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Ausgabe 94-2/2003

ICH HABE KEINE ANGST

IO NON HO PAURA

Produktion: Colorado Film – Cattleya / Alquimia Cinema / The Producers Film (Not Scared); Italien / Spanien / Großbritannien 2002 – Regie: Gabriele Salvatores – Buch: Niccolò Ammaniti und Francesca Marciano, nach dem gleichnamigen Roman von Niccolò Ammaniti – Kamera: Italo Petriccione – Schnitt: Massimo Fiocchi – Musik: Pepo Scherman, Ezio Bosso – Darsteller: Giuseppe Cristiano (Michele), Mattia di Pierro (Filippo), Altana Sánchez-Gijón (Anna, Giuseppes Mutter), Dino Abbrescia (Pino, Giuseppes Vater), Giorgio Careccia (Felice), Diego Abatantuono (Sergio, der Römer) u. a. – Länge: 109 Min. – Farbe – Verleih: noch offen – Weltvertrieb: Capitol Films, London, Fax 0044-207 4716012 – Altersempfehlung: ab 12 J.

Süditalien 1978, im heißesten Sommer des vergangenen Jahrhunderts. In Acqua Traverse, einem nur ein paar Häuser zählenden Weiler, wagen sich nur noch die Kinder tagsüber nach draußen. Mit ihren Fahrrädern schlagen sie Schneisen ins Korn, das ihnen bis zur Brust reicht. In die goldenen Weizenfelder der welligen Hügel-Landschaft tauchen sie ein wie ins Meer, das höchstens fünfzig Kilometer entfernt sein soll. Anführer der Kinder ist Antonio, der aus einem schon vergessenen Grund "Totenkopf" genannt wird. Mit seinen zwölf Jahren ist er der "Bestimmer", der Stärkste und Älteste von ihnen. "Immer macht ihr, was er sagt!", klagt die dicke Barbara, die sich – zur Strafe, dass sie die letzte war, die den Hügel mit dem verfallenen Haus erklommen hat – auf sein Geheiß vor allen Kindern die Hose herunterziehen soll. Da gibt der zehnjährige Michele zu, dass er der letzte gewesen ist, wenn auch nur, weil er sich um seine kleine Schwester kümmern musste, die hingefallen war. Der "Totenkopf" ist sauer und verlangt nun von Michele, in den ersten Stock des verfallenen Hauses zu klettern, es auf einem Dachbalken zu durchqueren und auf der anderen Seite wieder herunter zu springen.

Eine lebensgefährliche Mutprobe, bei der Michele auch noch die bei dem Sturz in zwei Teile zerbrochene Brille seiner Schwester verliert. Allein kehrt er deshalb noch einmal um und entdeckt in einem Erdloch ein – ja, was eigentlich: ein Tier? Nein, da sind unter einer dreckigen Decke nackte Füße zu sehen; ein Monstrum, ein Wiedergänger, ein Mensch, eine ... Leiche? Erschreckt flüchtet Michele. Vor den anderen verheimlicht er seine Entdeckung, mit seinem Vater, dem Lastwagenfahrer Pino, der gerade von einer längeren Tour nach Hause gekommen ist, will er darüber sprechen. Doch irgendwie kommt es nicht dazu. Am nächsten Tag macht sich Michele erneut auf den Weg und erkennt in dem Wesen, das da in dem Loch angekettet ist, einen anscheinend verwirrten gleichaltrigen Jungen. Für tot hält der sich und Michele für seinen Schutzengel. Mit Essen wird er anscheinend versorgt. Da ist ein Topf, aber: stammt der nicht aus dem Haushalt von seiner Mutter?!

Mit Michele entdecken wir nicht nur das Opfer, den vor zwei Monaten aus Pavia entführten lombardischen Industriellen-Sohn Filippo Carducci, sondern alsbald auch die ganze grausame Wahrheit: Nicht nur Felice, der unberechenbare Bruder des "Totenkopfs", und Vaters zwielichtiger, in Brasilien lebender Freund Sergio aus Rom, nein, auch Micheles Vater, alle Erwachsenen in Acqua Traverse sind als Täter oder Mitwisser in das Verbrechen verwickelt. Wem kann Michele da noch irgendwas glauben? Schließlich vertraut er sich seinem besten Freund Salvatore an, der das Geheimnis wenig später für eine Auto-Fahrstunde an Felice verrät. Michele wird bei Filippo gefunden. Daraufhin muss er seinem Vater schwören, nicht wieder zu dem gefangenen Jungen zu gehen. Anderenfalls müsse dieser unverzüglich erschossen werden. Natürlich kann Michele das nicht riskieren. Filippo wird vergeblich auf ihn warten, obwohl er ihm doch versprochen hat, wiederzukommen. Wir erleben, wie einsam Michele wird, bis er sich schließlich durchringt, den Jungen zu retten: "Ich habe keine Angst!"

Ein Thriller, der zur Hoch-Zeit der Entführungen im Süden Italiens spielt. Armut, geistige Enge und Gewalt in einer unwirklich schönen Landschaft mit einem strahlend blauen Himmel über einer Wüste aus Weizen, in der kein Baum Schatten vor der erbarmunglos niederbrennenden Sonne spendet, bilden eine in sich geschlossene Welt, die die Kinder weitgehend sich selbst überlässt. Gezeigt wird das Geschehen ausschließlich aus der Perspektive des zehnjährigen Helden, auch die Kamera bewegt sich auf Micheles Augenhöhe von ca. eineinhalb Metern; doch gelegentlich wird dieses Niemandsland aus größtmöglicher Distanz von oben gefilmt und dann werden wir aus der Subjektivität der Wahrnehmung in die Rolle des unbeteiligten Beobachters gedrängt, ein fast schmerzhafter Prozess.

"Warum sollte das Privileg einer epischen Darstellung im Film nur einem John Wayne vorbehalten sein?", fragte sich der Regisseur Gabriele Salvatores und stellte die Kinder in den Mittelpunkt seines Films. Sein Epos, das "aus "Entdeckungen, Ängsten, Ungehorsam und Solidarität" entsteht, beruht auf dem gleichnamigen Roman des renommierten italienischen Nachwuchs-Autors Niccolò Ammaniti, der für dieses Buch 2002 mit dem anerkannten "Premio Viareggio" ausgezeichnet wurde. In Deutschland ist es gerade unter dem Titel "Die Herren des Hügels" bei Bertelsmann erschienen. Der aus Neapel stammende Gabriele Salvatores, Jahrgang 1950, hat lange an dem von ihm 1972 in Mailand gegründeten und renommierten "Teatro dell'Elfo" Regie geführt, bevor er 1983 mit der Verfilmung seines in Anlehnung an Shakespeares "Sommernachtstraum" geschriebenen und inszenierten Rock-Musicals auch als Kino-Regisseur debütierte. Mit "Marrakesh Express" (1989) erregte er einiges Aufsehen, sein 1991 gedrehter Film "Mediterraneo" wurde ein Jahr später mit dem Oscar für die beste fremdsprachige Produktion ausgezeichnet.

Unvergesslich an seiner neuen, nicht weniger konsequenten Arbeit "Ich habe keine Angst" (das persönliche Fürwort ist im Italienischen nicht nötig und betont die subjektive Perspektive dieser Geschichte) sind die suggestiven Bilder, die unaufdringlich, aber nachdrücklich unterstützt werden durch ein Streichquartett. Besonders aber durch die herausragenden Leistungen seiner Schauspieler, vor allem die der Kinder, deren Sprache, Blicke und Bewegungen so authentisch wirken, dass sie die Anwesenheit einer Kamera vollkommen vergessen zu haben scheinen. In Erinnerung bleiben aber auch die Darstellung der jungen spanischen Schauspielerin Aitana Sánchez-Gijón als Micheles Mutter, von Giorgio Careccia als Felice und besonders die von Diego Abatantuono als Gangster-Boss Sergio.

Uta Beth

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 94-2/2003 - Interview - "Keine Angst zu haben bedeutet für mich Freiheit"

 

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