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Ausgabe 88-4/2001

"Wir geben mehr als Geld"

Gespräch mit Prof. Klaus Keil, Intendant der Filmboard Berlin-Brandenburg GmbH

Interview

KJK: Erlauben Sie zunächst eine ganz private Frage. Was fällt Ihnen mit Blick auf Ihre Medienbiografie hinsichtlich des Kinderfilms spontan ein?
Prof. Klaus Keil: "Ich bin in einem Nachkriegsdeutschland aufgewachsen, wo Film und Kino, zumindest bei uns zu Hause, etwas mit Luxus zu tun hatten. Ich durfte nicht so oft als Kind ins Kino gehen, aber die Filme, die ausgesucht wurden, waren Naturfilme und Disney-Filme. Bei letzteren war etwas von einer Zauberwelt erzählt, die wir so nicht gekannt haben. Solche Filme haben mich geprägt."

Können Sie sagen, da ist eine Stimmung in mir, die sich mit den Filmen aus Kindertagen herausgebildet hat und die letztendlich für das ganze weitere Leben prägend war?
"Wenn man als Kind zwischen 4 und 8 Jahren solche Filme sieht, das bleibt natürlich. Es ist ein Reservat an Gefühlen. Darüber hinaus gilt aber, dass solche Prägung später rational zu der Überlegung führt, dass es einfach wichtig ist, Kinderfilme zu fördern."

Um solche Förderung bemühen Sie sich nunmehr seit sieben Jahren in Berlin-Brandenburg. Haben sich aus Ihrer Sicht in dieser Zeit bezüglich des Kinderfilms relevante Dinge verändert?
"Ich persönlich habe erhebliche positive Qualitätsveränderungen festgestellt. Wir haben insgesamt in der Branche, insbesondere hier in der Region, ein neues Bewusstsein registriert, was die Drehbuchentwicklung anbelangt. Es wird viel stärker als früher akzeptiert, dass gute Filme, die kommerziell erfolgreich sind bzw. die Preise gewinnen, ein gutes Drehbuch als Ausgangsbasis brauchen. Das ganze Geld, das ganze Herzblut, die ganze Energie nutzen nichts, wenn das Drehbuch nicht stimmt. Das gilt für den Kinderfilm besonders. Hier haben wir es mit der kritischsten Zielgruppe zu tun, die man sich vorstellen kann.
Bemerkenswert finde ich, dass heute kaum noch Anfänger zu uns kommen. Vor sieben Jahren war hier die Situation sehr viel anders. Viel heißes Herz und sehr viel Ahnungslosigkeit. Heute hat sich das verändert. Die Leute wissen heute sehr genau, dass ein hohes Maß an Professionalität notwendig ist. Das etwas altmodisch medienpädagogische Moment, der kleine ehrenwerte Kinderfilm sei zu fördern, halte ich nicht mehr für zeitgemäß. Denn der kleine ehrenwerte Kinderfilm hat kaum eine Chance mehr im Konkurrenzumfeld. Es reicht nicht, wenn man sagt, es ist doch gut, wenn es den Film überhaupt gibt oder dass er gesellschaftlich wichtig ist. Wenn der Film nicht professionell ist, wenn der Stoff nicht richtig aufbereitet ist, hat diese gesellschaftliche, politische, medienpädagogische Ausrichtung gar keine Relevanz."

Haben Sie auch ästhetische Veränderungen, eventuell Einflüsse neuer Medientechniken oder seitens der Computerspiele feststellen können?
"Fest steht, dass die Filme schneller werden. Insbesondere beim Animationsfilm. Außerdem werden die Filme komplexer. Ansonsten sind die Originalgeschichten, die verfilmt werden, einfach moderner. Die jungen Zuschauer werden ernster genommen. Ob Internet und Computerspiele auf den Kinderfilm eine Wirkung haben, kann ich bisher nicht feststellen."

Es gibt in letzter Zeit die Auffassung bei einzelnen Produzenten, Kinder können keine wirtschaftlich effiziente Zielgruppe sein, weil es einfach zu wenige von ihnen gibt.
"Das ist für Produzenten, die sich ausschließlich mit Kinderfilm beschäftigen, ein wesenhaftes Moment. Man muss schon das Potenzial innerhalb der Zielgruppe kennen. Das bedeutet, dass man noch genauer die Stoffe suchen muss. Es geht aber auch darum, dass der Auswertungszeitraum verlängert werden muss. Da kann eine Förderung helfen. Genau wie beim Ausbau der Marketingbestrebungen. Die weniger werdenden Zuschauer muss man mit mehr Aufwand umwerben."

Welche Rolle spielt im Hinblick auf Ihre Förderbemühungen das Fernsehen?
"Fernsehen ist sehr wichtig, was Kinderprogramme und was Sendeplätze anbelangt. Aber es ist schon lange nicht mehr so, dass man sagen muss, Kinderprogramme sind rar. Besonders im Animationssektor gibt es eine enorme Konkurrenz. Unser Einfluss auf das Fernsehen besteht darin, dass wir drei Partner haben, SAT1, Pro7, ZDF, die bei uns einbezahlen. Mit denen stimmen wir unsere Entscheidungen ab. Wobei wir uns ausschließlich, dem Kinofilm in erster Linie verpflichtet, auf 90 Minuten-Formate konzentrieren. Da versuchen wir die Projekte sehr konkret mit diesen Sendern zu besprechen, um die Filme auf entsprechenden Sendeplätzen unterzubringen. Das ist unser Anspruch."

Offensichtlich hat der Kinderfilm innerhalb der Filmboard Berlin-Brandenburg einen hohen Stellenwert?
"So ist es. Wir haben immerhin 30 Millionen Mark bisher für den Kinderfilm eingesetzt. Das ist erheblich. 110 Projekte wurden insgesamt gefördert. Es gab 34 Auszeichnungen für 14 Filme. Das ist erfreulich. Der Kinderfilm unterliegt größeren Schwierigkeiten als der andere Spielfilm. Das beginnt bei der Stoffauswahl. Hier sind die Ressourcen geringer. Es sind meist die Kinderbuchklassiker, die verfilmt werden und die im Kino Erfolg haben. Bei den originären Drehbüchern ist das sehr viel schwieriger. Hinzu kommen erheblich höhere Produktionskosten, weil man mit Kindern nicht so lange drehen kann. Ähnlich ist es mit der Refinanzierung. Man muss länger auswerten, da man nicht fünf oder sechs Vorstellungen am Tag, sondern oft nur eine Nachmittagsvorstellung hat. Das sind Schwierigkeiten bei denen wir als Förderer glauben, da muss man helfen.
Deswegen sagen wir, dass der Eigenanteil um die Hälfte gesenkt werden kann. Normalerweise verlangen wir 30 Prozent Eigenanteil, beim Kinderfilm müssen es nur 15 Prozent sein. Das ist eine erhebliche Verbesserung bzw. Vergünstigung. Der Regionaleffekt kann bezüglich des Verhältnisses 1:1, was wir sonst haben, auch mal darunter liegen. Und wir gehen beim Verleih von 50 Prozent auf 30 Prozent Eigenanteil runter. All das ist noch verhandelbar. Wir sind relativ flexibel und haben unsere Richtlinien so gestaltet, dass sie gegebenenfalls an das Projekt angepasst werden können. Wir fördern neuerdings auch Kinderfilmpakete. Das heißt, man kann nicht nur einen Stoff einreichen, sondern mehrere."

Filmförderung ist in Deutschland föderal organisiert. Das hat einen guten Grund, doch es bedeutet auch manche Hürde beim Zusammenfassen von Kapazitäten, damit wirklich bemerkenswerter deutscher Kinderfilm entstehen kann. Wie gehen Sie damit um?
"Seitdem es die modernen Förder-GmbHs als moderne erfolgsorientierte Einrichtungen gibt, herrscht auf diesem Feld eine große Professionalität. Das erfordert u. a. eine umfassende Zusammenarbeit aller. Ohne kumulierte Förderung kann man in Deutschland gar keine Kinderfilme mehr produzieren. Wichtig ist hierbei auch die gute Zusammenarbeit im Kuratorium junger deutscher Film. Weil das so ist, ist von unserer Seite aus auch Brigitta Manthey Mitglied im Vergabeausschuss des Kuratoriums."

Sie legen besonderen Wert auf die Stoffentwicklung. Diesbezüglich wurde in Ihrem Hause ein Lektoratsbogen entwickelt. Warum meinen Sie, dass bestimmte Standards elementar sind?
"Der Lektoratsbogen hat eine hohe Bedeutung. Das gilt besonders für uns, da wir nicht als Gremienförderung funktionieren, sondern das Intendantenprinzip anwenden. Um nicht unzüchtig zu werden, haben wir von Anfang an von auswärtigen Experten Lektorate eingeholt. Und zwar nur von Personen, die dazu befähigt sind. Als wir darauf gekommen waren, dass etwa 60 Prozent der deutschen Produzenten Lektorate nicht für wichtig hielten, haben wir hier versucht Maßstäbe zu setzen. Wir betrachten das Lektorat als eine erste professionelle Begutachtung des Projektes mit Blick auf Handwerk, Inhalt und Marktwert. Wir betrachten das als wichtiges Regulativ für Autoren bzw. Produzenten. Weil dies für uns eine so hohe Bedeutung hat, haben wir gesagt, wir legen es breiter an und entwickeln einen Standardbogen. Standard heißt hierbei formal einmal vom Rahmen her und zum anderen bezogen auf etwa 88 Fragen, die international von Bedeutung sind. Wir kommunizieren das zunehmend auch nach außen. Es gibt Workshops an Filmhochschulen (München, Ludwigsburg) und die Resonanz der Produzenten ist insgesamt positiv. Ab diesen Herbst haben wir verbindlich eingeführt, dass jeder Produzent bei der Antragstellung ein Lektorat mitschicken muss. Damit kurbeln wir gleichzeitig noch einen anderen Bereich unserer Branche an. Nämlich den der Filmdramaturgen."

Neben der unmittelbaren materiellen Förderung von Filmprojekten und der umfassenden Beratung setzen Sie auch auf diverse Trainingsprogramme wie etwa das Projekt Pygmalion im Kinderfilmbereich.
"Unser Auftrag ist die qualitative und quantitative Verbesserung der Filmwirtschaft in unserer Region. Wir sehen das in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der Professionalisierung. Unter diesem Aspekt sehe ich Pygmalion als ein sehr gutes Projekt im Kinder- und Jugendfilmbereich. Es geht darum, ein Bewusstsein zu schaffen, dass Kinder- und Jugendfilm nichts für Berufsanfänger ist. Bei solchen Workshops soll man lernen, den Blick europäisch zu erweitern. Dabei sollen Allianzen und Koproduktionen mit anderen Ländern stimuliert werden. Das Projekt war zunächst für Fernsehformate. Wir beteiligten uns schließlich unter der Bedingung, dass man sich für das Schreiben für das Kino öffnet."

Wie stellt sich für Sie das Verhältnis zwischen Kunst und Wirtschaft hinsichtlich des Films dar?
"Ich beschreibe Film als janusköpfig. Film ist immer Wirtschaftsgut und er hat kulturelle Komponenten. Deswegen glaube ich, ist die Unterteilung in wirtschaftliche Filmförderung und kulturelle Filmförderung unsinnig, weil Film stets beides ist. Man muss aber auch sehr gut wissen, dass Filmförderung von der Politik und auch von uns sehr stark als Wirtschaftsförderung verstanden wird. Das hat etwas mit Arbeitsplatzsicherung zu tun und das hat mit dem sogenannten wirtschaftlichen Regionaleffekt und damit mit Steuern zu tun. Der wirtschaftliche Faktor ist eingehender. Die Ergebnisse lassen sich für sie über Statistiken bezüglich der verkauften Kinokarten und Steuerrückflüssen sehr viel eindringlicher belegen als der künstlerische Impuls. Dieser wiederum ist aber deswegen so bedeutsam, weil wir damit Teil der Bewusstseinsindustrie sind.
Kinofilm ist wirtschaftlich gesehen klein, aber sehr laut und hat eine hohe Bedeutung für unsere Identifikation. Zu den Ländern, aus denen Geschichten kommen, die bebildert sind, hat man eine andere Beziehung als zu jenen, wo die Geschichten nicht bebildert sind. Wir messen Erfolg von Filmen immer wirtschaftlich, aber gleichzeitig immer auch an Preisen, Festivaleinladungen, Prädikaten und ähnlichen Heraushebungen. Wir gehen sogar soweit, dass wir überlegen, Festivalerfolge in Geld zu übersetzen, damit dadurch den Produzenten ein geldwerter Vorteil entsteht."

Die Anschläge vom 11. September 2001 in Amerika haben sicher Auswirkungen auf unsere gesamte Medienkultur. Müssen wir etwas ändern?
"Also wenn Sie nach Einflüssen auf die Medienkultur fragen, dann wird das selbstverständlich so sein. Die Medien, insbesondere Fernsehen und Film, sind ja nur im Dialog mit der Gesellschaft denkbar. Wie sehr man aber in den Genres denken soll, ob Horrorszenarien noch aktueller werden oder eine Zeit lang vom Publikum nicht mehr so gefragt sein werden, das vermag ich nicht zu beurteilen. Die Menschen vergessen schnell, aber diese Ereignisse sind so irrational, dass sie uns lange, lange beschäftigen werden."

Kann es sein, dass wir uns über Kultur, auch über Filmkultur wieder stärker klar machen müssen, welches eigentlich unsere Werte sind? Wir haben ja mit allem angefangen zu spielen.
"Ganz sicher wird das so sein. Der Slogan 'alles ist möglich' hat am 11. September einen heftigen Dämpfer bekommen. Wir müssen die Dinge so zurechtrücken, wie sie wirklich sind. Ich glaube, da tritt jetzt eine philosophische Reflexion ein, die uns eine neue Besinnung auf unsere Grundwerte geben wird. Wie lange diese Besinnung anhält, ist eine ganz andere Frage."

Das Gespräch mit Prof. Klaus Keil führte Klaus-Dieter Felsmann

 

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