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Ausgabe 100-4/2004

Keine Mauerspechte, aber Brückenbauer

Ein Beitrag zur Nr. 100 der KJK von Klaus-Dieter Felsmann

(Hintergrund zum Film Zur 100. Ausgabe)

Ein beliebter Treffpunkt im Zentrum Ostberlins war das Café "Egon-Erwin-Kisch" in der Straße "Unter den Linden". Hier traf ich im Sommer 1984 den Kameramann und Regisseur Heiner Sylvester. Er hatte gerade eine erniedrigende Audienz beim DDR-Filmminister hinter sich und war danach endgültig fest entschlossen, den Arbeiter- und Bauernstaat Richtung Westen zu verlassen. Nach seinem Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung waren ihm nahezu alle Arbeitsmöglichkeiten verwehrt worden. In jener Zeit ließ man viele kreative Köpfe in der Hoffnung ziehen, dass dadurch die Käseglocke über dem Land geschlossen gehalten werden könnte.

Nicht nur im Falle von Heiner war das ein Irrtum. Die Brücken zwischen Ost und West wurden so nur stärker und sie standen immer weniger allein auf den brüchigen Säulen einer Tante Wally oder eines Onkels Waldemar. Die Gespräche mit den Freunden wurden über die Mauer hinweg fortgesetzt und die, die gegangen waren, wussten viele neue Antworten auf die gemeinsamen alten Fragen.

Ich schrieb nach einiger Zeit an Heiner Sylvester, dass es einen Verein "Kinderkino München" gäbe und dass der die "Kinder- und Jugendfilm Korrespondenz" herausbrächte. "Genau an dieser Schrift wäre ich sehr interessiert". Das Ganze koste nach meinen Kenntnissen für ein "förderndes Mitglied" 50,- DM und diese seien auch noch steuerlich absetzbar. Ich weiß nicht mehr, was ich mir damals unter "steuerlich absetzbar" vorgestellt hatte, aber irgendwie klang das so, als wenn man sein Geld automatisch wiederbekomme. Wie auch immer, von da an traf die Korrespondenz trotz Postzensur regelmäßig bei mir in Ostberlin ein.

Auf den ersten Blick war ich zunächst verwundert über die schlichte Ausstattung der Zeitung. Das entsprach so gar nicht meinen Vorstellungen von der bunten westlichen Blätterwelt. Inzwischen, wo ich diese Buntheit allenthalben selbst ertragen muss, empfinde ich das konsequente Beibehalten des traditionellen Layouts außerordentlich wohltuend. Die Korrespondenz lebt von ihren Inhalten. Das hatte ich auch bald als Leser hinter der Mauer als etwas Besonderes zu schätzen gewusst. Der Herausgeberkonsens, die Liebe zum Film für Kinder, war allenthalben zu spüren. Diese Haltung wirkte, und wirkt bis heute, so souverän, dass daraus eine integrierende Kraft erwächst, die unaufgeregt alle Facetten rings um das Genre Kinderfilm sammelt und dann dem Leser zur Beurteilung überlässt.

Wer sich in der DDR ein bisschen Neugier auf die Welt bewahrt hatte, hat immer darunter gelitten, dass es allenthalben Instanzen gab, die selbstherrlich beurteilten, was für den Einzelnen gut oder falsch war. Das bedeutete permanente Entmündigung, auch wenn nicht automatisch jedes Zuteilungsprodukt schlecht war.

Immer blieb das Gefühl, dass es da vielleicht noch etwas anderes gäbe und dass man gerade darum betrogen wird. Für jemanden, der wie ich über Filme schrieb oder Kinder- und Jugendfilmveranstaltungen organisierte, hat die Korrespondenz zumindest auf dem einen Fachgebiet das beschriebene Defizit weitgehend kompensiert. Interessanterweise gar nicht unbedingt zu Ungunsten dessen, was man selbst wahrnehmen konnte. Der DEFA-Kinderfilm fand in der Korrespondenz immer eine sehr wohlwollende Besprechung. So bemerkenswerte Filme wie "Auf Wiedersehen Kinder", "Mein Leben als Hund" oder Rolan Bykows "Vogelscheuche" bewegten uns gleichermaßen über den "Eisernen Vorhang" hinweg. Filme von Arend Agthe allerdings kannte man in der DDR nicht. Da war es dann wieder, das Gefühl von der Bevormundung. Hier füllte die Zeitung Informationslücken. Noch mehr als für einzelne Filme galt das allerdings hinsichtlich des gesamten Umfeldes, in dem der Kinderfilm in Westdeutschland stand. Projektinformationen, Personenporträts, Festival- und Tagungsberichte, all das war für mich von höchstem Wert. Bald verbanden sich mit den Texten auch konkrete Personen. Man traf sich in Gottwaldov (Zlín) oder in Gera und man hatte schnell, nicht zuletzt dank der Korrespondenz, eine gemeinsame Gesprächsebene.

Als ich dann im April 1990 zur "1. Informationsschau des europäischen Kinderfilms" nach Duisburg fahren konnte, war das zwar wegen der immer noch vorhandenen Grenzbefestigungen recht aufregend, doch in Duisburg war es für mich wie ein Treffen mit alten Bekannten. Ob Anne Schallenberg, Gerhard Klein, Gerd Blanke oder Theda Kluth, um nur einige zu nennen, sie hatten alle für mich ein Profil, dass aus der Zeitschrift bekannt war.

Die Kinder- und Jugendfilm Korrespondenz war ein eigenständiger Baustein für die Brücke zwischen Ost und West geworden. Das galt nicht nur für mich. Ob der Medienpädagoge Siegfried Thiele in Dresden oder der Berliner Filmpublizist Ralf Schenk, es sind nur zwei von denen ich es weiß, dass die Münchner Zeitschrift für sie von großer Bedeutung war. Heiner Sylvester traf ich dann Anfang der 90er-Jahre in Berlin wieder. Er hatte eine Filmfirma im damals berühmten "Haus Clara" unweit vom Kisch-Café gegründet und ich richtete ebendort ein Büro für "atlas- film" ein. Jetzt konnte ich ihn manchmal zum Lesen in der Korrespondenz einladen. Ich glaube, da lernte er erst zu schätzen, was er mir über die Jahre hat zukommen lassen. Für mich war die Zeitung hinsichtlich meiner Sicht auf den Film für Kinder und Jugendliche bereits zu Zeiten der deutschen Teilung durchaus stilprägend. Inzwischen habe ich die 25 Jahrgänge fasst komplett im Regal und die Sammlung ist eines meiner wichtigsten Nachschlagewerke geworden.

Für alles sei den Herausgebern, Christel und Hans Strobel, an dieser Stelle herzlicher Dank gesagt. Ihr habt etwas sehr Wertvolles geschaffen und ich wünsche Euch viel Kraft für die kommenden Jahrgänge.

Klaus-Dieter Felsmann, freier Publizist (u. a. Herausgeber der "Buckower Mediengespräche") und Autor sowie Medienberater und Drehbuchlektor, lebt in Worin bei Berlin

 

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