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Ausgabe 101-1/2005

MALABAR PRINCESS

Produktion: Ephitète Films / France 3 Cinéma / Rhone-Alpes Cinéma; Frankreich 2004 – Regie: Gilles Legrand – Buch: Philippe Vuaillat, Marie-Aude Murail, Gilles Legrand – Kamera: Yves Angelo – Schnitt: Andréa Sedlackova – Musik: René Aubry – Darsteller: Jacques Villeret (Gaspard), Jules Angelo-Bigarnet (Thomas), Claude Brasseur (Robert), Clovis Cornillac (Pierre) u. a. – Laufzeit: 94 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Flach Pyramide International 5, rue du Chevalier de Saint George 75008 Paris, e-mail: elagesse@flach-pyramide.com – Internet: www.flach-pyramide.com – Altersempfehlung: ab 8 J.

Ein Mann stapft erschöpft auf einem Gletscher talwärts; gerade eben schafft er es noch bis in seine Hütte, dann bricht er zusammen. Die Fragen des alten Mannes in der Hütte kann er nicht mehr beantworten. So beginnt das Spielfilmdebüt des bisherigen Produzenten Gilles Legrand. Erst sehr viel später werden wir erfahren, was hinter diesem Auftakt steht.

Legrand erzählt die Geschichte des achtjährigen Thomas. Er wird über den Sommer zu seinem Opa mütterlicherseits gebracht, der am Fuße des Mont Blanc-Massivs lebt. Seit Thomas' Mutter im Gebirge gestorben ist, ist der Kleine zur echten Nervensäge für den Vater geworden und hat zudem auch noch Lernschwierigkeiten bekommen. Was zumindest im Original für so manch komischen Moment sorgt, wenn der Kleine immer wieder Buchstaben vertauscht. Der Opa, Lokführer bei der Mont Blanc-Bergbahn, ist von dem Dreikäsehoch alles andere als begeistert, zumal der ihn gleich vom ersten Tage an mit Fragen über den Verbleib seiner Mutter löchert. In der Schule trifft Thomas den Neffen von Robert, der einst ein guter Kumpel von Thomas' Opa war. Sein neuer Freund macht Thomas mit einem lokalen Mythos bekannt, der "Malabar Princess". Dieses Flugzeug stürzte seinerzeit in der Gegend ab, ein Bergführer starb beim Versuch, die Leichen zu bergen und bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, an Bord des Flugzeuges seien ungeheure Schätze verborgen. Zudem finden die Bewohner immer wieder Wrackteile, aber auch menschliche Körperteile, die der Gletscher nach und nach frei gibt. Robert ist geradezu besessen von dem Flugzeug und sammelt seit Jahren alles, was der Gletscher wieder hergibt.

Auch Thomas ist fasziniert und zugleich keimt in ihm ein Gedanke: Vielleicht ist seine Mutter ja noch irgendwo da oben im Gletscher; hat auf wundersame Weise ihr Unglück überlebt und wartet nur auf ihn. Also versucht er mit allen Mitteln, auf den Berg zu kommen, um seine Mutter doch noch zu retten. Als es ihm dann eines Tages in einer halsbrecherischen Aktion endlich gelingt, sieht sich sein Vater gezwungen, ihm endlich die Wahrheit zu erzählen: Er war mit ihr und Robert aufgebrochen, um das Wrack der Malabar Princess zu plündern, das sich im Eis eingefroren befindet. Sie fanden auch Juwelen – eben die, die Thomas vor kurzem erst im Schuppen bei den Sachen seiner Mutter entdeckte – und kurz darauf eine Leiche. Daraufhin wurde Thomas' Mutter die Sache unheimlich und sie wollte zurück. Doch als Robert versuchte, mittels eines Schweißbrenners in eine Kammer hinter der Leiche zu leuchten, kam es zur Explosion, bei der die Mutter starb. Nach stundenlangem Warten kehrte sein Vater allein zurück; seine Rückkehr bildet die Eröffnungssequenz des Films.

Nach der wahren Geschichte eines der vielen Flugzeugabstürze am Mont Blanc schuf Legrand hier unterhaltsames cinéma qualité bester französischer Tradition und zugleich einen Film, der sein Kinderpublikum fordert, ohne es zu überfordern. Denn in dem Maße, in dem sich der kleine Thomas immer mehr in seine Phantasie hineinsteigert, entwickelt er ein fast morbides Interesse am Tod: So schleicht er sich in einem unbeobachteten Moment mit seinem neuen Freund in den Krankenwagen, der zwei Gletschertote abtransportieren soll. Sie wollen wissen, wie sich so ein Toter anfühlt und wie er aussieht. Abgefedert wird diese recht düstere Geschichte vor allem durch die teils grandiosen Landschaftsaufnahmen der majestätischen Bergwelt sowie durch die recht derben Streiche, die der Kleine seiner Umgebung spielt. Denn in seinem Drang, alles über den Tod seiner Mutter zu wissen, will  er sich von niemand aufhalten lassen. Wer das trotzdem versucht, an dem nimmt er Rache und schießt dabei auch schon mal übers Ziel hinaus. Das bekommt auch Robert zu spüren, der dabei sein schönes Auto zerschrottet bekommt.

Begleitet von stimmiger Musik entstand ein Film, der bis in die kleinste Nebenrolle gut durchdacht und besetzt ist, dabei enorm spannend ist und die Kinder da abholt, wo sie sind. Denn auch wenn sie kein Elternteil verloren haben, beginnen sie irgendwann Fragen nach dem Tod zu stellen: Wie ist das, wenn man tot ist? Wo kommt man hin? Wie sieht man aus? Aber auch den Erwachsenen bietet der Film neben dem Auftritt der zwei großartigen Altstars Claude Brasseur und Jacques Villeret gutes Unterhaltungskino über den schwierigen Umgang mit unbequemen Wahrheiten.

Lutz Gräfe

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 101-1/2005 - Interview - "Generell glaube ich an ein Kino der Gefühle und nicht an eins des überwältigenden Spektakels"

 

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