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Ausgabe 59-3/1994

LENI

LENI

Produktion: Daniel Zuta Filmproduktion, Deutschland 1993 – Regie und Buch: Leo Hiemer – Kamera: Marian Czura – Schnitt: Uli Leipold – Musik: Petras Vysniauskas Quartett – Darsteller: Hannes Thanheiser (Johann Aibele), Christa Berndl (Alwina Aibele), Johanna Thanheiser (Leni), Franz Buchrieser (Lehrer) u. a. – Länge: 86 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – FBW: besonders wertvoll – Verleih: Leo Hiemer, Bogenstr. 3, 69124 Heidelberg, Tel. 06221 / 783972

"Wenn es stimmt, dass der Heimatfilm der höchste Ausdruck der deutschen Verdrängungssehnsüchte ist, dann gibt es gar keinen verstörenderen Schauplatz für eine Holocaust-Geschichte als unsere Heimat." (Leo Hiemer)

Im Schatten von Spielbergs bewegendem Holocaust-Drama "Schindlers Liste" werden weniger spektakuläre Filme gerne übersehen. Ein Film, der nicht dieses Schicksal erleiden soll, ist "Leni".

In seinem dokumentarischen Spielfilm erinnert der Regisseur Leo Hiemer, der vor allem durch die Filme "Daheim sterben die Leut'" und "Schön war die Zeit" bei uns bekannt geworden ist, an das Schicksal des Mädchens Leni. 1937, kurz nach der Geburt, kommt Leni zu Pflegeeltern auf einen Einödhof im Allgäu. Die Aibeles, beide nicht mehr jung, sind kinderlos, und die Bäuerin Alwina findet sich bald in die ungewohnte Mutterrolle. Langsam schließt auch der alte Aibele das Kind in sein Herz. Doch der übereifrige Bürgermeister des Dorfes bekommt heraus, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt, "abstammungsmäßig". Lenis Mutter ist Jüdin und damit nach der herrschenden Nazi-Ideologie nicht reinrassig. Das Unheil ist nicht mehr aufzuhalten, so verzweifelt sich der alte Aibele, unterstützt vom Dorflehrer, auch bemüht. Leni, inzwischen fünf Jahre alt, wird zunächst in ein Sammellager in einem Münchner Kloster gebracht und von dort nach Auschwitz deportiert. "Leni muss fort" heißt der Untertitel des Films, und Leni kehrt nie mehr zurück.

Der Film schildert mit klaren, eindrücklichen Bildern eine Begebenheit aus dem Alltag des Nationalsozialismus und er macht damit Strukturen deutlich, wie das System funktionieren konnte. Es gab die schweigende Mehrheit, die sogenannten Mitläufer, die Denunzianten und die Menschen, die an die Nazi-Ideologie glaubten und unermessliches Leid angerichtet haben. Es gab aber auch Menschen, die Widerstand leisteten.

Leo Hiemer (Jahrgang 1954) erzählt eine authentische Geschichte, die von den Bewohnern des betreffenden Dorfes – aus dem Hiemers Mutter stammt – verdrängt wurde. Er selbst hat durch eine Zeitungsnotiz, die sich auf die Ortschronik des Dorfpfarrers bezog, erst davon Kenntnis bekommen. Nur unter Schwierigkeiten war es dem Regisseur möglich, die Vorkommnisse und das Verbrechen an dem Kind (das in Wirklichkeit Gabi hieß) zu recherchieren, denn die Bewohner des Allgäuer Dorfes Stiefenhofen wollten kein "böses Blut". So eine alte Sache nach fünfzig Jahren noch einmal aufzuwärmen, lautete die häufigste Antwort, das bringe doch nichts. Trotzdem ist es besonders in heutiger Zeit notwendig, sich der Vergangenheit zu erinnern, um den Anfängen verbrecherischer Ideologien zu wehren.

Der Film zeigt aber auch die behutsame Annäherung des alten Aibele (eindrucksvoll gespielt von Hannes Thanheiser) an sein Pflegekind, das er anfänglich nur als zusätzliche Belastung in seinem schweren Bauernalltag empfindet. "Leni" ist nicht aus der Sicht des Kindes, sondern aus der Sicht vor allem des alten Aibele gedreht. Trotzdem ist dieser Film auch für Kinder (ab 12 Jahren) sehenswert. Er zählt zu den Filmbeispielen, die in einfühlsamer Weise Geschichte durch Geschichten vermitteln.

P.S.: Nachdem sich kein Verleiher für eine Kino-Auswertung gefunden hat, übernahm Leo Hiemer selbst den Verleih des Films, der inzwischen bereits ca. 30.000 Zuschauer erreicht hat.

Hans Strobel

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.LENI im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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