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Ausgabe 99-3/2004

THE DAY AFTER TOMORROW

Produktion: Centropolis Entertainment / Lions Gate / Mark Gordon Company; USA 2003 – Regie: Roland Emmerich – Buch: Roland Emmerich, Jeffrey Nachmanoff – Kamera: Ueli Steiger – Visual Effects Supervisor: Karen E. Goulekas – Schnitt: David Brenner – Musik: Harald Kloser – Darsteller: Dennis Quaid (Prof. Jack Hall), Jake Gyllenhaal (Sam Hall), Ian Holm (Terry Rapson), Emmy Rossum (Laura), Sela Ward (Dr. Lucy Hall) u. a.- Länge: 124 Minuten – Farbe – FSK: ab 12, ff – Verleih: Twentieth Century Fox Deutschland – Altersempfehlung: ab 14 J.

Vor 20 Jahren kam hierzulande der erste Film eines damals noch völlig unbekannten jungen Regisseurs in die Kinos: "Das Arche Noah Prinzip" erzählte auf für damalige deutsche Verhältnisse ungewöhnlich amerikanische Weise von den Ereignissen auf einer Raumstation, deren Programm zur Wetterbeeinflussung von der CIA zur Tarnung eines Aufmarsches am Persischen Golf benutzt werden sollte. Dieses viel versprechende Debüt stammte von Roland Emmerich, der nie wieder so gut war wie bei diesem Film. Bis jetzt: Denn zur Überraschung vieler – mich selbst eingeschlossen – ist sein neuester Film erstaunlich gut geworden.

"The Day After Tomorrow" erzählt von der großen Klimakatastrophe, die jedoch nicht in Gestalt der Erderwärmung daherkommt, sondern im Gegenteil als neue Eiszeit. Klimaforscher Jack Hall macht sich große Sorgen: Was, wenn die Erderwärmung zum Abriss des Golfstroms und damit zur Abkühlung auf der Nordhalbkugel führen würde? Während die Wissenschaftler noch diskutieren und der US-Vizepräsident eine solche Möglichkeit kategorisch zurückweist, nehmen rund um den Globus unerklärliche Wetterphänomene zu. Hagelkörner wie Grapefruits prasseln auf Tokio nieder, in Neu-Delhi schneit es und gigantische Wirbelstürme verwüsten Hawaii. Doch es ist längst zu spät: Was Jack befürchtete, wird eintreten und über der Nordhalbkugel bauen sich drei Superstürme auf, die binnen Tagen zu einer neuen Eiszeit führen. Und während die, die können, aus den USA nach Mexiko fliehen, muss sich Jack auf den Weg ins zunächst von einer Flutwelle überrollten und dann zugefrorenen New York machen, um seinen Sohn aus der Eishölle zu retten. Die Zeit wird knapp, sehr knapp. In wenigen Tagen wird die Temperatur unter den Augen der Stürme auf minus 150 Grad sinken; der sichere Tod für alle, die sich nicht tief genug verkriechen konnten.

Emmerich gelang hier fesselndes Science Fiction-Kino vom Untergang der (Ersten) Welt: Überwältigende Tricks, die jedoch nie ausgestellt werden, sondern immer der Story dienen und endlich mal wieder – was im Hollywoodkino der letzten Jahre nicht eben häufig vorkam – durchgängig gut gemacht sind. Eine Geschichte hart am Rande der Realität; schließlich wird die Hypothese vom Abreißen des Golfstroms unter Wissenschaftlern seit einigen Jahren durchaus ernsthaft diskutiert. Und das alles in einer Geschichte, in der selbst die für Hollywood offenbar unvermeidliche Familienzusammenführung durchaus erträglich ist. Natürlich ist nach dem Großaufgebot an Tricks in der ersten Hälfte – großartig der Tanz der Tornados über Los Angeles inklusive Zerstörung des Hollywood-Wahrzeichens – die Luft etwas raus, aber Emmerich hat es geschafft, gerade in dem Teil, in dem die bunt zusammengewürfelte Truppe um Jacks Sohn in der Bibliothek ums Überleben kämpfen muss, Nebenlinien aufzubauen, die das Interesse wach halten. Da ist der "Penner" mit seinem Hund, dessen Überlebenstipps von der Straße wirklich nützlich werden. Und da ist die Debatte über das Brennmaterial: Denn wenn die Gruppe das Auge des Sturms überleben will, muss sie richtig heizen. Und womit heizt man einen offenen Kamin in einer Bibliothek? Mit Büchern! Der Untergang der westlichen Zivilisation symbolisiert in einem griffigen Bild.

Nicht nur hier ist Emmerichs Film sehr viel näher an britischen Weltuntergangsromanen und -filmen der 50er-Jahre als an amerikanischen Katastrophenfilmen. Denn bei den Briten ging es stets um den Untergang der Zivilisation – auch begründet im damals gerade ein paar Jahre zurückliegenden Verlust des British Empire – während es bei ihren amerikanischen Kollegen mehr darum ging, wie danach eine starke Führerpersönlichkeit die Gruppe der Überlebenden zu neuen Ufern führt. Und manchmal ist der Film richtig bösartig geworden: So dürfte es kein Zufall sein, dass der US-Vizepräsident, der am Ende übrigens öffentlich Abbitte leisten muss für seine Fehleinschätzung, aussieht wie Dick Cheney. Und Bilder, in denen US-Bürger auf der Flucht den Rio Grande gen Mexiko überschreiten, dürften gerade in den USA ihre Wirkung nicht verfehlen. Ganz zu schweigen von der erst überfluteten und dann im Eis eingeschlossenen Freiheitsstatue.

Harald Kloser hat dazu eine prägnante Orchestermusik geschrieben, die auch den zuweilen nicht nur unterschwelligen Horror der Situation transportiert. Insgesamt ist Emmerich ein erstaunlich durchkomponierter Film gelungen, der spannende Unterhaltung und ökologische Botschaft auf unaufdringliche Weise verknüpft.

Lutz Gräfe

 

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