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Ausgabe 94-2/2003

CAROLS REISE

EL VIAJE DE CAROL

Produktion: Aiete / Ariane / Sogecine c/o Sogepaq; Spanien / Portugal 2002 – Regie: Imanol Uribe – Buch: Angel Garcia Roldán, Imanol Uribe, nach dem Roman "A boca de noche" von Angel Garcia Roldán – Kamera: Gonzalo F. Berridi – Schnitt: Teresa Font – Musik: Bingen Mendizábal – Darsteller: Clara Lago (Carol), Juan José Ballesta (Tomiche), Alvaro de Luna (Amalio), Rosa María Sardá (Maruja) u. a. – Länge: 104 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Sogepaq, Fax: 0034-91-7368990, e-mail: bsetuain@sogecable.com – Altersempfehlung: ab 10 J.

Der Film beginnt gemächlich, fast idyllisch, und konfrontiert doch ständig. Eine feine Dame aus dem Ausland reist mit ihrer Tochter in die spanische Provinz. Auf dem Bahnsteig das gewöhnliche Treiben, aber auch die mürrisch kontrollierenden Soldaten. Die Kutschfahrt durch heitere Landschaft, in der ferner Donner grollt. Ernste Gespräche unter Erwachsenen, Übermut bei den Kindern. Kein Urlaub auf dem Lande, sondern die Ankunft im Krieg. Im weiteren Ablauf der Fabel werden wir dann auch häufiger Szenen sehen, bei denen die Bewegung im Bild der der Kamera ebenfalls gegenläufig ist. Das verstört, hält wach, sensibilisiert.

Spanien 1938. Die Interbrigadisten der Volksfrontregierung kämpfen aussichtslos gegen Francos Söldner. Es sind die letzten Wochen, die letzten Tage. Genau an dieser Schnittstelle von Zeitgeschehen, vor diesem Hintergrund, erleben wir die kurze Geschichte von Carol und Tomiche. Das ist die Folie: Eine Hoffnung stirbt im Kugelhagel vor Madrid. Der Film erzählt das Gegenteil: Zwei Kinder finden und stehen füreinander in Freundschaft, Zuneigung, Solidarität. Eine Hoffnung blüht auf. Ein Zittern geht durch diese Geschichte. Rührt es von der ersten unschuldigen Liebeserfahrung, deren Zeuge wir werden? Oder hat es seine Ursache in der allgegenwärtigen Bedrohung durch den Krieg? Auch wenn die Begegnung tragisch endet, Tomiche wird sterben, so feiert der Film eben doch in einer grandiosen Schlusseinstellung diese Hoffnung. Als das Mädchen wieder abreist, fahren die anderen Freunde winkend auf dem Rad hinterher, und plötzlich ist der ermordete Junge Tomiche wieder unter ihnen.

Imanol Uribes Film belegt in mehrfacher Hinsicht, dass ein guter Kinderfilm zuerst ein guter Film ist. Da ist eine wichtige Geschichte, flüssig erzählt, mit genau konturierten Helden, voller Gefühl, dabei die Härte des Konfliktes nicht aussparend. Sie siedelt an zwischen Fiktion und Realität, zwischen Abbild und Legende und sie ist wahr, denn sie preist das Leben. Da sind die Kinderdarsteller, die nicht eine vergangene Geschichte vorführen und herzeigen, sondern ihr heutiges Lebensgefühl in sie einbringen, überzeugen und Identifikation herausfordern. Die Kamera fängt nur Zeichen ein und malt nicht in Historie. Das Detail spielt sich nicht in den Vordergrund, bestimmt nicht die Szene, es charakterisiert sie sinnfällig, lenkt die Aufmerksamkeit auf das Handeln der Protagonisten. Die Meinung kam auf, dies sein kein Film für Kinder. Dem stimme ich nicht zu. In einer Welt, die ihren jüngsten BewohnerInnen immer wieder – neue (?) – Kriege zumutet und aufbürdet, haben diese auch das Recht zu erfahren, was er anrichtet.

Joachim Giera

 

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