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Ausgabe 89-1/2002

NIRGENDWO IN AFRIKA

Produktion: MTM Medien & Television München / Constantin / Bavaria / Media Cooperation One; Deutschland 2001 – Regie und Buch: Caroline Link, nach dem gleichnamigen Roman von Stefanie Zweig – Kamera: Gernot Roll – Schnitt: Patricia Rommel – Musik: Niki Reiser – Darsteller: Juliane Köhler (Jettel Redlich), Merab Ninidze (Walter Redlich), Matthias Habich (Süßkind), Sidede Onyulo (Owuor), Lea Kurka (Regina, klein), Karoline Eckertz (Regina, groß) u. a. – Länge: 141 Min. – Farbe – FSK: ab 6 – Verleih: Constantin (35mm) – Altersempfehlung: ab 12 J.

Es ist nicht das nostalgische Kaffeeplantagen- und Safari-Afrika einer Karen Blixen, das Caroline Link in ihrem dritten Kino-Spielfilm (nach "Jenseits der Stille" und "Pünktchen und Anton") thematisiert. Jeder Vergleich mit Sydney Pollacks sensibler, intelligenter und vielschichtiger Liebesgeschichte "Jenseits von Afrika" (1985) ist – wie immer er ausfällt – unfair ebenso für den Hollywood-Regisseur wie für die junge talentierte Münchner Filmemacherin. Denn ihr Film spielt nicht in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts, sondern im "Dritten Reich". Nicht im exotischen Ambiente von Abenteuer-Romantik, sondern im Nirgendwo der Heimatlosigkeit.

Ein junger Anwalt arbeitet als Verwalter auf einer Farm in Kenia. Seine gesellschaftlich verwöhnte Ehefrau findet sich mit der kargen fremden Wirklichkeit nur schwer ab. Nur die gemeinsame fünfjährige Tochter freundet sich gleich mit dem einheimischen schwarzen Koch an. Es ist das Jahr 1938 und die junge jüdische Familie aus Breslau befindet sich in einer für jene Zeit typischen Emigrantensituation. Als Anwalt durfte Walter Redlich in Deutschland nicht mehr praktizieren, jetzt müssen er und seine Familie ein anderes Leben im fremden Land mit einer fremden Sprache und einer fremden Kultur beginnen.

Caroline Link hat aus dem autobiografischen Bestsellerroman von Stefanie Zweig einen großen epischen Film in klassischer Erzähltradition gemacht, fern aller falschen Folklore und animalischen Safari-Lust. Im Mittelpunkt des Films stehen Menschen, die ihr Leben leben wollen und versuchen, aus dem Schicksal, das sie schuldlos ereilt hat, das Beste zu machen. Während Walter sich realitätsbewusst mit den neuen Gegebenheiten vital arrangiert, hadert seine Frau Jettel anfangs heftig mit der extremen Einfachheit und Primitivität dieser neuen Situation. Die kleine Tochter Regina allerdings blüht auf, für sie ist alles ein großes spannendes Abenteuer, das weite Land, die freundlichen Menschen mit der seltsamen Sprache, die sie nicht versteht, aber mit Spaß und Eifer schnell lernt. Der Koch Owuor, ein großer schmaler ruhiger Mann mit einem wunderbar klaren Gesicht, wird Reginas großer Freund und bald auch für die ganze Familie zum unentbehrlichen treuen Partner, der ihnen das Gefühl des Fremdseins mehr und mehr nimmt.

Insgesamt neun Jahre sind die Redlichs in Kenia, und Caroline Link schafft es, ein Gefühl nicht nur für den Lauf der Zeit, sondern auch für die prägenden Ereignisse jener Jahre zu vermitteln, ohne dass sie in belehrenden Geschichtsunterricht ausartet. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, internieren die britischen Kolonialherren in Kenia alle Deutschen als Feinde, auch die jüdischen Emigranten. Die Männer in einer Kaserne, die Frauen in einem Hotel in Nairobi. In dieser Situation wird Jettel endlich aktiv und erreicht es schließlich, dass ihr Mann Walter, dem sein Job gekündigt wurde, eine neue Arbeit findet, auf einer Farm, wo die Familie und auch Owuor leben können. Als Regina 1940 aufs englische Internat kommt, tobt der Krieg noch weiter und die Nachrichten aus Deutschland sind schlecht. Erst zwei Jahre nach Kriegsende wird Walter Redlich, der inzwischen beim britischen Militär in Nairobi arbeitet, endlich wieder ein Angebot aus Deutschland bekommen. Seine Frau Jettel ist in der Zwischenzeit eine selbstbewusste Farmerin geworden. So ist Caroline Links Film – glänzend besetzt mit Juliane Köhler, Merab Ninidze, Lea Kurka/Karoline Eckertz und Sidede Onyulo – die aufregende Geschichte vom Leben in der Fremde in einer außergewöhnlichen Zeit.

Die Atmosphäre dieser Fremde macht Caroline Link konsequent und kompromisslos spürbar, indem sie keine schönen bunten Bilder von Zebras und Elefanten und malerischen Sonnenuntergängen zeigt, sondern eine eher herbe, trockene, auf einen Europäer zunächst unzugänglich wirkende Landschaft. Die Menschen dort sprechen eine andere Sprache – wie sollen sie, die Flüchtlinge, sich mit ihnen verständigen? Die Kolonialherren in Kenia sind Engländer – auch Englisch spricht die Familie Redlich bei ihrer Ankunft in Afrika nicht. Im Laufe ihres neunjährigen Aufenthalts wird sich das ändern, werden die Redlichs die Sprachen und mit ihnen die Kommunikation mit den Menschen dort lernen. Sie lassen sich, ihrer Notsituation gehorchend, auf die fremde Umgebung, auf Afrika, ein. Mit Abenteuer hat das weniger zu tun als mit praktizierendem Leben und einer Wirklichkeit, in der es vor allem ums Überleben geht – auch in der schwierig gewordenen Ehe der Redlichs, denen die Liebe abhanden zu kommen droht. Das macht den Film so spannend.

Frauke Hanck

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 89-1/2002 - Interview - "Die kleinen Momente sind für mich das, was die große Geschichte ausmacht"
KJK 89-1/2002 - Interview - Gespräch mit Karoline Eckertz
KJK 89-1/2002 - Interview - Gespräch mit Lea Kurka

 

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