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Ausgabe 100-4/2004

"Ich fand die Geschichte von drei Generationen, die in einem Haus leben, sehr reizvoll"

Gespräch mit Peter Payer, Regisseur des Films "Villa Henriette"

(Interview zum Film VILLA HENRIETTE)

KJK: Ihre ersten beiden Kinofilme "Untersuchung an Mädeln" und "Ravioli" sind für ein erwachsenes Publikum. Warum nun ein Kinderfilm nach einer Vorlage der Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger?
Peter Payer: "Eigentlich war es gar nicht meine Idee, sondern ich wurde für dieses Projekt angefragt. Ich habe dann das Buch gelesen und fand die Geschichte von drei Generationen, die in einem Haus leben, das sie aus Geldgründen wahrscheinlich verlieren werden, gerade für die heutige Zeit sehr reizvoll. Ein zwölfjähriges Mädchen kämpft dann um die Weiterexistenz der bisherigen Wohnsituation und um dieses Haus."

Was haben Sie von der Romanvorlage übernommen und was hinzugefügt?
"Prinzipiell atmet der Film ganz sicher noch den Geist von Christine Nöstlingers Romanvorlage. Natürlich ist ein Roman Literatur und ein Film eben ein anderes Medium, so dass eine Reihe von dramaturgischen Veränderungen erforderlich war. Ich musste die Geschichte etwas straffen und habe alles mehr auf den pubertären Handlungsstrang zwischen dem Mädchen und den zwei Jungen fokussiert. Aber an der Grundatmosphäre des Romans habe ich nichts verändert."

Es heißt oft, mit Laiendarstellern und mit Kindern zu arbeiten sei besonders schwer. Welche Erfahrungen haben Sie hier gemacht, insbesondere auch mit der Hauptdarstellerin?
"Von meinem Anspruch her und vom Anspruch her, den sie an mich haben, behandle ich sie wie professionelle erwachsene Schauspieler. Natürlich muss man davon ausgehen, dass sie einfach weniger Erfahrung haben, alle Kinder in diesem Film haben sogar noch nie gedreht und das erste Mal vor der Kamera gestanden. Da muss man zunächst ganz viel helfen. Sie lernen und begreifen das reine Handwerk aber sehr schnell. Man dreht ja nicht chronologisch, muss beispielsweise eine Szene, die im Film erst am Schluss kommt, viel früher drehen. Das ist ein normaler handwerklicher Vorgang, den man den Kindern möglichst spielerisch vermitteln sollte. Aber vom Inszenatorischen her, vom Szenenaufbau, versuche ich sie so ernst zu nehmen wie jeden anderen Schauspieler. Und das hat hier wunderbar geklappt."

Und wie haben Sie Hannah Tiefengraber gefunden?
"Wir haben für die vier Kinderrollen im Film ein Casting mit insgesamt 600 Kindern gemacht. Die Hannah war unter knapp 400 Mädchen, die sich für die Rolle der Marie beworben haben. Ich habe mich dann für sie entschieden, weil sie dem Rollenprofil am besten entsprach: Die Familie ist ja sehr skurril und Marie ist die einzige Geerdete, während alle anderen der Welt etwas entrückt sind und mit der Realität ein bisschen seltsam umgehen. Und Hannah hat eben beides. Einesteils muss sie glaubhaft Kind ihrer Eltern und Enkelin ihrer durchgeknallten Großmutter sein, aber auch so eine Erdung haben und sie verkörpert beides glaubhaft."

Sind Sie bei der Übernahme des Projektes gleich auf Cornelia Froboess in der Rolle der skurrilen Großmutter gekommen?
"Cornelia Froboess interessiert mich seit langem als Schauspielerin. Sie wird völlig zu Unrecht bei weiten Teilen der interessierten Öffentlichkeit noch immer auf ihre Filme reduziert, die sie in den 1950er- und 60er-Jahren gedreht hat. Und das ist nur ein ganz kleiner Teil ihres Spektrums. Sie hat später große Arthouse-Filme gemacht und in den letzten 40 Jahren Hauptrollen auf allen großen Bühnen des deutschsprachigen Raums gespielt. Ihre Besetzung hat sich bei diesem Projekt wunderbar ergeben, weil ich wollte, dass die Großmutter aus der Sicht der Zwölfjährigen keine 80-Jährige sein darf, sondern knapp 60 Jahre alt sein muss und genau in diesem Alter ist Cornelia Froboess."

Sie entwickeln im Film ein ganz spezielles Verhältnis zur Zeit. Einige Szenen sind mit Handkamera gedreht, andere wirken wie Zeitlupe und märchenhaft entrückt. Welche Überlegungen stecken dahinter?
"Prinzipiell habe ich mir sehr viele Gedanken gemacht, wie ich die Aura vermitteln kann, dass das Haus eben ein besonderes Haus ist. Es sollte den Geist der verrückten Großmutter atmen, die aber auch Visionärin war und großartige Erfindungen gemacht hat. Sie kam nur zu spät damit, die Welt hat sie überholt. Dieses Haus hat einen speziellen Bauhaus-Stil, es ist an sich ein Abbild der Moderne, aber trotzdem in einen sehr romantischen Kontext gesetzt, jedenfalls aus der Sicht von Marie. Ich habe also versucht, die Außenwelt von der Innenwelt zu unterscheiden: die Innenwelt ist rund ums Haus und die Außenwelt ist die in der Stadt. Dadurch hat sich schon eine gewisse Entrücktheit des Hauses ergeben, etwas Märchenhaftes. Und alles, was Stadt und Außenwelt ist, wurde mit Handkamera gedreht. Diese Verzögerungen in manchen Einstellungen sind Wahrnehmungsweisen aus der Sicht des Mädchens. Sie sieht etwas, bleibt daran hängen und der Rest wirkt für sie wie in einem Zeitlupentempo."

Marie lebt in einer Großfamilie und es werden auch die Probleme gezeigt, die damit verbunden sind. Auf der anderen Seite scheint das Modell Großfamilie, das schon vollkommen out war, für Sie wieder von Interesse zu sein?
"Ob das Modell Großfamilie für mich interessant ist, kann ich so nicht sagen. Das Wesentliche daran ist für mich die Toleranz, darum geht es im Leben, wenn Menschen miteinander zu tun haben (wollen, dürfen), egal ob man alleine lebt oder mit anderen zusammen. Das reizt die Großmutter vor allem in ihrer Beziehung zum Bruder zum Teil bis an die Schmerzgrenze aus. So etwas nervt teilweise seit 50 und mehr Jahren und irgendwann einmal bricht es raus. Und trotzdem hilft man sich, wenn es wirklich um die Sache geht und ernst wird. Das ist eine Form des Miteinanders, die ich interessant finde – für die Gesellschaft insgesamt, denn ganz alleine geht es einfach nicht. Jeder Mensch wächst an den anderen."

Was bedeutet für Sie "Zuhause"? Marie hatte das Gefühl, sie würde plötzlich alles verlieren, insbesondere aber ihr Zuhause.
"Das wirkliche Gefühl, sich zuhause zu fühlen, ist wahrscheinlich ganz großes Glück. Das ist eigentlich der Endpunkt aller anderen Gefühle. Dort wo ich daheim bin, stimmt auch alles andere."

Gab es irgendwelche Probleme bei der Realisierung?
"Es war eine Koproduktion zwischen Österreich zu fast 80 Prozent und der Schweiz, etwas europäisches Geld durch Eurimage war auch dabei, mit einem Etat von insgesamt knapp unter zwei Mio. Euro. Es war eigentlich im Prinzip schon finanziert, als man an mich herangetreten ist."

Ist der Film speziell als Kinderfilm intendiert, oder auch für das "normale" Publikum?
"Das 'normale' Publikum müsste man erst definieren, das ist im Moment die Altersgruppe zwischen zwölf und 25 Jahren, die massenhaft ins Kino geht. Mit Ausnahme von einigen 12- bis 13-jährigen Mädchen geht dieses Publikum ganz sicher nicht in meinen Film. 14- bis 17-jährige Jungen werden sich diesen Film ganz sicher nicht ansehen, weil sie schon eigene Erfahrungen mit dem Küssen haben und sich entweder schon am intellektuellen Film der Erwachsenen, an den großen Gefühlen der Welt orientieren, oder auf Actionfilme stehen. Beides hat 'Villa Henriette' nur in sehr reduziertem Maß, denn er soll bereits für Achtjährige funktionieren. Mein Ansatz war: Wenn ich als Erwachsener mit einem zehnjährigen Kind in diesen Film gehe, soll es auch mir Spaß machen und mir nicht das Gefühl geben, das sei halt für Kinder gemacht. Ich glaube, dass er auch bei 30- bis 50-Jährigen wunderbar funktioniert."

Interview: Holger Twele

 

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