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Ausgabe 100-4/2004

VILLA HENRIETTE

VILLA HENRIETTE

Produktion: Mini Film KEG / Lotus Film / Maximage; Österreich 2004 – Regie: Peter Payer – Drehbuch: Milan Dor, nach Motiven eines Romans von Christine Nöstlinger – Kamera: Thomas Hardmeier – Schnitt: Britta Nahler – Musik: Balz Bachmann, Peter Bräker – Darsteller: Hannah Tiefengraber (Marie), Cornelia Froboess (Großmutter), Nina Petri (Mutter), Lars Rudolph (Vater), Elias Pressler, Richard Skala u. a. – Länge: 84 Min. – Farbe – deutscher Verleih: offen – Kinostart Österreich: Dezember 2004 – Altersempfehlung: ab 8 J.

Das alte Haus inmitten eines eingewachsenen großen Gartens, in dem die zwölfjährige Marie zusammen mit ihren Eltern und weiteren Verwandten wohnt, hat so seine Tücken. Das Dach ist nicht mehr ganz dicht, die Rollläden hängen zum Teil schief, die Wasserleitungen sind verrostet und jeder Sturm fordert seinen Tribut und reißt weitere Teile der Fassade ab. Aber das dringend renovierungsbedürftige Haus, in dem schon die Großeltern aufgewachsen sind, hat Charakter. Es kann sogar sprechen, es weckt Marie, wenn sie wieder einmal nicht aus den Federn kommen will, und steht dem Mädchen mit Rat und Tat zur Seite. Marie hängt sehr an diesem Haus, genauso wie an ihrer Großmutter, einer etwas verrückten und der Welt entrückten Erfinderin, der das Haus immer noch gehört.

Doch die Großmutter ist ihres allzu leichtfertigen Umgangs mit dem Geld wegen hoch verschuldet, ihr unter Gicht leidender, granteliger Bruder scheint mittellos, die oft abwesenden Eltern fühlen sich im Haus nicht mehr richtig wohl und die dichtende Tante mit ihrem Sohn kümmert sich ohnehin um nichts. Um die Schulden einzutreiben, möchte die Bank das Gebäude versteigern lassen. Das drohende Unheil scheint unabwendbar. Zusammen mit ihren rivalisierenden Freunden Konrad und Stefan, die beide unbedingt mit Marie gehen wollen, versucht Marie, das nötige Geld aufzutreiben, um den Verkauf in letzter Minute abwenden zu können. Was auch immer sie jedoch unternimmt, einen von beiden Freunden wird sie dabei verlieren. In dieser aussichtslosen Lage erhält Marie plötzlich Unterstützung von unerwarteter Seite und auch die Sache mit der Freundeswahl eröffnet Marie schließlich eine ganz neue Perspektive.

Der österreichische Filmemacher Peter Payer hat den Film nach einer Vorlage der bekannten Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger inszeniert, die auch in einer kleinen Nebenrolle zu sehen ist. Hannah Tiefengraber als Marie beeindruckt in ihrer ersten Filmrolle, in der sie gleichberechtigt neben erwachsenen Schauspielprofis agiert. Ihre ersten Liebeserfahrungen mit eigentlich drei Jungen, insbesondere auch der erste Kuss, bilden einen zweiten Handlungsstrang neben dem tragikomischen Kampf um das Haus, der teils märchenhaft, teils mit subversivem Humor dargestellt ist, etwa wenn ein Gerichtstermin zum Platzen gebracht wird oder ein gestandener Geschäftsmann die Vorzüge eines sprechenden Kühlschranks entdeckt.

Wenn das sonderbare Verhalten der Erwachsenen nicht als einfache Lachnummer über das Andersartige dargeboten, sondern in ihrer ganzen Ambivalenz gezeigt wird, ist das für einen Kinderfilm eher ungewöhnlich und für einige Zuschauer sicher auch so gewöhnungsbedürftig wie der verhaltene Sprachduktus von Lars Rudolph als Maries arbeitslos gewordener Vater oder das sehr eigenwillige, sprechende Haus, dem Nina Hagen ihre Stimme leiht. Aber genau solche Momente machen den besonderen Reiz dieser Geschichte aus, die ihre Spannung hält und für mancherlei Überraschung gut ist.

Der 2004 auf dem Frankfurter Kinderfilmfestival LUCAS im Wettbewerb gelaufene und dort erstmals in Deutschland präsentierte Film ist ohne Probleme für Kinder ab etwa acht Jahre geeignet. Er wird mit der starken Figur der Marie insbesondere die Mädchen ansprechen, denn die Jungen haben in der Geschichte wohl etwas das Nachsehen, selbst wenn sie dort Einiges für sich und den Umgang mit dem anderen Geschlecht lernen können. Er wird sicher auch die Erwachsenen mit seinem Charme und seiner außergewöhnlichen Erzählweise beeindrucken.

"Villa Henriette" ist ein atmosphärisch stimmiger Kinderfilm, ein modernes Märchen aus der Gegenwart, das für gegenseitiges Verständnis und Toleranz gegenüber den Mitmenschen plädiert, sich dabei inszenatorisch nicht ganz auf gefälligen und bewährten Bahnen bewegt und endlich einmal den Mut aufbringt, auch formal etwas zu wagen.

Holger Twele

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 100-4/2004 - Interview - "Ich fand die Geschichte von drei Generationen, die in einem Haus leben, sehr reizvoll"

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.VILLA HENRIETTE im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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