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Ausgabe 93-1/2003

"Wir hatten das Gefühl, etwas erschaffen zu haben, das alle berührte "

Gespräch mit Morton Kohlert, Regisseur des Films "Kleines starkes Mädchen"

(Interview zum Film TINKE – KLEINES STARKES MÄDCHEN)

KJK: Warum machen Sie Filme?
Morton Kohlert: (lacht) "Ja, warum mache ich Filme? Ich weiß es wirklich nicht. Ich glaube, dass es reiner Zufall war, der mich zum Film brachte. Warum ist die Frage nur so schwer zu beantworten? Für mich ist Film eine der wichtigsten zeitgenössischen Kunstformen, wenn man Film Kunst nennen kann. Ich glaube nämlich auch, dass man das mit genau derselben Haltung angehen kann als wäre man Zimmermann. Für mich hat Film und Kino die größtmögliche Wirkung auf die größtmögliche Zahl von Menschen. Es ist ein sehr einflussreiches Kommunikationsmittel.
Vorher war ich Musiker und schrieb Songtexte; habe schon in der Schule Theater gespielt, später im Varieté. Und mir scheint es, als hätte ich schon immer etwas mitzuteilen gehabt. Und heute mit 40 Jahren tue ich das mit meinen Filmen. Bis ich 25 war, machte ich Musik und merkte dann aber, dass ich das nie professionell würde machen können. Dann habe ich zwei Jahre lang als Journalist gearbeitet, musste aber feststellen, dass ich kein Journalist sein wollte. Ich wollte etwas erschaffen und nicht über die Schöpfungen anderer Leute schreiben. Ich ging zur Dänischen Filmschule und merkte, dass ich das maßlos interessant fand. Heute mache ich Filme, weil ich wohl in keinem anderen Bereich meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Ich hab's auch schon mit Werbung probiert, aber es hat einfach nicht funktioniert. Also muss ich einfach weiter Filme machen."

Ihr Film ist ja sehr assoziativ montiert, besonders im ersten Teil. Wie haben Sie den Schnitt gestaltet?
"Ich überlegte sehr lange, wer den Schnitt übernehmen sollte und war auch die ganze Zeit am Schneidetisch dabei. Anne Oesterud kannte ich noch von der Filmschule und sie hatte zuvor bei einigen erfolgreichen dänischen Filmen den Schnitt besorgt. Sie war übrigens auch mal Musikerin. Meiner Ansicht nach ist in ihrer Arbeitsweise viel Rhythmus, viel Musik zu spüren. Darum wollte ich unbedingt sie als Cutterin. Als sie schwer krank wurde, mussten wir für ein paar Wochen jemand anderen einstellen. Das war Janus Billeskov Jansen, der langjährige Cutter von Bille August. Er hat in meinen Augen eine sehr viel konventionellere Arbeitsweise. Den zweiten Teil hat er fast ausschließlich allein geschnitten und darum wirkt das auch anders.
Das Schlüsselwort war Sinnlichkeit und ich wollte versuchen, das Gefühl zu erzeugen, dass man wirklich dort unter den Menschen war, als "nur" die Geschichte voranzutreiben. Ich wollte den Geruch, die Angst, den Regen und die Gefühle zeigen und versuchte mich stärker auf die Figuren und weniger auf die Geschichte zu fokussieren."

Szenen wie die, in der die Kinder einander das erste Mal begegnen und wir mit Tinke aus dieser Höhle heraus schauen, wirken ja sehr modern.
"Ja, da habe ich auch besonders drauf geachtet. Ich glaube, dass wir vor allem in Dänemark ein Problem mit historischen Filmen haben. Wir neigen dazu sehr langsam, ja langweilig zu werden, als ob wir immer zu beweisen versuchen, wie clever wir beim Bau der Kulissen sind. Natürlich mussten wir uns einigen, wann der Film genau spielt, also 1850. Und natürlich sollten sie 1850 so gut und so clever wie möglich rekonstruieren. Aber danach wollte ich damit so umgehen, wie es mir richtig erschien und wie ich es wollte. Ich sprach mit einem befreundeten Kollegen, der zur selben Zeit ebenfalls einen historischen Film drehte. Wir hatten genau dieselben Probleme. Als ob der Film aus sich heraus auf die traditionelle Weise gemacht werden wollte und wir dagegen ankämpfen mussten. So haben wir versucht uns beim Drehen von modernen TV-Serien inspirieren zu lassen."

Sie haben den Film chronologisch gedreht. Warum?
"Weil das für alle am besten ist: Für mich, für die Kinder und weil es einfach Spaß macht. Es hilft auch bei einigen Problemen, die man etwa beim Drehen in der freien Natur bekommt."

Wie haben Sie die Hauptdarstellerin Sarah Juel Werner gefunden? Denn schließlich ist es ihr Film; sie trägt ihn fast alleine.
"Ja, das stimmt und ich wusste vorher, dass es genauso so sein würde. Ich habe über eine Casting-Agentin nach ihr gesucht und dabei 1200 bis 1400 Mädchen und 600 Jungen gesichtet. Ich suchte genau die eine, die passt. Das Problem dabei ist jedoch, dass keine passt, keine passen kann. Es braucht seine Zeit, bis man das als Regisseur erkennt. Man muss vielmehr nach jemand mit Talent suchen als sich auf die Suche nach jemand zu begeben, den es einfach nicht gibt. Eigentlich habe ich das wohl die ganze Zeit gewusst, aber wie beim Filmschnitt muss man bestimmte Phasen durchleben, bis man dahin kommt.
Sarah war schon ganz am Anfang unter den ersten Kandidatinnen. Mir fiel sie gar nicht auf, der Agentin aber schon und so kam sie in die zweite Runde. Als wir sie anriefen, nachdem wir vorher nein gesagt hatten, meinte sie, sie wolle es sich überlegen. Klar, wir hatten ja noch nicht mal zugesagt, sondern sie nur um ein erneutes Vorsprechen gebeten. Sie kam dann doch und ich habe die ganze Zeit an ihr gezweifelt. Mir war sie zu schüchtern und außerdem hatte ich immer das Gefühl, sie sei großartig, wenn man jemanden haben wollte, für den das Publikum Mitleid empfinden sollte. Aber die Stärke, die Tinke haben sollte, war einfach nicht da. Und ich glaube auch, dass wir diese Stärke in ihr mit aufgebaut haben. Das hat sie dann doch etwas verwirrt, denn sie war wirklich ein nettes Mädchen.
Ihre Eltern hatten sich gerade erst scheiden lassen und sie war die fürsorgliche große Schwester für ihren kleinen Bruder. Sie war ganz anders als Tinke, kein Wolf. Sie war zurückhaltend, immer nett. Entweder mussten wir das in ihr finden oder es erzeugen. Ich glaube aber schon, dass die Stärke, die man im Film sieht, in ihr ist. Die kann man einfach nicht vorgaukeln, die muss man haben. Sie hatte aber wohl ein wenig Angst, so rebellisch zu sein. Ich bat die Casting-Agentin, beim Film als Betreuerin zu arbeiten. So waren wir eine Art Familie: Sie, ich und die beiden Kinder."

War es eigentlich schwierig, einen Darsteller für Laurus zu finden? Denn der musste ja älter sein und einen Jungen spielen, der von einem jüngeren Mädchen dominiert wird.
"Dafür braucht man wohl eine Menge Mut. Peter Jeppe Hansen hat diesen Mut. Er kam gerade in die Pubertät so zwischen 12 und 13. So wurde es für ihn immer schwerer, diese Figur zu spielen."

Als Sie die Szene drehten, in der die Mutter stirbt, haben Sie alle am Set um vollständige Ruhe gebeten, die Crew auf ein Minimum reduziert und das Set abgedunkelt. Das erinnert mich an Vorbereitungen zu einer Sexszene.
"Ganz richtig, und meiner Meinung nach ist es genau das Gleiche. Ich glaube, als wir die Szene vorbereitet haben, wusste niemand, was wir da eigentlich taten. Ich meine auch, dass die Tränen gar nicht im Drehbuch standen. So glaubte jeder, dass die Mutter der Tochter nur das Halsband geben sollte. Doch als wir die Szene probten, fiel mir auf, dass diese Szene etwas sehr Authentisches hat, wenn die Mutter das Kind in einem Atemzug trösten und zugleich wegschicken will. Und wenn du ein Kind bist, nur Vater und Mutter hast, dein Vater aber tot ist und deine Mutter im Sterben liegt und versucht dich wegzustoßen, glaube ich kein Kind würde gehen, sondern jedes würde versuchen zu bleiben. Da erkannten wir, dass das eine hochemotionale Szene ist und die Atmosphäre am Set war sehr gespannt. Alles war ruhig und beim Dreh haben alle geweint. Wir drehten die Einstellung dreizehn Mal und ich sah mir alle an und hätte einfach jede davon nehmen können. Da saßen dann draußen fünf gestandene Männer auf einer Bank, sahen die Szene auf dem Monitor und weinten, so intensiv war das. Da hatten wir wirklich das Gefühl, etwas erschaffen zu haben, das alle berührte."

Arbeiten Sie schon an einem neuen Projekt.
"Ja und zwar an einer Tragödie. Ich komme vom Land und habe meine Kindheit auf einem kleinen Dorf verbracht. Ich würde gern die Geschichte von drei Männern von Mitte 40 erzählen, die schon seit der Schule befreundet sind. Eine klassische Dreiecksgeschichte, nur mit drei Männern. Ich möchte gerne von ihrem wirklich merkwürdigen Leben auf dem Dorf erzählen, das zwar nichts mit Geld und Erfolg zu tun hat, aber dennoch ein gutes Leben ist."

Interview: Lutz Gräfe

 

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