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Ausgabe 99-3/2004

"Durch Träume eine neue Welt erschaffen"

Gespräch mit Sandro Dionisio, Regisseur des Films "Der Fuchs mit drei Pfoten" ("La volpe a tre zampe")

(Interview zum Film DER FUCHS MIT DREI PFOTEN)

KJK: Beim 33. Filmfestival in Giffoni im Juli 2003 wurde Ihr Film herzlich aufgenommen und für seinen 3. Platz in der Sektion "Free to Fly" (12-14 Jahre) mit der Medaille des Präsidenten des italienischen Senats ausgezeichnet. Haben Sie inzwischen einen Verleih gefunden?
Sandro Dionisio: "Leider nein. Wir warten noch."

Liegt es vielleicht daran, dass er zu anspruchsvoll ist und seinem Publikum mit zwei Morden, der ehelichen Vergewaltigung und dem voraussichtlichen Tod des blinden Alten im Gefängnis einfach zu viel zumutet?
"Ich glaube nicht – Disney-Filme und Märchen enthalten viel größere Grausamkeiten. Außerdem habe ich die Gewaltakte ziemlich diskret ins Bild gesetzt, ich wollte ja keinen Splatter-Film drehen, aber natürlich erlebt Vittorio rundum Gewalt: im glänzenden Ambiente des amerikanischen Generals nicht weniger als im Barackenlager, wo die Kinder ohne jede Zärtlichkeit, ohne Kuss aufwachsen."

Die Geschichte spielt im Neapel der Nachkriegszeit. Damals waren Sie noch gar nicht geboren. Was hat Sie an dem "Fuchs mit drei Pfoten" so interessiert?
"Die Geschichte des elfjährigen Vittorio, der mit seiner Familie Silvester 1956 in das berüchtigte Barackenlager von Canzanella einzieht und mit den unerträglichen Zuständen dort klar kommen muss, hat mich tief angerührt. Aufregend, wie er wachen Auges die deprimierende Realität registriert und mit der wunderbaren Unschuld seines Alters zugleich instinktiv den eigenen Träumen folgt, bis das Leben ihn zwingt, sich – wie in der antiken Fabel vom Fuchs in der Falle – von einem Teil seiner selbst zu trennen, um erwachsen zu werden. Es ist eine Geschichte der Einsamkeit, die auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Francesco Costa beruht, den es übrigens auch auf Deutsch gibt, bei Fischer. Costa wurde 1946 in Neapel geboren, seine Mutter war Deutsche und ihr haben wir den Film auch gewidmet.
In seinem Buch legt der Autor eine Spur zu den Aufregungen und Gefühlen jener schwierigen Lebensphase, die man auch als 'Schattenlinie' bezeichnet, und beschreibt zugleich den Umbruch im Neapel der 50er-Jahre, das den Krieg allmählich hinter sich lässt und versucht, seine Lebensfreude wieder zu finden. Bei der Lektüre habe ich gedacht, das ist auch eine Geschichte für Kinder, denn Kinder können durch ihre Träume eine neue Welt erschaffen. Für die Verfilmung schwebte mir vor, das Geschehen aus einem anderen als dem schon bekannten Blickwinkel des neapolitanischen Realismus darzustellen, auch wenn ich mich in die Linie von De Santis und De Sica, die Meister des Neorealismus, einreihe. Ich glaube an die Phantasie und die Kraft der Poesie, deshalb wollte ich die Realität aus der Sicht des Träumers darstellen. Ich wollte sie durch seinen Traum, seine Visionen, durchscheinen lassen und zugleich in einer Art Kurzschluss verschiedener Zeitebenen etwas Neues aus dem Dreieck von Costas Erlebnissen, meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen und denen von Alberto, dem Darsteller des Jungen, erschaffen. An der platten Umsetzung einer autobiografischen Geschichte war ich nicht interessiert."

Was zum Beispiel stammt da von Ihnen?
"Auf jeden Fall die Gefühle, die ich durch die Bilder zu vermitteln versuche. Und die Leidenschaft für das amerikanische Kino. Als Kind war ich auch ständig im 'Bolivar', das ist das Lichtspielhaus, das man in unserem Film sieht. Allerdings war ich kein Fan von Susan Hayward, sondern von Lana Turner."

Die Leidenschaft fürs Kino ist Ihnen geblieben. Sie hat Ihr Leben bestimmt.
"Ja, auch wenn ich später dem Autorenkino und dem Realismus den Vorzug gegeben habe. Ich habe die renommierte Filmschule Centro Sperimentale di Cinematografia in Rom besucht und 1986 beendet. Aber erst mal war ich DJ, Journalist und in den 80er-Jahren Sänger und Texter der Popgruppe 'Panoramics'. Die Pop-Karriere, die mich physisch sehr geschlaucht hat, gab ich dann auf. Beim Film haben mich die Meister des italienischen Neo-Realismus beeinflusst, Vittorio de Sica, Giuseppe de Santis, Gianni Amelio, Marco Risi und Francesco Rosi. Für die meisten von ihnen habe ich auch gearbeitet, bei Rosis 'Diario Napoletano' war ich Regieassistent. Ich habe auch viele Workshops mit Kindern gemacht, Kinder-Geschichten geschrieben und mit ihnen inszeniert, auch fürs Theater. Ich arbeite schon seit 15 Jahren mit Kindern, auch als Casting-Direktor für Film- und Fernseh-Produktionen. 1998 habe ich meinen ersten Dokumentarfilm 'Il Mare di Sotto' (Das Meer von unten) gedreht, 2000 dann 'I Fuochi del Parco' (Die Feuer im Park) und jetzt also meinen ersten Spielfilm."

Sie wurden 1959 in Neapel geboren – haben Sie Vittorios Armut am eigenen Leib kennen gelernt?
"Nein, ich stamme aus einer kleinbürgerlichen Familie. Aber Neapel ist eine Stadt mit enormen sozialen Unterschieden – da gibt es immer noch die Superreichen und die extrem Armen, und ich, der ich aus der Mitte kam, habe diesen Abstand in beiden Richtungen erfahren: unter den Armen war ich der Reichste und unter den Reichen der Ärmste."

Existiert das Barackenlager von Canzanella noch immer?
"Zum Glück nicht, aber es gab diese Baracken noch bis 1965. Sie waren so baufällig, dass man sie abreißen musste. Wir haben sie nachgebaut."

In dem Film wird das Thema vom Fuchs, der ein Bein lassen muss, vielfach zitiert. Ich denke da an das kaputte Bein von dem Jungen, der am Ende im Restaurant arbeiten muss, oder den Fuchs, den die Prostituierte um ihren Hals trägt. Mir scheint, dass auch Teresa, die Tochter der Prostituierten, das Thema vom 'dreibeinigen Fuchs' spiegelt, indem sie nach dem Tod der Mutter ganz selbstverständlich in deren Fußstapfen tritt, um den Lebensunterhalt für die Familie zu sichern. Eine Rolle, gegen die sie sich am Anfang so heftig gewehrt hat.
"Ja, am Ende ist sie sehr klug geworden und sogar noch schöner als Doris. Natürlich sind auch die 'Zitate' kein Zufall. Wie jeder sehen kann, habe ich selbst Probleme mit einem Bein. Ich bin dadurch schon in vielen schrecklichen, aber auch komischen Situationen gewesen. Als ich mit meiner Casting-Direktorin, der lange in Rom lebenden Deutschen Beatrice Krüger, nach Berlin geflogen bin, um uns dort Schauspielerinnen für die Rolle der Mutter anzusehen, hatte sich Beatrice gerade ein Bein gebrochen. Also haben wir wegen ihres Gipsbeins nach einem Rollstuhl verlangt und ich habe zu ihr gesagt: 'Wir sind auch dreibeinige Füchse!' Das war schon komisch."

Sie haben in dem Film viele großartige Schauspieler: Angela Luce, Aldo Bufi Landi, Miranda Otto oder Antonia Truppo, die wie eine junge Anna Magnani wirkt. Und Nadja Uhl, die öffentlich bekannt hat, wie stolz sie ist, dass sie hier mitspielt und wie sehr ihr die Arbeit gefallen hat. Was hat den Ausschlag für Nadja Uhl bei der Besetzung der Mutter gegeben?
"Ihre intensive Darstellung in Volker Schloendorffs Film 'Die Stille nach dem Schuss', ihre große menschlichen Ausstrahlung und ihr Gefühlsreichtum. Sie hat sich in den Film großartig eingebracht und musste auch, ebenso wie Miranda Otto, italienisch lernen, weil jeder gleich hören soll, dass es sich bei ihnen um Ausländerinnen handelt, die italienisch sprechen. Wobei Nadja mit den Kindern manchmal auch deutsch spricht."

Und was hat Alberto Nolano für die Rolle des Vittorio ausgezeichnet?
"Das Bedürfnis nach Liebe in seinem Blick. Ihn habe ich selbst ausgesucht. Dafür habe ich eine Zeitlang täglich ein Casting in Neapel gemacht und mir insgesamt 1000 Kinder angesehen. Ihn habe ich in einer Schule gefunden."

Welche Hoffnungen verbinden Sie mit Ihrem ersten Spielfilm?
"Ich hoffe, damit einige Leute berühren und noch mehr Geschichten erzählen zu können. Denn nicht nur Kinder, wir alle brauchen Märchen."

Mit Sandro Dionisio sprach Uta Beth

 

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