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Ausgabe 99-3/2004

DER FUCHS MIT DREI PFOTEN

LA VOLPE A TRE ZAMPE

Produktion: Teatri Uniti, in Koproduktion mit Cattleya Spa; Italien 2003 – Regie: Sandro Dionisio – Buch: Sandro Dionisio, Pier Paolo Palladino, nach Francesco Costas gleichnamigem Roman – Kamera: Cesare Accetta – Schnitt: Jacopo Quadri – Darsteller: Alberto Nolano (Vittorio), Miranda Otto (Ruth Conway), Nadja Uhl (Doris), Tomas Arana (General Conway), Aldo Bufi Landi (Pietro Formicola), Angela Luce (Lucia), Antonia Truppo (Teresa), Miriana Bianco (Francesca) u. a. – Länge: 87 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Intramovies, Via E. Manfredi 15, I-00197 Roma, e-mail: j.nuyts@intramovies.com – Altersempfehlung: ab 10 J.

Es gibt viele Filme, bei denen die Macher behaupten, die Geschichte aus der Perspektive eines Kindes zu erzählen. Nur selten wird es auch eingelöst: Sandro Dionisio ist dieses Kunststück gelungen, wir sehen die Welt mit den Augen des elfjährigen Träumers Vittorio im Neapel des Jahres 1956. Der Film beginnt und endet mit einem Verlust: Vittorio muss mit seiner kleinen Schwester und seinen Eltern umziehen, von einer Wohnung in die ärmliche Barackensiedlung am Stadtrand. Die Fahrt durch die Stadt ist zugleich ein Blick auf die Verheißungen – ein Kino ist der prachtvolle Ort der Träume, dahin kann einer wie Vittorio flüchten, wenn die Realität schier unerträglich wird.

Und das ist sie für einen Elfjährigen, denn nicht nur die Stadt ist allenthalben noch von den Spuren des Krieges gezeichnet, auch die Menschen sind es, die auf eine bessere Zukunft hoffen, vor allem in den Baracken von Canzanella, wo Kriminalität und Prostitution den Alltag bestimmen. Wer da bestehen will, der braucht Träume – und die hat Vittorio, er bezieht sie direkt aus der Traumfabrik Hollywood. Er schwärmt für den amerikanischen Filmstar Susan Hayward, über diese Schauspielerin weiß er einfach alles, ihre Filme, ihre Affären, ihre Erfolge und ihre Niederlagen. Er kann sein Glück nicht fassen, als er hier mitten in Neapel eine Frau entdeckt, die dem Filmstar so ähnlich sieht, dass sie es einfach sein muss.

Und Vittorio lernt diese Frau kennen, weil er etwas gesehen hat, was er nicht hätte sehen sollen: Ruth, die mit einem in Neapel stationierten amerikanischen NATO-General verheiratet ist, hat sich in der Stadt mit ihrem Geliebten getroffen. Vittorio passiert das immer wieder: Er wird zum Beobachter von Situationen, die er noch gar nicht versteht und für die er sich auch nur bedingt interessiert, aber die Kamera folgt diesem Jungen und so sehen die Zuschauer die Welt wahrhaftig durch ihn: Die Leiche einer Prostituierten im Mondlicht vor den Baracken oder die eheliche Vergewaltigung von Ruth. Das muss Vittorio mit ansehen, aber er ist elf Jahre alt und seine Neugier ist begrenzt. Er verliert schnell das Interesse daran und die tiefe Bedeutung bleibt ihm verborgen. Die Gefühle der Erwachsenen erscheinen ihm rätselhaft: Was treibt seinen Vater in die Arme der Nachbarstochter, warum will seine Mutter mit ihren Kindern plötzlich Italien verlassen und weshalb soll er für sich behalten, wo er Ruth in der Stadt getroffen hat?

Dafür weiß Vittorio genau, was es bedeutet, arm zu sein, das sieht er jeden Tag in den Baracken: Er träumt zwar lieber von Amerika, aber wenn sich in der Schule die armen Kinder melden sollen, damit sie ein Frühstück geschenkt bekommen, hält er sich aus tief empfundener Scham zurück, denn wer will sich schon per Handzeichen zur Armut bekennen. Und als einer seiner Mitschüler Vittorio und seine Schwester nach Hause begleiten will, verbirgt er die Armut seiner Familie ein zweites Mal: Er verschwindet mit seiner Schwester hinter der Tür eines noblen Mehrfamilienhauses. Wenn das traurige Leben zu anstrengend wird, bleibt immer noch die Liebe zu dem amerikanischen Filmstar Susan Hayward und für diese Leidenschaft klaut Vittorio im Kino schon mal ein Plakat ihres Dschingis-Khan-Films "Der Eroberer" wie einst Antoine Doinel in François Truffauts "Sie küssten und sie schlugen ihn" Filmfotos aus dem Schaukasten entwendet hat.

Regisseur Sandro Dionisio hat einen vielschichtigen und anrührenden Film inszeniert, der zwischen den glanzvollen Villen der Amerikaner und der heruntergekommenen Barackensiedlung mit Kriminalität und Prostitution die krassen Gegensätze von kommunistischen Idealen und dem Hass auf die Amerikaner im Nachkriegsitalien in eindrucksvolle Bilder fasst, die übrigens deutlich an deutsche Nachkriegswirren aus Henry Jaegers (auch verfilmten) Roman "Die Festung" erinnern. "Der Fuchs mit den drei Pfoten" ist in erster Linie ein historischer Film, aber zugleich auch ein Film über die Liebe und das Kino: Und Vittorio hat mit all diesen Ebenen zu tun, wobei das Ende des Films gleichbedeutend mit dem Ende seiner Kindheit ist. Vittorio wird von der Realität eingeholt, er muss Abschied nehmen von Ruth und ist schlagartig ein Träumer ohne Träume.

Manfred Hobsch

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 99-3/2004 - Interview - "Durch Träume eine neue Welt erschaffen"

 

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