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Ausgabe 89-1/2002

DER PRÄSIDENT UND SEINE ENKELIN

PRESIDENT I JEGO WNUTSCHKA

Produktion: KinoMost / Gold Vision; Russland 2000 – Regie: Tigran Keosajan – Buch: Elena Rajskaja – Kamera: Maxim Osadtschij – Schnitt: Lidija Wolochowa – Musik: Leonid Agutin – Darsteller: Nadeshda Michalkowa (Mascha), Oleg Tabakow (Präsident), Dina Korsun (Maschas Mutter), Wladimir Iljin (Onkel Sascha), Alexander Adabaschian (Doktor), Alena Chmelnitzkaja (Alisa) u. a. – Länge: 101 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Home Screen, Bolshoy Palashevskiy per. 5/1, 103104 Moskau, Russland, Tel. 007-095-9337 478, Fax 007-095-9337 497 – Altersempfehlung: ab 8 J.

Moskau kurz vor der Jahrtausendwende: Im Kreml tanzen maskierte Kinder mit Väterchen Frost um die Neujahrstanne. Mit ihnen drängeln sich zwei zwölfjährige Mädchen, die noch nicht ahnen, in welch verworrene Geschichte sie plötzlich geraten. Denn die Masken verbergen, dass soeben Zwillinge ihre sozialen Kostüme wechseln und in eine ihnen jeweils fremde Welt gestoßen werden, aus der es – für beide – offenbar kein Entrinnen gibt. Schnell ist das Motiv vom "Doppelten Lottchen" herbeizitiert. Und in der Tat scheinen sich die Schicksale zu ähneln, haben sich doch die beiden blutsverwandten Mädchen vorher nie gesehen. Doch halt: Während Luise und Lotte dereinst ihre Rollen bewusst vertauschten, schlüpfen die beiden kleinen Russinnen zufällig und unwissend in ihre neue Umgebung. Die eine, vorher Enkeltochter des Präsidenten und eher Noblesse gewohnt, muss sich nun mit einem ungewaschenen Nachthemd begnügen und statt Kaviar hart gekochte Eier zum Frühstück verzehren, während sich die andere zunächst naiv im Luxus austobt. Dass beide neben ihrer perfekten Ähnlichkeit zudem noch Mascha heißen, macht das Verwirrspiel überhaupt erst möglich. Denn im Gegensatz zu Kästners Erfolgsbuch wurde hier der eine Zwilling gleich nach der Geburt von einem ängstlichen Doktor der alleinstehenden und ahnungslosen Mutter genommen, um ihn stillschweigend der fehlgebärenden Tochter eines mächtigen Mannes unterzujubeln: des späteren Präsidenten Russlands.

Tatsächlich fühlt sich der armenischstämmige russische Regisseur Tigran Keosajan mit seinem Film eher zu Mark Twain hingezogen denn zu Erich Kästner. Der amerikanische Humorist nämlich hatte reichlich hundert Jahre zuvor einen Querschnitt durch die englische Gesellschaft zur Zeit Heinrich VIII. gezogen, indem er zwei einander täuschend ähnelnde Jünglinge, "Prinz und Bettelknabe", in die jeweils andere soziale Schicht rutschen ließ. Hier wie dort, gestern wie heute, wird die Kerkerhaftigkeit der veränderten gesellschaftlichen Stellung offenbar: Weder der junge Eduard VI. noch der einstige beinahe zum König gekrönte Bettler Tom Canty konnten sich kaum aus den sozialen Klammern befreien. Mascha wie Mascha im heutigen Russland ergeht es ähnlich. Die eine hat nun mit Flaschensammeln und Zeitungsverkauf zum kargen Verdienst der als Malerin erfolglosen "neuen" Mutter beizutragen, die andere versucht sich mit dem gutmütigen Leibwächter im neuesten strategischen Computerspiel und muss sich von "Opa", dem ehemaligen General, über militärische Operationen belehren lassen. Die Versetzung der beiden äußerlich ähnlichen, doch charakterlich so verschiedenen Kinder in das jeweils andere Gefüge verschafft "Verfremdung", schärft das Auge für das Gefälle von "oben" und "unten".

Bereits 1997 hatte der heute 35-jährige Filmemacher und Produzent – Mitbegründer und künstlerischer Direktor einer der derzeit größten Medienfirmen Russlands, "Gold Vision" – in einer Gegenwartsgeschichte Turbulenzen in konkreten, scheinbar fest gefügten gesellschaftlichen Strukturen verursacht. Damals war es die zwölfjährige Tochter einer neureichen Bankfrau, genannt "Arme Sascha" (Bednaja Sascha), die mit Hilfe eines Amateureinbrechers, eines arbeitslosen Informatikers, die Mutter zu einer armen, aber hingebungsvollen Hausfrau hinabsinken lassen wollte. Dabei ging und geht es Keosajan nicht um Düsternis, sondern er setzt eher bei aller Schärfe sozialer Kritik und genauer Alltagszeichnung auf unterhaltsame Geschichten mit nicht zu übersehender Komik und gedämpftem Optimismus.

Dass dies nun wieder gelang, ist neben der geschickt gebauten Story mit originellem Wortwitz sowie der Inszenierungskunst des Regisseurs vor allem der kongenialen Besetzung zu verdanken. Es sind besonders die exakt gezeichneten Charaktere, die der unglaublichen Geschichte Glaubwürdigkeit verleihen. Allen voran Nadja Michalkowa, jüngste Tochter des russischen Meisterregisseurs Nikita Michalkow, die nun hier nach ihren Auftritten in des Vaters Werken "Die Sonne, die uns täuscht" (1994) und "Barbier von Sevilla" (1999) erstmals in einer (zwei) tragenden Hauptrolle(n) brilliert. An ihrer Seite nicht minder überzeugend der berühmte Altmime Oleg Tabakow als "Präsident", mit seinem inzwischen ergrauten Schopf nahezu ein Ebenbild des russischen Originals, das exakt zur Handlungszeit des Films sein Amt abgab. Und der dennoch von der kleinen Nadja, die bravourös die Doppelrolle meistert, mit Charme, Schlagfertigkeit und einer unvergleichlich kindlichen und doch so reifen Mimik an die Wand gespielt wird. Als der Präsident seine vermeintliche Enkelin fragt, ob und warum ihn die Menschen für "böse" halten, kann die kleine Mascha es sich nicht verkneifen – und ein Universum von Regungen zieht sich über ihr Gesicht – zu antworten, dass ob seiner Aggressivität im Volke die Meinung vorherrsche, auf seinen Schultern säße "an Stelle des Kopfes eine Atombombe". Im Übrigen gelingt es Keosajan so scheinbar ganz nebenbei, aktuelle und brisante politische Themen in sein Werk einfließen zu lassen.

Ursprünglich sollte Michalkow selbst den Präsidenten verkörpern, doch auch so wirkt das Ensemble wie ein gut funktionierendes Familientheater. Mit von der Partie sind Alexander Adabaschian, Drehbuchautor einiger Filme Michalkows (u. a. "Fünf Abende" und "Schwarze Augen") in der Rolle des Gesundheitsministers und an seiner Seite Alena Chmelnitzkaja als des Doktors durchtriebene Komplizin und Gefährtin Alisa – in Wirklichkeit Gattin des Regisseurs.

In ihrer Ausweglosigkeit verbleibt den Zwillingen – und hier unterscheidet sich Keosajan von Mark Twain – nur die Revolte. Vor allem die Mascha, die nun "Enkeltochter des Präsidenten" spielen muss, vermag dem zarengleichen Potentaten furchtlos die Stirn zu bieten. Leider verläuft sich nach erfolgtem "Umtausch" der Mädchen der Konflikt in allzu vordergründige Harmonie und wenn sich am Schluss der nun gewendete Herrscher mit zwei Individuen aus dem Volke ein Glas "Jersh" gönnt (einziger Hinweis auf des wahren Präsidenten Leidenschaft) so scheint es, als sei mit dem Wodka ein gehöriger Schuss Utopie ins Glas gekippt worden.

Nach seinem Regiepreis beim russischen Filmfestival in Sotschi schlitterte der anwesende Regisseur beim 6. Kinderfilmfestival "Schlingel" 2001 in Chemnitz, nicht ganz schuldlos, haarscharf an der Ehrung mit zumindest einem der beiden Hauptpreise vorbei und musste sich – leider – mit zwei "lobenden Erwähnungen" begnügen.

Volker Petzold

 

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