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Ausgabe 89-1/2002

LOS PASOS PERDIDOS

Produktion: Atalanta Films s.l. / Anola Films s.l. / Alfa Vision; Spanien / Argentinien 2001 – Regie: Manane Rodriguez – Drehbuch: Manane Rodriguez, Xavier Bermúdez – Kamera: Juan Carlos Gómez – Schnitt: Esperanze Cobos – Musik: Fernando Egozcue – Darsteller: Irene Visedo (Mónica Erigaray), Luis Brandoni (Ernesto Erigaray), Concha Velasco (Ines Erigaray), Federico Luppi (Bruno Leardi) – Laufzeit: 104 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Anola Films, Gaztambide 11, 28015 Madrid, Spanien, Tel.: 0034-91-5494060 Fax: 0034-91-6497443, e-mail: cpa@retemail.es – Altersempfehlung: ab 14 J.

Zur Vorgeschichte: Siehe Filmkritik zu "Garage Olimpo" von Lutz Gräfe.

Monica Erigaray ist Anfang bis Mitte 20 und lebt in einem wohlbehüteten Elternhaus an der spanischen Mittelmeerküste. Ihr Vater Ernesto ist ein wohlhabender Geschäftsmann und so hat sie keine finanziellen Probleme. Weil ihr Vater nicht will, dass sie Malerin wird, arbeitet sie zurzeit in einem Kindergarten. Doch da ist dieser Traum, der sie verfolgt: Sie sitzt als kleines Kind in einer Badewanne und plötzlich wird das Wasser rot, als ob Blut hineintropfe. Unerwartet wird sie aus ihrer vertrauten Idylle gerissen und am Ende wird nichts mehr sein, wie es war. Denn der berühmte argentinische Schriftsteller Bruno Leardi kommt nach Spanien und erhebt unerhörte Vorwürfe: Monica sei gar nicht das Kind der Erigarays; sie sei vielmehr seine leibliche Enkelin und Ernesto sei auch gar kein konservativer Geschäftsmann, sondern in Wahrheit ein ehemaliger Folterknecht der argentinischen Militärdiktatur, der Monica als Kind ihren Eltern gestohlen habe, als sich diese in seiner Gewalt befunden hätten. Danach seien ihre Eltern verschwunden.

Zunächst tun Ernesto und seine Frau alles, um das Geschehen vor Monica geheim zu halten. Doch das muss natürlich scheitern. Auch in Monica vollzieht sich eine Wandlung: Erst will sie nichts davon wissen, weist alles zurück und will keinen Kontakt zu Leardi aufnehmen. Doch zusehends fallen ihr die Seltsamkeiten auf, die ihr Leben umgeben: Warum wird sie verfolgt; offenbar von einem Mann im Dienste ihres Vaters? Warum lehnen ihre Eltern den einfachsten Beweis der Elternschaft ab? Monica bräuchte sich doch bloß einem Gentest zu unterziehen und die Sache wäre klar. Eben weil dann alles klar wäre. Denn die bittere Wahrheit ist: Leardi hat Recht. Monica ist tatsächlich seine Enkelin und Ernesto war ein überzeugter Diener der Faschisten und hat heute noch Verbindungen zu deren Kreisen. Ja, er hat ihre Eltern zu Tode gefoltert und sie dann verschwinden lassen; übrigens in einem Folterzentrum, das durchaus die Garage Olimpo hätte sein können.

Die aus Lateinamerika stammende Filmemacherin Manane Rodriguez nahm sich hier eines Themas an, das in Argentinien in den letzten Jahren für Aufsehen sorgte. Denn Fälle wie der hier geschilderte waren unter der Diktatur keine Seltenheit und werden jetzt zusehends aufgearbeitet. Ein Prozess, der vor allem für die betroffenen Kinder mehr als schmerzhaft ist. Sie befinden sich in Zentrum von Auseinandersetzungen, die begannen, als sie noch Babys oder Kleinkinder waren. Sie müssen bereit sein zu erkennen, dass ihre "Eltern" nicht ihre Eltern sind, sondern im Gegenteil ihre biologischen Eltern zu Tode gefoltert haben. Die Reaktion der Kinder ist dabei sehr unterschiedlich: Manche wenden sich von ihren "Adoptiv"-Eltern ab und den neuen zu. Andere zerbrechen an dem Konflikt und wieder andere leugnen die Wahrheit und erklären ihre biologischen Verwandten zu kommunistischen Verschwörern. Auch Monica schwankt lange zwischen Ablehnung und Zustimmung und als in der Gerichtsverhandlung die ganze grausame Wahrheit über Ernesto ans Licht kommt, will sie sie einfach nicht hören. Dabei machen es sich Regie und Buch nicht einfach: Denn Ernesto ist ein Folterknecht, Faschist und Mörder und hat auch nie bereut, was er tat. Dennoch ist Monica sein ein und alles, er ist ihr in tiefer Liebe verbunden und würde alles tun, um sie zu beschützen. Letzteres wird ihm zum Verhängnis: Vor Monicas Augen lässt er Pablo, einen Kampfgefährten von Leardi, der sich Monica im Auftrag der Organisation der Verschwundenen näherte, sich aber in sie verliebte, zusammenschlagen, was bei ihr die ersten Zweifel an Ernestos Geschichte und den Glauben an Leardis Version weckt. Das ist eine der ganz wenigen, vielleicht etwas zu plakativen Szenen in Rodriguez' berührendem Melodram über eine junge Frau, die sich plötzlich zwischen allen Stühlen findet und in diesem Konflikt fast zerrissen wird. Am Ende wird sie nach Argentinien reisen, ihren Großvater besuchen und eine vorsichtige Annäherung versuchen. Das letzte Bild zeigt, wie sie zur Plaza del Mayo geht – dort demonstrieren die Mütter der Verschwundenen heute noch – und sich den Opfern der Diktatur anschließt. Sie hat zu sich gefunden.

Manane Rodriguez gelang ein gradlinig inszenierter Film mit Zwischentönen und ohne Schwarzweiß-Zeichnungen, der sein Thema ohne Zeigefinger aufbereitet und neben der starken Story intensive Darstellungen bietet, die die Figuren zu wirklichem Leben erwecken. Ein Film über den Schrecken, der hinter der bürgerlichen Idylle lauern kann; aber auch ein Film über die Untiefen des menschlichen Charakters. Denn die Diskrepanz in der Figur des Ernesto ist ja gerade in Deutschland nicht unbekannt: Waren nicht die SS-Führer und KZ-Chefs, die Ärzte, Richter und Anwälte, die freudig und grausam dem Regime dienten, auch liebevolle Väter, Großväter und Ehegatten?

"Los pasos perdidos" erhielt beim 46. Filmfestival von Valladolid eine Lobende Erwähnung seitens der FIPRESCI-Jury, weil "er sich mit der Vieldeutigkeit im privaten und politischen Kontext befasst und dafür plädiert, harte Wahrheiten bequemen Lügen vorzuziehen".

Lutz Gräfe

 

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