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Ausgabe 99-3/2004

"Sinn für Humor und ein großes Herz"

Gespräch mit Ineke Houtman, Regisseurin des niederländischen Spielfilms "Polleke"

(Interview zum Film POLLEKE)

KJK: Angesichts der Bedrohung durch den weltweiten Terrorismus wird geklagt, dass zu viele Immigranten neben uns her leben, dass wir viel zu wenig von ihnen wissen und ihre Integration eine Illusion war. In dieser Situation verbreitet Ihre Protagonistin, die kleine Polleke, unerschütterliche Zuversicht in ein Miteinander der verschiedenen Kulturen.
Ineke Houtman: "Ja, es ist ganz wichtig, dass sich die Menschen, die heute so verwirrt sind und einander bekämpfen, wieder auf die entscheidenden menschlichen Werte besinnen – also auf die Liebe, die Hoffnung und den Glauben. Ich meine das nicht im christlichen Sinn, aber diese Werte sind notwendig heute und deshalb hoffe ich, dass sich viele Leute den Film ansehen."

"Polleke" ist Ihr zweiter Spielfilm und wiederum beruht er auf einem Buch von Guus Kuijer, dem unter dem Titel "Es gefällt mir auf der Welt" auch bei uns erschienenen ersten Band seiner drei "Polleke"-Bücher. Wer ist da auf wen zugekommen?
"Dieses Mal war das keine Idee vom Produzenten, sondern eine von Guus und mir. Angefangen hat es damit, dass mir eine Freundin, die an einer Grundschule achtjährige Kinder unterrichtet, von einem marokkanischen Mädchen erzählte, das andauernd mit einem holländischen Jungen aus ihrer Klasse rangelte. Als sie die beiden schließlich mit der Bemerkung aufzog: 'Ihr seid wohl verliebt!', wurde das Mädchen puterrot, brach in Tränen aus und stieß schluchzend hervor: 'Ich werde nie einen Holländer heiraten dürfen!' Diese traurige Geschichte ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich meine, wenn man schon mit acht weiß, dass einem die Zukunft verstellt ist, dass man niemanden aus einem anderen Kulturkreis, mit einer anderen Religion lieben darf, das tut richtig weh, oder?
Kurz danach rief Guus Kuijer mich an. Er wollte wissen, ob ich gern noch mal was mit ihm machen würde, er hätte da einen Stoff, an dem er hart arbeite. Als wir uns trafen, erzählte ich ihm aber erst mal meine Geschichte. Da sprang er auf und sagte: 'Also, das ist wirklich verrückt: ich schreibe gerade an einem Buch über ein holländisches Mädchen und einen marokkanischen Jungen!' Ja, und als er das Buch fertig hatte, las ich es noch im Manuskript und dachte: Das ist unglaublich. Es fängt an wie eine normale heitere Kindergeschichte und wird richtig schwer: Was dieses Kind alles durchmachen muss, ist kaum zu ertragen. Aber Polleke hat so viel Hoffnung, so viel Liebe und Zutrauen in die Welt, dass sie das aushalten kann, ja, sie macht einem selbst richtig Mut. Und Kuijer erzählt in einem Ton, der so leicht ist, dass er die Kinder nie überfordert. Er ist ein sehr gefühlvoller Schreiber mit viel Substanz und dabei noch witzig. Mir gefällt, wie er das Leben sieht, und ganz besonders mag ich seinen Humor. Ja, und weil ich schon durch das Erlebnis meiner Freundin für das Thema motiviert war, schien es mir wirklich interessant, seine Geschichte in einen Film umzusetzen."

Habt Ihr dazu noch selbst recherchiert?
"Ja, und ich habe außerdem noch einige Berater hinzugezogen. Zum Beispiel der Schauspieler, der Mimoens Vater spielt und in Holland auch als Theaterregisseur arbeitet, hat mir sehr bei meinen Nachforschungen geholfen. Er ist Berber. 80 Prozent der in die Niederlande eingewanderten Marokkaner sind Berber und ich habe sie für den Film ausgewählt, weil die Geschichte dadurch noch an Dramatik gewinnt. Die Berber, die aus dem Rif-Gebirge stammen und zu den nicht arabisch sprechenden Marokkanern gehören, bilden nämlich eine geschlossene Gesellschaft bei uns. Sehr in ihren Traditionen verhaftet, schotten sie sich bewusst von der Umwelt ab und gewähren niemandem Einblick. Es ist sehr schwer, an sie heranzukommen, und natürlich findet man bei ihnen auch kaum jemanden, der spielen will und das dann auch kann. Bis auf Mimoens Vater sind alle Berber in dem Film Laien und Mamoun Elyounoussi, der den Mimoen spielt, ist kein Berber. Er musste die Sprache erst lernen. Ich bekam natürlich viele Ratschläge, wie ich was machen sollte, aber am Ende macht man den Film doch so wie man denkt, weil man von dem einen den Rat kriegt und von einem anderen genau das Gegenteil hört. Außerdem nehmen wir ja die holländische Perspektive ein, sehen also alles mit den Augen des Mädchens."

Wobei die Atmosphäre in der Berber-Familie sehr authentisch wirkt.
"Danke. Das war mir sehr wichtig. Die Marokkaner sind in dieser Geschichte ja auch keine Bösewichte, sondern freundliche Menschen, die ihre eigenen Probleme haben, aber respektvoll miteinander umgehen. Auch den Onkel kann man aus seiner Sicht durchaus verstehen. Wegen all der Probleme auf internationaler Ebene ist es nötig, dass wir endlich anfangen, miteinander zu sprechen und einander zu respektieren. Man muss ja nicht gleich groß Freund werden, auch wenn ich sagen muss, dass ich unter ihnen sogar richtige Freunde gefunden habe. Das sind ganz tolle Menschen."

Dennoch müssen wir uns wohl eingestehen, dass wir hinsichtlich der Integration insgesamt ein bisschen blauäugig waren. Sonst hätte jemand wie der Rechtspopulist Pim Fortuyn in Ihrem für seine Toleranz oft bewunderten Land wohl kaum so viel Erfolg gehabt.
"Seit seiner Ermordung im Mai 2002 ist es in den Niederlanden sogar noch schlimmer geworden. Seither kontrollieren die Leute ihre Emotionen nicht mehr. Jeder schleudert jedem seine Gefühle entgegen, man bedroht Politiker, schickt ihnen Briefbomben, macht aus allem ein Problem. Und das kann ich überhaupt nicht leiden. Es ist wirklich nicht alles so schwierig, wie man vorgibt."

Wobei wir wieder bei "Polleke" sind. Es ist schon erstaunlich, wie Liv Stig diese schwierige Rolle umsetzen kann. War es der erste Film für sie und Mamoun?
"Für ihn ja, Liv hat schon mal in einem Kurzfilm gespielt. Wir suchten nach einem Mädchen, das Sinn für Humor und ein großes Herz hat, das Hoffnung ausstrahlt und in ihren Gedanken und Gefühlen immer positiv bleibt. Wir hatten bereits 350 Mädchen gecastet, als eine Freundin von Livs Mutter, die in meinem ersten Film 'Madelief – das Zeichen auf dem Tisch' die Mutter von Madelief gespielt hat, mir deren Tochter für die Besetzung der Polleke vorschlug. Ja, und bei Liv stimmte dann alles. Auch den Jungen haben wir letztlich über private Wege gefunden. Übrigens habe ich die Szenen mit den beiden erst jeweils vor Drehbeginn durchgesprochen, sie mussten ihren Text nicht auswendig lernen."

Wie war Ihr Werdegang?
"Nachdem ich ein Jahr holländische Sprache und Literatur studiert habe, wechselte ich auf die Amsterdamer Film- und Fernsehakademie NFTVA, studierte dort Kamera und Regie und bekam auch viel Praxis mit, u. a. war ich Kameraassistentin bei Paul Verhoevens Film 'Spetters'. Ich beendete die Ausbildung 1981 und hatte ziemlichen Erfolg mit meinem Abschlussfilm 'Albert B.V.', bei dem ich verantwortlich für die Regie und Mitautorin beim Drehbuch war. Der Film wurde mit einem Sonderpreis ausgezeichnet und ich hatte danach hochfliegende Pläne. Aber dann passierte gar nichts. Ich war einfach zu ehrgeizig, wollte zu viel – tja, und so machte ich erst mal Kamera und wiederum nach zwei Jahren habe ich mich mit Erfolg um einen Job beim Kinder- und Jugend-Fernsehen beworben. Ich arbeitete dann für VPRO, eine Fernseh-Station, die sehr gute Kinderprogramme hat und wo viel ausprobiert wird – es war wunderbar dort zu arbeiten, wie in einem Experimentier-Garten, und langsam kam ich zu dem, was ich wirklich wollte, nämlich zum Spielfilm."

Ihr erster Spielfilm "Madelief – das Zeichen auf dem Tisch" beruht auf Guus Kuijers bekanntem Roman, der auf deutsch unter dem Titel "Erzähl mir von Oma" erschienen ist. Dafür wurden Sie 1999 in Berlin mit einer lobenden Erwähnung ausgezeichnet.
"Insgesamt hat der Film auf anderen Festivals noch 7 erste Preise gewonnen – das lief ziemlich gut. Wobei wir über 'Madelief' erst zwei Fernsehserien für VPRO gemacht haben, eine Folge von 11 Zehn-Minuten-Geschichten und dann 6 mal 25- Minuten. Ich freute mich sehr, als mir der Produzent vorschlug, diese sehr bewegende Story für das Fernsehen zu inszenieren. In der ersten Folge ist Madelief 6 Jahre alt, dann 8 und im Film 10, wir können also das Heranwachsen dieses Mädchens verfolgen und lassen das Publikum mit ihr älter werden."

Kommt "Polleke" auch im Fernsehen?
"Ja, als achtteilige Serie von 25 Minuten. Die wird aber erst in zwei Jahren gezeigt – die Leute sollen sich die Geschichte ja erst mal im Kino ansehen und die DVDs kaufen können."

Das Gespräch führte Uta Beth

 

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