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Ausgabe 94-2/2003

"Keine Angst zu haben bedeutet für mich Freiheit"

Gespräch mit Gabriele Salvatores, Regisseur des italienisch-spanisch-englischen Spielfilms "Io non ho paura" / "Ich habe keine Angst"

(Interview zum Film ICH HABE KEINE ANGST)

KJK: Was hat Sie an der Verfilmung von Niccolò Ammanitis Roman gereizt?
Gabriele Salvatores: "Für mich war das eine starke Geschichte, die Elemente des Entwicklungsromans, der Fabel und des Thrillers enthält, noch dazu mit Kindern als Protagonisten. Das zu verfilmen schien mir sehr reizvoll, denn ich war schon länger auf der Suche nach einem Stoff, der es mir gestattet, unsere Welt nicht realistisch abzubilden. Sie durch die Kinder-Augen zu zeigen, schien mir ein höchst interessanter Filter und gab mir die Gelegenheit, etwas ganz Neues auszuprobieren. Und obwohl Niccolò eine Ecke jünger ist als ich, 16 Jahre nämlich, haben wir vieles gemeinsam, auch in Bezug auf unsere Vorstellungen vom Kino, und so ließ ich ihn auch am Drehbuch mitschreiben Es war eine sehr gute Zusammenarbeit und ich bin sicher, er wird selbst mal Regie führen."

Die subjektive Sicht kommt ja bereits im Titel zum Ausdruck. Alle haben Angst hier, aber Michele besiegt sie. Was ist Angst für Sie?
"Ja, das 'Io' ist im Italienischen nicht nötig, es betont das persönliche Fürwort. Ich habe keine Angst – du vielleicht, aber ich nicht. Man könnte es wie eine Art Mantra ständig wiederholen, um sich Mut zu machen in einer Welt, in der es so viel gibt, was ängstigt, Kriege zum Beispiel. Und in meinem Thriller passiert alles, was Angst macht unter der hellen Sonne, nicht im Dunkeln. Doch für ein Kind ist ein Weizenfeld etwas, das vieles verdecken kann, was man nicht sieht. Ähnlich ist es mit der Familie, in deren Schoß der Feind sitzen kann – in diesem Fall also der Vater. Und diese Ambivalenz, das Doppelantlitz von Gut und Böse, erzeugt Angst. Ich selbst war auch ein ängstlicher Junge – die katholische Kirche mit ihren Geschichten und Mythen tat das ihre dazu. Ich bin in Neapel aufgewachsen, in einer bürgerlichen Familie. Mein Vater war Anwalt und ich wäre sicher auch Anwalt geworden, hätte mich nicht die Rock-Musik der 70er-Jahre davor gerettet. Ich war auf einer Klosterschule und hatte immer Angst, ich müsse Priester werden. Vor allem aber hatte ich Angst vor Monstern, die ihre Form und Gestalt verändern können. Doch mit dem Film habe ich mich nicht auf meine Ängste bezogen, sondern versucht, die Ängste der Kinder von heute zu verstehen.
Obwohl auch Michele zu Anfang große Angst hat, dass der kleine Junge in dem Loch ein Monster sei, und langsam, erst mit der Zeit, merkt er, dass sie einander ähnlich, dass sie gleich sind. Mit dieser Erkenntnis überwindet er seine Angst und ist in der Lage, sich aufzulehnen gegen den Vater. Indem man das dumpfe Gefühl des Andersseins überwindet, den anderen kennen lernt und sich als ähnlich empfindet, überwindet man seine Angst, hört auf mit dem Raushalten, Abhalten und Bekämpfen, dem Bombardieren. So entsteht Solidarität und mir scheint, in einer Welt, die von uns fordert, einzigartig und anders als alle anderen zu sein, ist es wichtiger, unsere Angst zu überwinden und das Gemeinsame zu erkennen. Keine Angst zu haben bedeutet für mich Freiheit."

Kann ein Jugendlicher von heute verstehen, warum Michele Filippo so lange in dem Loch lässt?
"Ein Kind von heute würde vielleicht sogar denken: Da mache ich mir nicht groß die Hände schmutzig, ich halte mich besser da raus, denn ändern kann ich ja doch nichts. Die Gemeinheit liegt auch nicht darin, dass Michele so lange braucht, bis er den kleinen Jungen rettet. Wirklich sehr gemein wird es, wenn Filippo nach dem schönen Ausflug nach draußen wieder ins Loch hinabsteigt, als Michele ihn darum bittet, weil er zu Hause mit Tischdecken dran ist. Er akzeptiert das ohne zu murren. Und weil Kinder die Welt erst mal so akzeptieren, wie sie ist, kann man ihnen so viel Schlimmes zufügen. Sie sind kleine Buddhas. Das ist eigentlich das delikateste Thema in diesem Film. Weil das Potenzial, Kindern Gewalt anzutun, eben auf ihrer Akzeptanz der Realität beruht. Wenn man zum Beispiel zu einem Kind sagt: Zur Strafe kommst du jetzt in den Keller, ohne etwas zu essen zu kriegen, dann bleibt das Kind auch dann darin, wenn es weiß, dass es hinten eine Tür gibt, durch die es hinausgehen kann."

Gedreht haben Sie in der Basilicata, jener Region zwischen Apulien, Kompanien und Kalabrien im Süden Italiens. Sehen Sie sich damit in der Tradition Pasolinis?
"Pasolini war wohl der größte Intellektuelle Italiens seit dem Zweiten Weltkrieg und es war natürlich kein Zufall, dass er für sein 'Matthäusevangelium' die Basilicata gewählt hat, jene Region Italiens, die von allen wirklich vergessen wurde, entsprechend rückständig war und ausgebeutet. Auch ich habe die Aufnahmen für meinen Film ganz in der Nähe von Matera und Barile gemacht, dort, wo er seinen Film gedreht hat. Die Basilicata ist hier ein Ort, in dem die Natur zu einer Bühne wird für die alte, grausige Geschichte von Jägern und Gejagten."

Wie haben Sie Ihre Kinder gefunden?
"Das Casting war eine ganz große Arbeit. Wir machten Probeaufnahmen mit insgesamt 540 Kindern. Wir suchten nämlich nach Kindern, die von sich aus schon etwas hatten, was dem Charakter der Figuren und der Handlung entsprach, um aus ihnen Erfahrungen und Gefühle herauszuholen, die sie mit ihrer Rolle verbinden konnten. Das Prinzip war immer, ihnen gegenüber absolut ehrlich zu sein – auch wenn es um den Tod geht. Denn Kinder, auch wenn sie nur zehn Jahre Erfahrung in ihrem Leben haben, kennen bereits alles, auch die schwierigsten Dinge des Lebens wie den Schmerz und die Trennung. Es kommt nur darauf an, Vertrauen zu erzeugen und dieses dann aufrecht zu erhalten."

Wo haben Sie die Kinder gesucht und gefunden?
"Sie stammen alle aus der Basilicata."

Auch Ihr Filippo, der kleine Mattia? Die beiden so unterschiedlichen Hauptdarsteller waren auf der Pressekonferenz der Berlinale und ich habe angenommen, dass er aus dem Norden stammt.
"Ja, auch Mattia stammt aus der Basilicata, obwohl er dort fast wie ein Alien wirkt. Er ist ja ganz blond, spricht überhaupt nicht den örtlichen Dialekt und sogar dieses R klingt bei ihm so wie man es im Norden Italiens ausspricht."

Auf mich wirkte er wie ein kleiner Philosoph.
"Sie haben Recht. Mattia ist wirklich ein ganz besonderes Kind. Er liest wahnsinnig viel und spricht sehr wenig – den 'Kleinen Prinzen' kann er auswendig, und als er den Film 'Spiderman' gesehen hat, wollte er unbedingt Kafkas 'Verwandlung' lesen. Also er ist wirklich phänomenal – wenn ich sein Vater wäre, hätte ich etwas Angst um ihn. Aber der erzählte mir, dass er versuche, ihn für den Fußball zu interessieren, um ihn ein bisschen vom dauernden Lesen abzubringen. Auf der Pressekonferenz hat Mattia – zu unserem Erstaunen – gesagt: Er wisse jetzt, was das dunkle Loch sei, nämlich traurig zu sein und mit niemandem darüber reden zu können. Damit hat er praktisch die Definition von Depression gegeben.
Andererseits hat er auch gesagt, dass er Angst vor dem Getier hatte und ich erinnere mich, wie viel Angst er selbst beim Drehen der Szene hatte, wo er aus seinem Versteck klettern muss. Körperliche Anstrengungen sind eben nicht seine Sache. Giuseppe, der den Michele spielte, hat ihm immer wieder gesagt: 'Ich helf dir, da kann nichts passieren. Der Gabriele' – also ich – 'wird dich doch keiner Gefahr aussetzen, da hat sich noch niemand wehgetan!' Mit der Hilfe von uns allen hat Mattia es schließlich geschafft und als er dann draußen war, war er das glücklichste Kind auf der Welt. Dass er so was auch konnte, hat er selbst nicht für möglich gehalten. Man kann schon sagen, Mattia war für diesen Film ein Geschenk."

Werden Sie diesen Film auch in Giffoni zeigen?
"Auf dem italienischen Kinderfilm-Festival? Ja, daran haben wir schon gedacht. Ich glaube, das wäre sehr interessant."

Interview: Uta Beth

 

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