streikenden Bergarbeiter und der Polizei und Billys neu entdeckte Leidenschaft, der Ballett-Tanz. Trotz der sehr ernsten Situationen arbeitet der Film mit einer herrlichen Komik. Da sehen wir Billy schweißtreibend seinen Tanz üben mit Mrs. Willkinsons Ansage des "preparé" abwechselnd mit den an Busse hämmernden, streikenden Arbeitern und den sich formierenden Polizisten. Oder Debby, die Tochter von Mrs. Willkinson, die ohne es zu merken ihren Spazierstock statt an der Hauswand an einer Wand aus Schutzschildern der sich formierten Polizisten entlang zieht. Eine ernste Situation wird phantasievoll, humoristisch dargestellt. Auch die Rollen des Bruders und des Vaters können manchmal mit einem Schmunzeln betrachtet werden. Wie der Bruder Tony zur gleichen Musik im Zimmer umhertanzt, mit der Billy seinen verbotenen Tanz übt. Oder die Szenen des Vaters während der Aufnahmeprüfung, in der er wie ein kleines Kind die Umgebung entdeckt – um nur einige zu nennen. Ob sich ein deutscher Film an diesen Humor getraut hätte, mag ich bezweifeln.

S. R.: Aber eine ähnliche Problematik birgt der deutsche Film "Jenseits der Stille" von Caroline Link. Wie Billys Vater kann auch Laras Vater in "Jenseits der Stille" die Leidenschaft seiner Tochter für die Musik nicht verstehen und stellt sich gegen sie, doch Lara wie auch Billy behaupten sich gegen ihre Väter, die letztendlich doch zu ihren Kindern halten, weil sie realisieren, wie existenziell das Tanzen für Billy oder die Musik für Lara ist. Also durchaus kein typisch englisches Thema. "Billy Elliot" könnte doch genauso gut im Ruhrpott funktionieren, wo vielleicht sogar ein ähnlich trockener Humor vorherrscht. Die Geschichte um die Selbstfindung eines jungen Menschen, der sich den Widerständen seiner Umgebung bewusst ist und die Positionen seiner Mitmenschen verstehen kann, trotzdem aber seinen Weg geht, ist bestimmt universell und ein "Mutmachfilm" für alle Kinder, gut geeignet für die Kinder- und Jugendfilmarbeit.

J.G.: Auf jeden Fall ist der Film für die Kinderfilmarbeit geeignet. Was mir besonders gut gefallen hat, war der natürliche Umgang mit den Gefühlen, der vermittelt wird. Das liegt nicht nur am Vater, der an Weihnachten um die verstorbene Frau weint ohne seine Emotionen zu verstecken, sondern auch an den starken Dialogen. Als Billy seinem Vater bei der Aufnahmeprüfung gesteht, dass er Angst habe, meint sein Vater: "Das macht nichts, wir haben alle Angst." Gefühle dürfen ausgelebt werden und es macht keinen Unterschied, ob man ein Erwachsener oder ein Kind ist. Die Gender-Rollen halten sich nicht an Klischees wie zum Beispiel: Männer weinen oder tanzen nicht. Da tanzt Billy in vielen Szenen seine Wut und Trauer einfach aus sich heraus, läuft gegen Wände, um aus der Enge und dem Einfluss der Umgebung heraus zu kommen. Da ist Michael, Billies Freund, der mit der Geschlechterrolle experimentiert, indem er sich die Kleider seiner Schwester anzieht. "Billy Elliot" ist einfach rundherum ein Film für alle Altersklassen, der mutig mit den Gender-Rollen spielt und so neue Möglichkeiten für Identifikationen schafft.

S.R.: Die Szenen, in denen Billy im Boxring tanzt, gefallen mir sehr gut, weil sie seine reale Situation versinnbildlichen. Der begrenzte äußere Raum, der Billy jedoch nicht daran hindert, seine innere Freiheit im Tanz zu leben. Den meisten Kindern in der westlichen Welt ergeht es wahrscheinlich genau anders herum als Billy: Viele Möglichkeiten im kulturellen, schulischen oder sportlichen Bereich stehen offen und werden gar nicht oder nicht ausreichend wahrgenommen, stattdessen wird in der Fernseh- und Computergame-Mittelmäßigkeit getrottet. Allerdings hat Billy im Film das Glück, eine erwachsene Person, nämlich seine Tanzlehrerin hinter sich stehen zu haben, die an ihn glaubt und ihn fordert, ohne ihn zu überfordern oder zu dressieren. Vielleicht hätte er das Tanzen irgendwann aufgegeben, wenn sie ihn nicht so vehement und doch liebevoll in seinem Talent ermutigt hätte. Genau diese Bezugsperson ist für heutige Kinder, die sich im Überangebot der Medien- und Event-Gesellschaft orientieren müssen, immer wichtiger, um ihre Interessen herauszubilden und sich auf sie konzentrieren zu können. Ich glaube die medienpädagogische Arbeit mit Kindern leistet da einen großen und immer wichtiger werdenden Beitrag.

In der Gesamtbeurteilung stimmen Julia und Sarah überein: "Billy Elliot" ist ein herausragender Film für heranwachsende junge Menschen, ein "Mutmachfilm".

 

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