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Ausgabe 96-4/2003

Mut zum Risiko, Rat vom Schamanen, Verabredung zum Spiel

"Der Ruf des Fayu Ujmu" – Regisseur Rainer Simon über ein ungewöhnliches Filmprojekt in Ecuador

(Interview zum Film DER RUF DES FAYU UJMU)

Rainer Simon hat in Babelsberg über ein Dutzend Spielfilme gedreht, darunter die Märchenfilme "Wie heiratet man einen König" (1968) und "Sechse kommen durch die Welt" (1972). Seine letzte Arbeit für die DEFA "Die Besteigung des Chimborazo", eine Episode aus dem Leben des Wissenschaftlers Alexander von Humboldt, brachte ihn 1988 nach Ecuador. Seitdem kehrt er in dieses Land immer wieder zurück. 1994 realisierte er die Videoproduktion "Die Farben von Tigua" über indigene naive Maler im Hochland der Anden. Zusammen mit dem Kameramann Frank Sputh drehte er 1998 "Mit Fischen und Vögeln reden" bei den Zápara-Indianern am Amazonas. "Der Ruf des Fayu Ujmu" entstand in einer Urwaldgemeinde der Chachi-Indianer am Rio Cayapas, der zur ecuadorianischen Pazifikküste fließt.

KJK: Wie kam dieses Projekt zustande?
Rainer Simon: "Schon vor zehn Jahren hatte ich einen Chachi-Indianer kennen gelernt, der mich zu seinen Leuten einlud. Dass wir nun bei ihnen drehten, war dennoch Zufall. Ein anderes Projekt hatte sich zerschlagen, wir mussten kurzfristig umdisponieren. Also setzte ich mich erneut mit Samuel Anapa in Verbindung. Vorher hatte ich alles über die Chachi gelesen, was ich bekommen konnte und war auch schon auf ihre Legenden gestoßen. In Ecuador gab uns Samuel, der von Beruf Lehrer und Forstingenieur ist, eine Broschüre mit den mündlich überlieferten Legenden. Das war eine große Hilfe, wir konnten so eine Vorauswahl treffen. Der 'Fayu Ujmu' war schon darunter."

Was sind die Chachi für ein Volk?
"Eins von ca. zwölf verschiedenen indianischen Völkern in Ecuador. Ungefähr 8000 Chachilla leben in der Nähe zur Grenze von Kolumbien, der größte Teil von ihnen siedelt am Rio Cayapas, wo wir drehten. Der Fluss ist die Lebensader, die Verbindung zur Außenwelt. Keine Straße, keine Flugplätze, man fährt mit dem Kanu dahin. Aber die Chachi leben längst nicht mehr so ursprünglich wie andere Völker, der Einfluss der Holzindustrie macht sich bemerkbar, evangelistische Missionare mischen sich stark ein. Der Bootsverkehr sichert den Kontakt nach draußen. Die Chachi sind ein ruhiges, in sich gekehrtes Volk."

Erzählen Sie kurz die Filmfabel.
"Erst einmal die Legende: Wenn Leute in den Urwald gehen, ein Kind oder ein Erwachsener, passiert es, dass der böse Geist Fayu Ujmu (sprich: fáju úchmuh) lockt und sie überfällt. Der hat Menschengestalt und einen Tucan-Schnabel, mit dem hackt er den Opfern den Kopf auf und saugt das Gehirn heraus, die Leute sterben oder sie werden bewusstlos. Die Metapher des Gehirnaussaugens in dieser Geschichte gefiel uns. Denn das geschieht ja mit den indigenen Völkern."

Im Film folgt der 13-jährige Junge Mico einem geheimnisvollen Laut.
"Wir erzählen die Geschichte dieses Jungen. Mit Vater und Großvater baut Mico im Urwald ein Kanu, das ist ihr Lebensgerät. Mico hört den Ruf, entfernt sich und wird von Fayu Ujmu attackiert. Die Frage tauchte auf, wie könnte dieser Geist aussehen? Hat der nun wirklich den Schnabel eines Tucans oder einen aus Baumrinde, wie wir ihn benutzten? Die Lösung ergab sich im Verlauf der Gespräche. Dann eine weitere Frage, wie würde die Attacke funktionieren? Wir waren der Meinung, das ist nicht darstellbar, denn das wissen wir nicht genau, also müssen wir es auf eine andere Weise lösen. Und was kann danach passieren? Kann dem Jungen geholfen werden und wie? Die Chachi sagten, das wissen wir auch nicht. Schließlich meinte Samuel, wir müssen zum Schamanen gehen, mit ihm reden. Der aber war zu der Zeit gerade unterwegs in anderen Dörfern. Also fingen wir an zu drehen, nach zwei drei Tagen trafen wir uns mit ihm und trugen unser Anliegen vor."

Ein Schamane?
"Ja, Schamanen gibt es bei allen indianischen Völkern, in der Chachi-Sprache heißen sie Mirukus. Sie sind mehr als 'Medizinmänner', sie sind auf ihre Weise besonders Wissende, Weise, und somit können sie auch heilen und den Kontakt zu den Geistern herstellen. Auf ihre Weise bewahren sie das kollektive Gedächtnis. Der Schamane erklärte: 'Da muss ich ein Ritual machen. Normalerweise würde ich pindge trinken, um zu sehen, ob dem Jungen zu helfen ist.' Pindge ist der Chapalachi-Name für ayahuasca, eine heilige Pflanze im Urwald, die die Schamanen nutzen, um zu sehen. Es war eine Erzählung über Stunden bis zu dem Rat: Der Vater würde den bewusstlosen Jungen zu einem Ort tragen müssen, wo er den Geist überwältigen kann. Der Schamane hatte verstanden, dass das ein Spiel sein wird, eine Verabredung zum Spiel. Vor der Kamera hat er eine dreiviertel Stunde dieses Ritual durchgeführt. Das geschah mit einer solchen Kraft, es war unglaublich beeindruckend. Unser Hauptdarsteller, der Junge Mico, um den es dabei ging, ist eingeschlafen, er schlief fest, während der Schamane ihn besang und befächelte."

Die Filmfabel ist also eine gemeinsame Entwicklung von Ihnen und dem Schamanen?
"Von uns, den Chachi und auch von ihrem Schamanen. Was er in unserer Geschichte tut und rät, ist auch Bestandteil der Legende."

Ich frage, weil ich herausfinden möchte, welcher Sinn sich in dieser Legende offenbart, die die Menschen sich dort erzählen und die Sie uns im Film vorführen. Der entblätterte, der entzauberte, vielleicht auch entlarvte Fayu Ujmu stellt sich mir dar als ein Gl-ähnliches, freundliches Wesen, das mit allerlei Firlefanz lockt und doch böse bleibt ...
"Bei vielen indianischen Legenden finden wir nicht eine so deutliche Moral, wie sie uns aus den deutschen Märchen geläufig ist, jedenfalls nicht so vordergründig. Diese Legenden sind wundersame komplexe Geschichten, wie aus Träumen geboren. Der Traum ist für diese Menschen genau so real wie wirkliches Leben und natürlich sind sie geprägt von den Lebensumständen im Urwald. Also muss der Vater mit dem Sohn einen weiten Weg machen, um Fayu Ujmu zu finden und zu fangen, zu einem speziellen Ort, wo die Geister ihre Kräfte sammeln. Das sind im Film die Stromschnellen. Natürlich haben wir in die bearbeitete Geschichte unsere Vorschläge mit hinein genommen. Wir nutzten Möglichkeiten, noch einiges von ihrem heutigen Leben zu erzählen – der zerstörte Wald, die Schule zum Beispiel."

Gerade für jüngere Zuschauer laufen viele Informationen wie "nebenbei", Dinge, die sie entdecken können.
"Stimmt, das wollten wir auch zeigen, aber nicht auf exotisch-fremde Weise, es ist eingebaut in die Geschichte: der Kanubau aus einem Stamm, auf Pfählen stehende Häuser, eben ein ungewohnter, interessanter, anderer Alltag. Außerdem gibt es am Anfang eine epische Verabredung, eine Verabredung zum Spiel ..."

Das ist die Besprechung in der Schule, eine Verabredung zwischen dem Zuschauer und dem, was da zu sehen sein wird. Anschließend sieht man zwei Jungen, die sich in die Kamera hinein unterhalten, sie berühren. Das heißt: So wird das Spiel aufgezeichnet. Dann setzt die Geschichte ein.
"Wir haben den Film in Ecuador nicht nur im Urwald gezeigt. Wir führten ihn auch in Quito für Straßenkinder vor, und für die ist der Urwald genauso weit weg wie für Kinder hier. Die Geschichte ist einfach zu verfolgen: Geht ein Junge weg in den Urwald, spielt dort, dann passiert etwas Unheimliches, Geheimnisvolles. Da entsteht eine Spannung, die mit der Schamanen-Szene aufgelöst wird. Wie kann dem Jungen nun geholfen werden? Erzählt wird ohne übertriebene Action. Schließlich geschieht, womit keiner gerechnet hat: Aus dem mit Bananenblättern umwickelten Paket, in dem der Fayu wie ein erlegtes Tier ins Dorf geschleppt wird, entsteigt ein Weißer."

Wie war die Reaktion der Zuschauer?
"Uns überraschte, dass die Zuschauerkinder in Ecuador sehr misstrauisch blieben. Sie wussten, es ist der böse Geist. Sie glaubten diesem Weißen nicht. Ich denke, je kleiner die Kinder desto naiver werden sie die Abläufe verfolgen. Kinder sind bis zu einem gewissen Alter offener, nehmen das, was sie sehen, realer als Erwachsene. Sie folgen einfach einer Geschichte ..."

... die in einfachen Vorgängen erzählt wird, eine ziemliche Seltenheit in der heutigen Medienlandschaft für Kinder.
"Einfacher kann man es kaum erzählen. Da ist der epische Beginn und sein Einbau in die alltägliche dokumentarische Realität. Unmerklich erwächst daraus die Handlungslinie. Mitunter wurde vollkommen improvisiert, und beim Schnitt, als die Dialoge übersetzt wurden, bemerkten wir, wie gut sie improvisierten. Da ist nichts im Spielfilmsinne inszeniert."

Wie lange dauerten die Dreharbeiten?
"Wir waren ungefähr drei Wochen dort, zwei Wochen haben wir gedreht."

Sie wollen den Film natürlich auch verkaufen ...
"Das Wichtigste ist, ein solch ungewöhnliches Projekt ins Fernsehen zu bringen. Mir scheint es wichtiger denn je, Kindern auf tolerante Weise das Fremde nahe zu bringen."

Das Gespräch führte Joachim Giera

 

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