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Ausgabe 99-3/2004

"Ich möchte Filme machen, die den Kindern helfen, erwachsen zu werden"

Gespräch mit Jacques-Remy Girerd, Regisseur und Autor des Films "Die Prophezeiung der Frösche"

(Interview zum Film DIE PROPHEZEIUNG DER FRÖSCHE / DAS GEHEIMNIS DER FRÖSCHE)

KJK: Auf dem 22. Kinderfilmfest München wurde der französische Animationsfilm von Jacques-Remy Girerd "La prophetie des grenouilles" = "Die Prophezeiung der Frösche" gezeigt. Zwei Besonderheiten waren damit verknüpft, die sich weder den Festivalmachern noch dem Publikum erschlossen: Der Verleih Universum, der den Film am 4. November 2004 in Deutschland herausbringen wird, titelte: "Das Geheimnis der Frösche". Und das eigens für das Kinderfilmfest München eingesetzte FSK-Gremium verpasste dem Kinderfilm eine Freigabe "ab 12 Jahren". Deshalb gleich zu Anfang unsere Frage an den Filmkünstler: Was halten Sie davon?
Jacques-Remy Girerd: "Ich wundere mich, denn als ich den Film machte, dachte ich an Kinder zwischen sechs und zehn Jahren. Und was den anderen Titel betrifft: Mit Absicht habe ich zwei Wörter in dem Titel verbunden, 'Prophezeiung' – was für mich ein magisches, ein Zauberwort ist – und 'Frösche', für mich als Kind vom Lande etwas Alltägliches. Doch jetzt mit 'Geheimnis der Frösche' klingt es nur banal für mich."

Sie brauchten sechs Jahre für die Herstellung Ihres Films. Warum hat es so lange gedauert?
"Der Film ist komplett und vollständig von Hand gefertigt. Über eine Million Zeichnungen sind dafür angefertigt worden. Dazu muss man wissen, dass jeder Zeichner maximal dreizehn Zeichnungen am Tag machen kann. Man kann sich ausrechnen, wie viele Hände nötig waren. Insgesamt haben über zweihundert Leute an dem Film gearbeitet, sechs Tage in der Woche."

Wird alles verwendet, was gezeichnet wird?
"Ja, alles wird gebraucht, nichts wird weggeworfen. Jede Filmminute kostet etwa 80.000 Euro, da kann man nichts verschwenden. Deshalb wird sehr viel Zeit verwendet für das genaue Schreiben jeder einzelnen Filmsekunde."

Man sieht nicht, wie die Arche Noah zum Schwimmen kommt und die Tiere in das Haus des Großvaters ...
"Man sieht vieles nicht, aber man weiß es. Es hätte die Dramaturgie dieser ganzen Szene zerstückelt, wenn man gesehen hätte, wie er das Haus mit dem aufgepumpten Autoreifen rettet. Am Schluss kommt alles zusammen, es löst sich in Poesie auf."

Das ist Ihr erster abendfüllender Animationsspielfilm.
"Ich habe viele kleine Filme für Kinder im Vorschulalter gemacht, von fünf bis zehn Minuten Länge, Filme, in denen Alltägliches gezeigt wird. Dann machte ich den Film 'Der Junge, der vom Himmel fiel', 52 Minuten lang, der auch in französischen Kinos lief. 'Die Prophezeiung der Frösche' ist mein erster großer Film."

Sie haben im Zeitalter der Computertechnik ganz bewusst die klassische Form des Zeichentricks gewählt, warum?
"Aus künstlerischen Gründen. Computer haben alle dieselben Funktionen und deshalb sehen am Schluss die Bilder alle gleich aus. Die gesamte Grafik und die künstlerische Seite geht dabei verloren. Wenn man eine Computergrafik nimmt, führt das Werkzeug die Hand. Ich wollte, dass die Menschen das Ergebnis bestimmen. Es war uns auch sehr wichtig, Zärtlichkeit darzustellen, kleine Nuancen und Gesten und das kann man letztendlich nur von Hand machen."

Das ist ja der Erfolg des Films, den allein in Frankreich über eine Million Menschen bereits im Kino gesehen haben.
"Es ist ein kommerzielles Produkt und doch arbeiten wir mit viel Gefühl, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass Filme nur zur Unterhaltung gemacht werden. Das heißt nicht, dass mein Film nicht unterhaltend ist, ich möchte ihm aber auch eine menschliche und soziale Dimension geben. Wenn man Filme für Kinder macht – auch wenn man den Begriff sehr weit fasst – hat man eine erzieherische und eine Kultur bringende Verpflichtung."

Ihre Familie im Film ist ja sehr bunt. Die farbige Juliette mit dem großen Herzen, der gemütliche alte Ferdinand, der auch ziemlich lospoltern kann, der kleine Adoptivsohn Tom und Lili, die in Obhut genommen wird, während ihre Eltern nach Afrika reisen, um neue Tiere für ihren Zoo abzuholen – kein gängiges Familienbild ...
"Es gibt einfach eine viel interessantere Basis für die Erzählung, wenn so unterschiedliche Figuren dabei sind. Das Sujet wird viel reicher, als wenn man nur Papa, Mama, zwei Kinder, Auto, Katze und Wohnwagen hätte. Ich knüpfe gern an traditionelle Märchen an. Wenn es Figuren mit besonderem Schicksal gibt, haben sie ein viel größeres Potenzial, weil sie bereits ein Drama erlebt haben."

Sie haben der Schildkröte die allerschwärzeste Rolle zugedacht, warum ausgerechnet diesem weisen langlebigen Geschöpf?
"Das haben wir ganz bewusst gemacht. Am Anfang stand eine Liste all der netten Tiere und Sympathieträger und dann haben wir überlegt, welches dieser Tiere nehmen wir, um das Böse zu verkörpern. Wäre eine Schlange oder das Krokodil in dieser Rolle, gäbe es keine Überraschung. Erst am Schluss stellt sich heraus, dass die böse Schildkröte, als sie ihres Panzers beraubt ist, alles Böse verliert, ungeschützt und verletzlich ist."

Warum haben Sie als einzige Bewohner der Arche Noah die Hühner geopfert?
"Es waren auch die einzigen, die nicht gesprochen, sondern nur Tierlaute von sich gegeben haben und dadurch konnte keine Beziehung zu ihnen entstehen."

Auch ein Moment der Angst spielt eine wichtige Rolle in Ihrem Film.
"Zu der gesamten Gefühlspalette – Trauer, Herzklopfen, Lachen, Weinen, Bewunderung – gehört auch die Angst. Manchmal hat man Angst, den Kindern im Kino so etwas anzubieten. Ich bin aber der Meinung, dass das eminent wichtig ist für das Werden der Kinder. Wie auch die klassischen Märchen sehr wichtig sind. Die Kinder sollen sich im Kino an Angst, Trauer und großer Freude reiben können. Kino ist der richtige Ort, wo Gefühle stattfinden. Ich fordere, dass das im Kino passiert.
Es kann sein, dass kleine Kinder so etwas als negativ erleben, wenn die Emotionen zu stark sind. Das verlangt nach elterlicher Begleitung. In 'Little Nemo' haben kleine Kinder auch Angst gehabt, aber darüber wird nicht gesprochen. Man kann nicht verhindern, dass ein oder zwei Prozent der Kinder Angst haben, denn man weiß nicht, was sie erlebt haben."

Mit ausschlaggebend für den Entscheid der FSK war wohl die Szene, in der Lili glaubt, ihre Eltern leben nicht mehr und sich mit herzzerreißendem Schluchzen an den Rettungsring klammert ...
"Eine Urangst, die wir alle hatten und die alle Kinder haben, ist die, ihre Eltern zu verlieren. Wir leben zwar in einer behüteten Zeit, aber in der Vorgeschichte war es tägliche Realität für Kinder, ihre Eltern verlieren zu können. Und so eine Szene mit der kleinen Lili nimmt den Kindern zwar nicht die Angst, aber es hilft ihnen, Angst zu überwinden, und am Schluss sind die Eltern wieder da. Es geht gut aus wie im Märchen – und das ist der ganze Unterschied zwischen Mythen und Märchen. Ich möchte Filme machen, die den Kindern helfen erwachsen zu werden. In der heutigen Zeit geht es nicht nur darum, die Wirklichkeit abzubilden oder lustige Filme zu zeigen, sondern die Kinder mit den Urgeschichten zu konfrontieren. Das ist auch der Grund, warum ich diese Art von Grafik ausgewählt habe, weiche Zeichnungen, Kreidezeichnungen, samtene Zeichnungen, die das Gefühl vermitteln, als ob die Kinder ein Kinderbuch vor sich haben, das gut ausgeht."

Da können wir nur hoffen, dass die Kinder zwischen sechs und zwölf in Deutschland daran teilhaben dürfen ...
"Alles was ich meine, steht vollkommen im Widerspruch zu dieser Entscheidung und ergibt keinen Sinn. Ich bitte Sie, dass Sie alles daran setzen, dass sich da etwas ändert."

Interview: Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel

 

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