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Ausgabe 96-4/2003

"Man kann nicht an den Setzlingen ziehen"

Gespräch mit Erich Langjahr, Schweizer Dokumentarist und Produzent

(Interview zum Film HIRTENREISE INS DRITTE JAHRTAUSEND)

KJK: Warum machen Sie Filme?
Erich Langjahr: "Weil ich gerne mit Bildern umgehe und weil mir das Verbale viel weniger liegt. Ich tu mich ganz schwer mit Texten; als Filmemacher muss ich ja auch Texte machen und da arbeite ich immer ellenlang daran. Ich arbeite zwar auch immer ellenlang an meinen Filmen, aber die Bildsprache interessiert mich eben mehr."

Darum gibt es in Ihren Filmen auch keinen Off-Kommentar, weil Sie dann keinen schreiben müssen.
"Ich habe bis jetzt bei jedem Film die Idee gehabt, dass ich auch etwas sagen möchte. Ich entwickle das auch meistens und am Schluss wird es wieder gestrichen. Weil das Verbale – vor allem, je kleiner der Anteil ist – eine unwahrscheinliche Bedeutung bekommt."

Sie sind schon seit 30 Jahren als Filmemacher tätig und haben vor allem zu Beginn viele Kurzfilme gedreht. Wovon haben Sie in dieser Zeit gelebt?
"In den Anfängen habe ich sehr viele Auftragsfilme gemacht. Also keine Werbung, sondern Industrie-Filme, anwendungstechnische Filme, Lehrfilme im weitesten Sinne."

Ihre Filme sind alles mehr oder weniger Geschichten vom Land. Woher diese Faszination für das Land?
"Im weitesten Sinne sind das natürlich alles Filme über Identität, über Fragen wie: Wer bin ich? Was hat mich geprägt? Wo gehe ich hin? In vielen meiner Filme finden sich Bilder aus meiner Kindheit und Jugend, die ich dann als Erwachsener wieder erlebe."

"Sennen-Ballade", "Bauernkrieg" und "Hirtenreise ins Dritte Jahrtausend" bilden ja eine Trilogie. War die von Beginn an so geplant?
"Eigentlich wollte ich einen episch breiten Film über diese Thematik machen. Als ich 1988 mit der Recherche begann, bin ich von der Frage ausgegangen: Was ist das, ein Bauer? Das hat mich immer fasziniert, weil ich schon als Kind fleißig Bauernhof gespielt habe. Ich bin am Rand einer Kleinstadt aufgewachsen, wo es noch sehr viele Bauern gab. Ich habe miterlebt, wie sie verschwunden sind. Ich habe dann schon in der ersten Planungsphase gemerkt, dass das drei Filme werden."

Wurden die Filme schon mal zusammen gezeigt?
"Nein, so geschlossen noch nie. Das ist das Schöne hier in Augsburg (bei den Filmtagen 2002; Anm. d. Red.), dass alle drei Filme gezeigt werden."

Im ersten Moment würde man nicht darauf kommen, dass diese Filme auch für Kinder und Jugendliche von Interesse sein könnten. Sie erzählten aber, Sie hätten "Sennen-Ballade" vor Kindern gezeigt.
"Ja, das stimmt und nicht nur in der Schweiz. Ich war mit dem Film zum Beispiel auch in Kopenhagen."

Wie war die Reaktion?
"Eigentlich wie in der Schweiz. Die Kinder sind dabei nicht ruhig. Es gibt so einen Flüsterpegel, die Kinder sind von dem was sie erleben, kreativ angeregt. Sie teilen sich gegenseitig Gedanken und Gefühle mit. Sie kichern, manchmal sind sie auch verlegen. Dieses Klischee, dass Kinder nur noch Kurzfutter anschauen können, stimmt nicht. Bevor der Vorhang aufgeht, ist jedes Kind sensibilisiert und erwartet mit Spannung einen Film. Ich erlebe immer, dass Kinder sehr sensible Kinogänger sind; allerdings auch sehr gnadenlose."

Der erste der Hirten, Thomas Landis, war da doch recht verschlossen, was man auch in der Szene mit dem Radio-Interview gemerkt hat. Da war er fast ein wenig genervt. Wie sind Sie an den rangekommen und wie haben Sie erreicht, dass er eben auch zulässt, dass Sie die ganze Zeit mit der Kamera dabei sind?
"Da haben Sie etwas herausgespürt. Denn der Thomas ist wirklich ein ganz introvertierter Mensch. Die, die sich gerne vor der Kamera produzieren, die dann auch noch mitdenken, mitgestalten wollen, sind gar nicht unbedingt geeignet. Thomas gehört zu denen, die mir ein Stück ihres Lebens gegeben haben, weil sie sich sagten: Ich verstehe, was ihr für einen Film machen wollt. Ich bin da nicht dagegen, ich lasse es geschehen. Aber ich mache meine Arbeit weiter wie immer. Manchmal wurde es ihm auch tatsächlich zu viel; vor allem gegen Ende hin. Denn wir haben immerhin sieben Jahre gedreht. Ich erinnere mich, dass er dann öfter, wenn ich zum Kofferraum gegangen bin, gerufen hat: Also jetzt nicht schon wieder diese Kamera."

Warum haben Sie zwei Hirten genommen. Um Sommer und Winter zu haben oder wegen der doch recht unterschiedlichen Persönlichkeiten? Denn Michael ist im Vergleich mit Thomas doch recht mitteilsam.
"Angefangen hat es ganz logisch. Denn die Schafe vom Winter gehen im Sommer nicht mit dem Thomas weiter, sondern mit dem Jüngeren (Michael). Und der Thomas geht dann mit seiner Familie auf eine andere Alp. So hat man die Wege der Tiere und die der Hirten, die nicht immer die gleichen sind."

In "Bauernkrieg" gibt es diese recht heftige Szene mit dem Fleischwolf, wo Sie doch sehr lange bei der – unappetitlichen – Resteverwertung bleiben, wo es ja wohl weltweit dieselben Reaktionen drauf gibt. War diese Reaktion beabsichtigt.
"Es stellt sich doch die Frage, wann sich die Poesie einstellt. In 'Sennen-Ballade' zum Beispiel wird sehr lange gekäst und gebuttert und das gleichzeitig. Das ist so ein richtiges Duett und es braucht ziemlich lange, bis vom Empfinden her klar wird, dass es da gar nicht ums Käsen geht. Die Sequenz mit der Kadaververwertung im Fleischwolf funktioniert ähnlich. Da sind wir in einer Phase, wo wir erleben, wie der Bauer über Mutter- und Vatertier an den besten Genpool kommt. Dann kommt man zum wertlosen Tier und das schafft Probleme; das muss entwertet werden. Es hat aber noch einen materiellen Wert und der wird durch die Industrie ausgenutzt. Wenn ich das kurz zeige, dokumentiert das nur, was die da jetzt tun. Es braucht diese Länge, damit man auf andere Gedanken kommt, was das eigentlich wirklich bedeutet, wenn man Tiere zu Mehl macht. Und das bei allem, was wir dazu im Kopf haben. Man braucht das gar nicht zu Ende erzählen, denn alle wissen, was die Geschichte mit dem Tiermehl bedeutet."

Würden Sie mir zustimmen, wenn ich den Titel "Bauernkrieg" für bewusst doppeldeutig halte. Also Bauernkrieg im klassischen Sinne der Bauernrevolution, aber auch als der Krieg, den der moderne Bauer gegen die Natur führt; etwa in dem er das Tier zur Maschine macht.
"Das ist natürlich nicht seine Erfindung, aber es wurde ihm durch die Entwicklung aufgezwungen. Aber unser Bauernkrieg fand erst nach dem 30-jährigen Krieg statt (also ca. 150 Jahre nach dem in Deutschland), weil man im Krieg ja noch was verdienen konnte, denn man konnte was liefern. Dann kam die Inflation und die Leute auf dem Land konnten das nicht auffangen. Das ist heute ähnlich. Zwar wird nicht das Geld entwertet, aber das, was die Bauern herstellen, wird entwertet, auch durch fallende Erzeugerpreise. Und wieder ist die Schweiz später dran. Denn wir sind immer noch nicht in der EU, aber wir sind – was ja im Film auch thematisiert wird – der WTO (Welthandelsorganisation) beigetreten und es gibt auch einen Plan zur EU-Anpassung, die bei uns 'Agrarpolitik 2007' heißt. Da werden wieder sehr viele kleine bis mittlere Betriebe verschwinden müssen und das wird sehr viel schneller gehen als etwa in Deutschland, wo dieser Prozess ja schon fast abgeschlossen ist."

Arbeiten Sie gerade an einem neuenFilm zu diesem Thema oder wollen Sie jetzt mal was anderes machen?
"Also ich bleibe sicher auf dem Land, sogar wieder in den Bergen. Das Projekt heißt 'Das Erbe der Bergler', das interessiert mich sehr."

Gesetzt den Fall, Sie verfügten über ein grenzenloses Budget; was wäre Ihr Traumprojekt?
"Ich würde wahrscheinlich nicht anders arbeiten als jetzt auch. Für mich ist Zeit haben wichtiger als Geld haben. Das ist vielleicht auch der Grund dafür, dass ich immer noch selber produziere. Weil der Autor und Produzent Langjahr weiß, dass er dem Gestalter und Filmemacher Langjahr die Bedingungen erfüllen muss, damit der arbeiten kann. Man kann nicht an den Setzlingen ziehen, sie wachsen dadurch nicht schneller, man reißt sie höchstens aus."

Mit Erich Langjahr sprach Lutz Gräfe

 

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