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Ausgabe 100-4/2004

FREMDER FREUND

Produktion: Naked Eye-Filmproduktion / shot by shot / Kleines Fernsehspiel ZDF; Deutschland 2003 – Regie: Elmar Fischer – Buch: Tobias Kniebe, Elmar Fischer – Kamera: Florian Emmerich – Schnitt: Antje Zynga – Musik: Matthias Beine – Darsteller: Antomio Wannek (Chris), Mina Tander (Julia), Navid Akhavan (Yunes), Mavie Hörbiger (Nora), Fatin Alas (Raid) u. a. – Länge: 105 Minuten – Farbe – FSK: ab 12 – Verleih: Stardust – Altersempfehlung: ab 14 J.

Der 22-jährige Student Chris sucht seinen Freund Yunes. Gerade hatten sie noch eine ausgelassene Party gefeiert, da ist Yunes wie vom Erdboden verschwunden. Sein Zimmer in der gemeinsamen Wohnung ist ausgeräumt und im Schreibtischkasten des Freundes findet Chris jene Goldkette, die für Yunes so außerordentlich wichtig war. Seine Eltern im Jemen hatten sie ihm als eiserne Reserve geschenkt, als er zum Studium nach Deutschland aufgebrochen war. Chris macht sich Sorgen und er erinnert sich an wichtige Stationen ihrer Freundschaft.

Da war die erste Begegnung in einem türkischen Gemüseladen. Yunes suchte ein Zimmer und Chris konnte es ihm bieten. Für beide wurde das gemeinsame Wohnen zu einer produktiven Begegnung auf der Grundlage sehr unterschiedlicher kultureller Prägungen. Chris half dem schüchternen Freund dabei, die von ihm verehrte Kommilitonin Nora anzusprechen und war dann seinerseits beeindruckt, wie charmant der Freund das Herz des Mädchens gewann. Gemeinsam mit Julia, der Freundin von Chris, erleben die vier wunderbare und lebensfrohe Momente. Doch als Nora mehr oder weniger gedankenlos einen anderen Mann küsst, reagiert Yunes sehr empfindlich und extrem unversöhnlich. Die Erklärungsversuche des Mädchens wehrt der bisher liberal und tolerant wirkende Junge schroff ab. Er zieht sich auf seine Männerfreundschaften und zunehmend in eine Islam-AG an der Uni zurück. Allmählich ändert er seinen gesamten Lebensstil. Er lässt sich einen Bart wachsen und folgt nun den Lebensregeln eines streng gläubigen Moslems.

Chris versucht den Freund zu verstehen. Doch der weicht klaren Antworten aus. Mehrfach wird deutlich, wie er dabei von unterschiedlichen Gefühlen zerrissen ist. Als Yunes dann von einem mehrwöchigen Praktikum in Pakistan zurückkehrt, erscheint er außerordentlich selbstbewusst. Doch seine frühere Sensibilität, die ihn so liebenswert gemacht hatte, ist scheinbar gänzlich verschwunden. Chris ist auf der einen Seite beeindruckt von der souverän herausgestellten Männlichkeit des Freundes, auf der anderen Seite wirkt alles für ihn aber auch fragwürdig. Die Fragen verstärken sich, als Yunes plötzlich verschwunden ist. Alle Nachforschungen bleiben ergebnislos. Plötzlich sehen Chris und Julia die Fernsehbilder vom Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001. Bei den Beiden setzt sich ein schrecklicher Verdacht fest.

Die Tatsache, dass sich Leute in ein Flugzeug setzen und, den eigenen Tod bewusst vor Augen, tausendfach unschuldige Menschen umbringen, ist so unfassbar, dass sie sich jeder eindeutigen Erklärung verschließt. Genauso unbegreiflich ist es, wenn sich jemand in einem vollbesetzten Linienbus in die Luft sprengt oder wenn Kinder bei deren Einschulungsfeier erschossen werden. All diese Dinge müssen wir aber momentan zur Kenntnis nehmen. Die Folge sind Angst, Verunsicherung und daraus erwachsend das Bedürfnis nach Abgrenzung, Sicherheit und möglicherweise klaren Feindbildern. Damit stehen aber in höchst beunruhigender Weise zivilisatorische Errungenschaften zur Disposition, die das Leben in demokratischen Strukturen auszeichnen. Die Frage nach Auswegen aus dem gegenwärtigen Dilemma steht allenthalben, doch sie lässt sich nicht so leicht beantworten.

Elmar Fischer stellt sich mit seinem Debütfilm dem angesprochenen Thema. Auch er kann keine fertigen Antworten liefern, doch er macht nachdenklich und er warnt vor voreiligen Schlussfolgerungen. Das gelingt ihm auf eine bemerkenswert emotionale Weise, indem er die großen Weltfragen in eine sehr persönliche Geschichte einbindet.

Besonders nah und authentisch wirken die Protagonisten, wenn sie sich um die Liebe von Julia und Nora bemühen. Yunes ist zwar schüchtern, doch er verhält sich ausgesprochen zuvorkommend. Das gefällt nicht nur der angehimmelten Nora, sondern auch Julia zeigt Chris, dass sie solche Aufmerksamkeit schön finden würde. Der wiederum weiß mit dem aus westlicher Sicht altertümlichen Getue wenig anzufangen. Als dann aber Nora bei einem Ausflug einen anderen Mann unbedacht küsst, kippt bei Yunes die vorherige begeisterte Leidenschaft in ihr Gegenteil. Er verachtet das Mädchen. Aus der angehimmelten Prinzessin ist für ihn eine Hure geworden. Besonders verletzt ihn der Satz, dass der Kuss doch nichts bedeute.

In der Folge dieses dramatischen Erlebnisses sucht Yunes zunehmend Halt in muslimischen Strukturen und er gerät damit immer mehr in Konflikt zu der ihn umgebenden westlichen Lebenswelt. Diese empfindet er als egoistisch und vor allem als ignorant gegenüber den Problemen anderer Kulturkreise. Chris kümmert sich um den Freund. Doch solange er mit ihm zusammenlebt, gelten bei der Beurteilung der Dinge nur seine eigenen Maßstäbe. Das ändert sich, als Yunes verschwindet. Jetzt unterzieht sich Chris der Mühe, die Gedankenwelt seines Mitbewohners und Kumpels zu begreifen. Doch dann gibt es die erschütternden Bilder vom 11. September 2001 in New York. Kann es sein, dass Yunes unter den Attentätern war? Diese Frage bleibt offen. "Alles könnte anders sein, als man denkt", sagt der Regisseur Elmar Fischer. Entscheidend sei für ihn, inwieweit der aus Indizien begründete Zweifel gegenüber einem Menschen legitim sein könne. Damit verbunden wäre die Gefahr, dass aus Vorurteilen schnell verhängnisvolles Handeln abgeleitet werde.

Die Polarität zwischen Privatem und Gesellschaftlichem durchzieht den gesamten Film. Dabei sind zwei unterschiedliche Erzählstränge, hier die Freundschaftsgeschichte der Jungen und dort die Recherchen nach Yunes Verschwinden und der 11. September, eng miteinander verschachtelt. Dem Ganzen ist, angepasst an die Katastrophenbilder des Fernsehens, ein dokumentarischer Stil gegeben. Hauptsächlich mit der Handkamera auf digitalem Video-Material gedreht, entsteht so eine sehr authentische Atmosphäre. Teilweise verwackelte Bilder und mitunter eine mäßige Tonqualität werden bewusst zugunsten einer suggerierten Alltagsnähe in Kauf genommen.

Elmar Fischer erzählt von der Selbstfindung zweier gleichaltriger junger Männer, die sich subjektiv sehr nahe stehen und die doch durch kulturelle Prägungen sehr weit auseinander gehen können. Das Private kann hier durchaus als Metapher für gesellschaftliche Entwicklungen gesehen werden. Welche Verluste müssen noch hingenommen werden, weil einseitiges Denken die Fähigkeit zur Toleranz untergräbt?

Klaus-Dieter Felsmann

 

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