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Ausgabe 94-2/2003

GOOD BYE, LENIN

GOOD BYE,  LENIN

Produktion: X Filme Creative Pool; Deutschland 2003 – Regie: Wolfgang Becker – Buch: Bernd Lichtenberg – Kamera: Martin Kukula – Schnitt: Peter R. Adam – Musik: Yann Tiersen – Darsteller: Daniel Brühl (Alex Kerner), Katrin Saß (Mutter), Florian Lukas (Denis), Chulpan Khamatova (Lara), Maria Simon (Ariane), Alexander Beyer (Rainer), Michael Gwisdek (Direktor Klapprath) u. a. – Länge: 121 Min. – Farbe – FSK: ab 6 – Verleih: X Verleih – Altersempfehlung: ab 12 J.

Bewegte Bilder aus der Kindheit in typischen Orwo-Farben, dazu eine Stimme aus dem Off, Alex Kerner erzählt. Ja, die Kindheit war schön bis auf den Tag, als der Vater wegen einer anderen Frau in den Westen abhaute, woraufhin die Mutter verstummte und erst nach zwei Monaten Klinikaufenthalt wieder war wie zuvor: Unternehmungslustig, humorvoll, mit großer Hingabe für ihre beiden Kinder Alex und Ariane und für den sozialistischen Staat DDR. Schnitt. Alex ist herangewachsen. Mehr zufällig gerät er in die "Spaziergangsdemonstration" in Berlin am 7. Oktober 1989 anlässlich des 40. Jahrestages der DDR, angelockt von dem lachenden Gesicht eines hübschen Mädchens. Währenddessen macht seine Mutter sich fein für den Festakt im Palast der Republik, geht auf die Straße und sieht mit zunehmender Fassungslosigkeit, wie gewaltbereite Polizisten gegen Demonstranten vorrücken, unter ihnen ihr angeschlagener Sohn Alex. Sie bricht zusammen, wird zu spät in die Klinik eingeliefert, ist ins Koma gefallen. Die Ärzte machen Alex und Ariane wenig Hoffnung. Doch Alex gibt nicht auf, besucht täglich die Mutter, hält ihre Hand, spricht mit ihr. Ganz in der Nähe ist auch die junge Russin Lara, jenes Mädchen vom 7. Oktober, das hier als Lernschwester arbeitet. Als Alex und Lara sich zum ersten Mal küssen, erwacht die Mutter – nach acht Monaten Koma! Ein Wunder. Sie hat den Mauerfall verschlafen, die Wende, die Vereinnahmung des Ostens durch den Westen, die Währungsunion, die Euphorie über all die tollen Westwaren, für die die DDR-Bürger ihre einst gepriesenen Produkte rücksichtslos ausrangieren. Nichts ist mehr wie es war.

Die Ärzte lassen keinen Zweifel: Jede noch so kleine Aufregung kann tödlich sein. Für Alex bedeutet das die totale Aufregung: Wie soll die Mutter, eine aufrechte und durchaus kritikfähige Sozialistin, die neue deutsche Wirklichkeit verkraften, allein die tägliche Bild-Zeitung. Da sie im Krankenhaus vor Informationen nicht sicher ist, muss sie unter allen Umständen nach Hause, wo Alex für sie die DDR wieder auferstehen lässt. Die Schwester, Freunde und Hausbewohner vergattert er zur Linientreue. In seinem neuen Arbeitskollegen findet er den idealen Partner. Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder dauern etwas länger, wie zum Beispiel die "Aktuelle Kamera", die Tagesschau des DDR-Fernsehens, in der Alex und sein Freund mit realen Bildern ihre phantastisch verdrehte Wirklichkeit belegen.

Der Mutter geht es besser. Bei einem Ausflug auf die Datsche beichtet sie den Kindern ihre große Lebenslüge. Die hören unbewegten Gesichts zu. Für Alex kein Grund, nun seinerseits mit der Lüge herauszurücken. Auch Ariane besteht nicht auf Wahrheit. Danach wird Frau Kerner erneut mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht. Der Film und das Leben der Mutter enden nach Alex' großartiger Fernsehinszenierung, bei der der 41. Jahrestag der DDR um vier Tage vorverlegt wird auf den Tag der deutschen Einheit. Und draußen tobt ein Feuerwerk. Good Bye Mama, Alex ist davon überzeugt, das Richtige getan zu haben.

Was der wochenlang vor der Premiere gezeigte Trailer befürchten ließ, löst der Film Gott sei Dank nicht ein, kein Klamauk, kein Gagfestival, kein Lustigmachen über Trabbi und Tempo-Erbsen, sondern ein absurdes, aberwitziges Stück deutscher Geschichte, ganz real erlebt im noch existierenden und rasant untergehenden Sozialismus. "Good Bye Lenin" ist auch ein Film über die Lüge, die alles darf, wenn Liebe das Motiv ist. Alex jedenfalls wird von niemandem dafür bestraft, auch nicht vom Leben.

Mit großem Gespür für die Befindlichkeit eines Heranwachsenden, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, familiär wie gesellschaftlich, haben Regisseur Wolfgang Becker ("Das Leben ist eine Baustelle") und Drehbuchautor Bernd Lichtenberg einen heiteren, traurigen, wehmütigen, oft zu Herzen gehenden Film geschaffen, kenntnisreich, was den DDR-Alltag betrifft, und mit großer Liebe zu den Protagonisten. Durch den ahnungslosen Blick der Mutter erscheint auch dem Zuschauer die jüngste deutsch-deutsche Geschichte als ein unglaubliches Ereignis im Gegensatz zu Alex' tollkühnem Wiedervereinigungsentwurf. Mit Daniel Brühl als Alex und Katrin Saß als Mutter Kerner hat der Regisseur die ideale Besetzung gefunden für diese anspruchsvollen Rollen. Auf der diesjährigen Berlinale wurde "Good Bye Lenin" als bester europäischer Film mit dem Preis "Blauer Engel" ausgezeichnet.

Nach "Sonnenallee" und "Helden wie wir" ist "Good Bye Lenin" ein weiterer deutscher Film, der die Wiedervereinigung aus der Sicht der von den Ereignissen überspülten und entwurzelten DDR-Bürger mit Sympathie und Respekt thematisiert.

Gudrun Lukasz-Aden

P.S.: "Good Bye Lenin" verzeichnet schon jetzt einen Besucherrekord – innerhalb der ersten sechs Wochen (Kinostart am 13. Februar 2003) sahen bereits über vier Millionen den Film.

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.GOOD BYE, LENIN im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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