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Ausgabe 100-4/2004

Kulturelle Bildung ist nicht Event-Kultur

Prof. Dr. Wolfgang Schneider im Gespräch mit KJK-Mitarbeiter Dr. Joachim Giera. Ein Beitrag zur 100. Ausgabe der "Kinder- und Jugendfilm Korrespondenz"

Interview

Prof. Dr. Wolfgang Schneider lebt in Bischofsheim zwischen Rhein und Main, lehrt an der Universität Hildesheim und ist dort Direktor des Instituts für Kulturpolitik und Dekan des Fachbereichs Kulturwissenschaften und Ästhetische Kommunikation. 1984-1989 war er wissenschaftlicher Assistent am Institut für Jugendbuchforschung der Johann Wolfgang Goethe-Universität, 1989-1997 Gründungsdirektor des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland. Seit 1997 ist er Vorsitzender der ASSITEJ, seit 2002 Präsident der Internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche. Derzeit ist er auch als Mitglied der Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland" des Deutschen Bundestags tätig. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Kulturpolitik, zum Kinder- und Jugendtheater, zum Kinderfilm und zur kulturellen Bildung.

Joachim Giera: Was bedeutet ästhetische Bildung, was ist der Unterschied zur ästhetischen Erziehung?
Wolfgang Schneider: "Bildung ist etwas, das man selber tun muss: Aktiv sollte man sich mit der Welt auseinander setzen. Ästhetische Bildung wäre demnach der Diskurs um die Kunst. In der Begegnung mit Kunst kann sich der Mensch bilden, etwas dazulernen. Die ästhetische Erziehung setzt allerdings einen Erzieher voraus, der den Menschen zu einem Ziel ziehen will. Grundsätzlich gehen beide Begriffe auf philosophische Erörterungen aus dem 18. Jahrhundert zurück, wie man am besten leben lernen kann. Mir gefällt in diesem Zusammenhang sehr der Satz des Engländers John Locke: 'Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen.'

Wer setzt die Kriterien für eine zu vermittelnde Ästhetik, welche Rolle spielt dabei u. a. der Zeitgeist? Wo gilt es anzusetzen?
"Die Kriterien setzt der Künstler – im besten Falle. Das Kunstwerk steht in Kommunikation mit dem Rezipienten. Und dieser Rezipient bringt seine Erfahrungen ein, lässt sich – im besten Falle – auf die Kommunikation mit dem Kunstwerk ein. Am Ende gelingt – im besten Falle – Bereicherung, Erkenntnis oder Erweiterung von Erfahrungen. Das ist eine der Grundlagen für Veränderungen, und zwar in uns selbst mit Blickrichtung auf die Welt. Kunst verändert niemals direkt und verträgt auch nicht so viel fremdbestimmte Kategorien, schon gar nicht didaktische Anforderungen an die Pädagogik bzw. Forderungen der Pädagogik. Deshalb geht es neben dem Handwerklichen, dem Können im eigenen Fach, immer auch um die inspirative Kraft von Kunst, die künstlerische Handschrift, die Subjektivität des Ausdrucks, die Komplexität des Kunstwerks."

Ästhetische Bildung in Zeiten knapper Kassen, der Event-Kultur und der Informationsüberflutung – heißt das nicht, gegen Windmühlenräder kämpfen?
"Sprechen wir doch vom umfassenderen Begriff der kulturellen Bildung. Es gibt viele kluge Köpfe, die eine solche Lebens-Kunst propagieren, weil sie die Persönlichkeitsentwicklung fördern. Grundlegende Fähigkeiten und Fertigkeiten seien mittels kultureller Bildung zu erwerben. Die Lust an Sprache entwickelt man spielerisch, ebenso die Lesekompetenz. Tanzen vermittelt nicht nur ein Körpergefühl, sondern auch Disziplin, die in unserer Gesellschaft wichtig zu werden scheint. Das Bilden mit Bildern ist heutzutage Grundvoraussetzung, in unserer medialen Welt kommunizieren zu wollen. Das eine geht nicht ohne das andere, und es muss frühzeitig damit begonnen werden. Je später desto schlechter. In Zeiten der enormen Informationsflut bedarf es der Trennung der Spreu vom Weizen, es bedarf einer Schule des Sehens. Das Bedürfnis des Durch-Blickens kann durch kulturelle Bildung befriedigt werden."

Wenn's denn so ist oder auch nicht, wer macht den Don Quichotte? Ist kulturelle Bildung nur eine Aufgabe für Freiwillige, Ich-AG's und andere engagierte Verrückte? Welche Rolle spielt die Schule, welche das Elternhaus, in welcher Verantwortung sieht sich die Gesellschaft bzw. sehen sich die, die sie repräsentieren?
"Kulturelle Bildung ist Pflichtaufgabe! In Artikel 31 der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen wird das Recht auf freie Teilnahme am kulturellen und künstlerischen Leben formuliert. Im Deutschen Kinder- und Jugendhilfegesetz ist die kulturelle Bildung dezidiert benannt und ist von daher schon eine öffentliche Aufgabe. Schulische und außerschulische Angebote sind nicht nur freiwillige Leistungen, sie müssen ausreichend vorhanden sein, um die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft zu gewährleisten. Kommunen müssen sich ihrer Verantwortung bewusst werden und sie wahrnehmen! Das heißt, Büchereien fördern, um das Lesen zu pflegen, Museen unterhalten, um das kulturelle Erbe zu vermitteln, kommunale Kinos unterstützen, um die audio-visuelle Wahrnehmung zu stärken. Länder haben Kunst- und Musikunterricht zu garantieren und sollten schleunigst Theater- und Medienkunde in den Curricula verankern. Der Bund hat gesamtstaatliche Aufgaben, so zum Beispiel die Filmförderung zu betreiben, am besten 25 Prozent der Mittel für die Produktion und Distribution von Kinderfilmen zu investieren."

Noch mal: Kulturelle Bildung in Zeiten des doppelten Pisa-Schocks, müssen nicht andere Gewichtungen vorgenommen werden?
"Politik ist Prioritätensetzung. Und zwei Jahre nach Pisa ist noch nicht erkennbar, ob zugunsten der Bildung wirklich nachhaltige Umverteilungen vorgesehen sind. Jede Schule braucht zum Beispiel ein kulturelles Zentrum mit Büchern und dem Spektrum der anderen Medien. Jede Kultureinrichtung braucht zum Beispiel Kulturvermittlung – nicht um Publikum zu akquirieren, sondern um dem kulturellen Bildungsauftrag gerecht zu werden."

Welchen Beitrag liefern Kinderfilm und Kinderkino für eine kulturelle Bildung, also auch die Entwicklung von Medienkompetenz. Wie definierst Du den Stellenwert des Kinderfilms für die kulturelle Bildung?
"Der Kinderfilm in Deutschland fristet immer noch ein Schattendasein, trotz mancher Publikumserfolge. Da hat sich in den letzten 25 Jahren leider nicht viel verändert. Der DDR-Kinderfilm hat mit dem Einigungsvertrag zu existieren aufgehört, die Fortsetzung dieser kulturellen Tradition – wie sie in Artikel 35 festgeschrieben wurde – hat nicht stattgefunden. Es gibt zwar Geld und auch einen Bundeskinderfilmpreis, aber die künstlerische Innovation wird damit ganz und gar nicht gefördert. Dabei wären Filme für ein junges Publikum aus Deutschland so wichtig – um die Geschichten dieser Generation zu veröffentlichen, um dieser Generation ihre eigenen Bilder zu geben und um die Interkulturalität des Alltags dieser Generation zu reflektieren."

Korrespondieren die kulturellen Bildungsinhalte mit dem "Filmkanon", welche praktischen Möglichkeiten bieten sich an?
"Ein Kanon ist immer gut. Er reizt zur Diskussion, er belebt die Kunstkritik, er macht aufmerksam. Ansonsten halte ich nicht so viel von einem Filmkanon. Man kann der Kunst nicht statistisch daherkommen, man kann Film nicht objektiv bewerten, man kann den Kinderfilm nicht nur auf den Spielfilm reduzieren. Aber in Zeiten der Unübersichtlichkeit kann man mit einem Kanon den Wert von Kinderfilmen für die kulturelle Bildung herausstellen. Auch der Kinderfilm hat eine Geschichte, auch der Kinderfilm ist ein Gesamtkunstwerk, auch der Kinderfilm ist eine Form zur Weltaneignung. Insofern halte ich zum Beispiel viel von Festivalpaketen – Die Welt des Kinderfilms, Kinderfilme aus aller Welt – als eine Form von Event-Kultur, die den Marktmechanismus bedient, aber der Kunst dient."

Du bist langjähriges Mitglied des Fördervereins Deutscher Kinderfilm und der Bundesarbeitsgemeinschaft Jugend und Film. Kanntest Du die KJK vom Anbeginn?
"Ja. Und nach der Lektüre von 100 Ausgaben der "Kinder- und Jugendfilmkorrespondenz" ist es mir ein Anliegen, Christel und Hans Strobel und all ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern zu danken. Herzlichen Glückwunsch für eine informative und erkenntnisreiche Zeitschrift!"

Interview: Joachim Giera

 

 

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