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Ausgabe 88-4/2001

"Eigentlich wollte ich Schauspielerin werden"

Gespräch mit Stefanie Sycholt, Autorin und Regisseurin des Films "Malunde"

(Interview zum Film MALUNDE)

Stefanie Sycholt, geboren 1963 in Pretoria/Südafrika, studierte an den Universitäten Natal und Kapstadt, engagierte sich in der Anti-Apartheid-Bewegung, war als Art Director für das Magazin "Drum" tätig, der ersten Zeitschrift Südafrikas, in der weiße und schwarze Redakteure zusammen arbeiteten. Nach ihrer Dissertation über das Thema "Film und Apartheid" kam sie Anfang der 90er-Jahre nach München, wo sie an der Hochschule für Fernsehen und Film ein Dokumentarfilmstudium aufnahm und mit dem Film "Mbube: The Night of the Lion" abschloss. "Malunde" ist ihre zweite Regiearbeit.

KJK: Was war der Auslöser für dieses "Roadmovie"?
Stefanie Sycholt: "Die politische Situation in Südafrika. Die Wende hat stattgefunden, jetzt müssen sich die Menschen zusammenfinden, gemeinsam die Zukunft angehen. Nur durch Freundschaften kann man Herzen öffnen. In manchen Schulen findet man schon richtige kleine United Nations. Natürlich sind auch meine eigenen Erfahrungen mit in die Geschichte eingeflossen, schließlich bin ich dort groß geworden, habe dort studiert und war in der Anti-Apartheid Studentenbewegung aktiv."

War das damals nicht ziemlich gefährlich?
"Eigentlich wollte ich Schauspielerin werden, aber die Kurse überschnitten sich mit Politologie. Ich empfand es als moralische Verpflichtung, politische Wissenschaft zu studieren. Wer will schon Schauspieler sein, wenn das Land brennt. Während des Studiums war ich zeitweise in der Führung der National Union of South African Students. Ich mag eigentlich gar nicht darüber reden, weil sich das im Nachhinein anhört wie die Abenteuer von James Bond. Für mich war es aber selbstverständlich zu kämpfen. Einige meiner Freunde landeten im Gefängnis, andere wurden gefoltert oder sogar umgebracht. Ich hatte Glück, dass man mich nur nachts in einer Polizeistation festhielt. In den 90er-Jahren herrschte in Südafrika Ausnahmezustand."

Was machte Ihnen am meisten Angst?
"Die weißen Polizisten, die nicht verstanden, warum eine junge, blonde Frau an der Seite dieser 'Dreckskerle', wie sie die schwarzen Südafrikaner nannten, für gesellschaftliche Veränderung stritt."

Sie stellen in "Malunde" zwei Kontraste gegenüber – den bärbeißigen Weißen und den flinken schwarzen Straßenjungen.
"Ich wollte den typischen Buren haben, den Kolonialherren, der etwas ungeschickt und unbeweglich ist, nicht nur körperlich. Als Kontrapunkt erfand ich dann die Figur des gewieften Straßenjungen, der blitzschnell auf Situationen reagiert und ein gutes Gespür für Menschen hat und – nicht zu vergessen – für Geschäfte."

Wie haben sie "Wonderboy" Kagiso Mtetwa zu dieser darstellerischen Leistung gebracht?
"Der Junge wurde im vergangenen August 12 Jahre alt. Er hatte vorher noch nie vor der Kamera gestanden. Wir haben vor dem Drehen zwei Wochen geprobt, Theaterübungen für Kinder gemacht und versucht, Wege zu finden, wie er seine eigenen Gefühle und Geschichten in die Handlung bringen kann. Bei einer traurigen Szene mussten wir dahin kommen, dass er seinen Emotionen vertraute. Wenn er weint, weint er wirklich, seine Tränen sind authentisch."

Der Erwachsene ist ein ziemlich verkrachter Typ mit Sehnsucht nach der Vergangenheit. Ist er typisch für die heutige Zeit?
"Er ist sehr repräsentativ für eine große Gruppe von Leuten. Viele Weißafrikaner und Soldaten, die vorher in einem geschützten Raum lebten und arbeiteten, manchmal nicht viel können mussten, verloren ihre Jobs und stehen jetzt auf der Straße. Erstmals sieht man auch weiße Bettler, so etwas gab es vorher nicht. Der Verlust von Privilegien schürt natürlich Hass. Erstaunlicherweise knüpfen die Leute im unteren gesellschaftlichen Milieu, die jetzt gezwungenermaßen Tür an Tür leben, viel mehr Kontakte untereinander, revidieren ihre Vorurteile. Die Reichen in den Riesenvillen leben weiterhin abgeschottet von der Realität."

Gibt es eine Chance für Südafrika?
"Seitdem der 'heilige Mandela' nicht mehr Präsident ist, sind wir ein normales Land. Jetzt muss jeder Einzelne einen weiteren Schritt machen, ganz persönlich die Gräben zwischen verfeindeten Gruppen und Rassen überwinden. Wenn wir uns selbst keine Chance einräumen, wer soll es dann tun?"

Wo fühlen Sie sich zu Hause?
"Mein Herz ist in Südafrika, da sind meine Freunde, meine Familie, dort finde ich meine inneren Bilder und Geschichten. Aber es ist schwierig, dort Filme zu machen. Mittlerweile pendele ich seit zehn Jahren zwischen Europa und Südafrika. Hier schätze ich die Freiheit, vor allem als Frau. In Südafrika wäre es unmöglich, allein zu leben oder nachts auf der Straße herumzulaufen."

Welche Art von Geschichten möchten Sie erzählen?
"Ich möchte von Bruchstellen menschlicher Existenz erzählen, von Gefühlen. Als Kind deutscher Eltern in einer ehemaligen Kolonie aufgewachsen, entwickelt man eine bestimmte Sensibilität zu politischen Themen. So handelt mein nächster Film von einer Kolonialgeschichte aus dem ehemaligen Deutsch-Südwest-Afrika."

Mit Stefanie Sycholt sprach Margret Köhler

 

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