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Ausgabe 101-1/2005

NAPOLA – ELITE FÜR DEN FÜHRER

NAPOLA – ELITE FÜR DEN FÜHRER

Produktion: Olga Film / Constantin Film / Seven Pictures; Deutschland 2004 – Regie: Dennis Gansel – Buch: Dennis Gansel, Maggie Peren – Kamera: Torsten Breuer – Schnitt: Jochen Retter – Musik: Normand Corbeil, Angelo Badalamenti – Darsteller: Max Riemelt (Friedrich Weimer), Tom Schilling (Albrecht Stein), Devid Striesow (Heinrich Vogler), Joachim Bißmeier (Dr. Karl Klein), Justus von Dohnányi (Gauleiter Heinrich Stein) u. a. – Länge: 115 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – FBW: wertvoll – Verleih: Constantin Film – Altersempfehlung: ab 12 J.

Napola – die Abkürzung steht für "Nationalpolitische Erziehungsanstalt". Dahinter verbarg sich ein perfides Erziehungssystem, in dem Jungen zu Führern herangezüchtet werden sollten. In einer Rede vor Rüstungsarbeitern in Berlin 1940 entwarf Adolf Hitler seine Visionen: "Uns schwebt ein Staat vor, in dem jede Stelle vom fähigsten Sohn unseres Volkes besetzt sein soll, ganz gleich von woher er kommt. Ein Staat, in dem Geburt gar nichts ist und Leistung und Können alles." Und weiter: "In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein ... Stark und schön will ich meine Jugend. So kann ich das Neue schaffen."

Der Film "Napola – Elite für den Führer" beginnt 1942 im traditionellen Berliner Arbeiterbezirk Wedding. Friedrich Weimer (17) arbeitet in einer Kohlenhandlung, seine Leidenschaft gehört dem Boxsport. Ein entscheidender Kampf steht bevor, Gegner seines Boxvereins sind arrogante uniformierte Jungmannen von der Napola Potsdam. Friedrich schlägt sich gut, verzichtet aber auf den finalen k.o.-Schlag. Wohlwollend beobachtet Heinrich Vogler, Lehrer der Napola Allenstein, den Kampf. Friedrichs Stil gefällt ihm, nur Mitleid mit dem Gegner ist fehl am Platz. Er macht Friedrich das Angebot, auf der Napola zu studieren und zu trainieren, wovon der Junge zu Hause begeistert erzählt. Vom Vater kommt ein klares Nein; er verbietet Friedrich jeden weiteren Kontakt "zu diesen Leuten" und knallt ihm einen Lehrlingsvertrag auf den Tisch. Doch der Junge tritt mit der gefälschten Unterschrift seines Vaters voller Ehrlichkeit vor den Lehrer Vogler in der Napola Allenstein. Als er dann noch die großzügige Boxhalle sieht, ist er überzeugt, das Richtige zu tun.

Strenge Disziplin und absoluter Gehorsam kennzeichnen von nun an Friedrichs Leben; er passt sich den Gegebenheiten an. In Lehrer Vogler hat er einen unauffälligen Gönner. Als Albrecht Stein, der Sohn des neuen Gauleiters, als schulischer Neuzugang zu ihnen kommt, verändert sich langsam die Wahrnehmung und das Denken des Arbeitersohns Friedrich. Albrecht ist ein Junge von zarter Empfindung, der lieber dichtet und nachdenkt als sich körperlich und geistig im Sinne der Napola zu ertüchtigen. Zwischen den beiden Jungen entsteht aus gegenseitigem Respekt eine tiefe Freundschaft.

Das Napola-System arbeitet effektiv, es lässt keine Abweichungen zu und erst recht keine menschlichen Gefühle wie Mitleid und Angst. Bei einem nächtlichen Einsatz mit scharfer Munition, bei der die Napola-Schüler auf Befehl der Gauleitung entkommene Russen zur Strecke bringen sollen, stellen sie entsetzt fest, dass sie nicht auf bewaffnete Feinde, sondern wehrlose Jungen in ihrem Alter geschossen haben. Verstört kehren die Jungen in die Ordensburg Allenstein zurück. Der sensible Albrecht zerbricht an dem grausamen System und zieht eine schreckliche Konsequenz, während Friedrich sich einem letzten Boxkampf stellt, aber nicht das tut, was man von ihm erwartet. Vor versammelter Lehrerschaft und Partei-Elite lässt er sich von seinem unterlegenen Gegner zusammenschlagen, eine starke Konsequenz – Auge in Auge mit dem Gauleiter Stein, der gern einen Starken wie Friedrich zum Sohn gehabt hätte.

Regisseur Dennis Gansel (31) hat zusammen mit Maggie Peren (30) das Drehbuch zu seinem zweiten Kinospielfilm (nach "Mädchen Mädchen", 2001) geschrieben. Zum ersten Mal hörte er von seinem Großvater von den nationalsozialistischen Ausbildungsstätten, von dem Drill, aber auch von der Kameradschaft bis in den Tod. Bei Recherchen für den TV-Film "Das Phantom" über die RAF erfuhr Dennis Gansel, dass der Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, Elite-Schüler im Dritten Reich war. Ein Kapitel der Geschichte, das zwar nicht tabuisiert ist, aber kaum bekannt. So war sein Interesse am Thema Napola geweckt.

Der Film ist erschütternd, zeigt die Mechanismen eines Systems, das sich über die Individualität des Menschen hinwegsetzt, das Persönlichkeiten bricht, um sie neu im Sinne der Machthaber aufzubauen. Die Verführung ist perfekt, Sätze wie "Männer machen Geschichte und wir machen Männer" mit dem Versprechen, zur zukünftigen Elite zu gehören und Karriere zu machen, verfehlen nicht ihre Wirkung. Auch Friedrich, kein Karrieretyp, aber leidenschaftlicher Boxer, ist fasziniert von dieser neuen Welt, die sich ihm auftut. Im Gegensatz zu Albrecht Stein, dem Sohn des Gauleiters, der die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen kann und es zunehmend auch nicht will. Die beiden unterschiedlichen Charaktere – Friedrich groß stark sportlich, optisch alle "Herrenmensch-Kriterien" erfüllend, Albrecht dagegen klein schmächtig feingeistig – werden durch die Schauspieler Max Riemelt und Tom Schilling eindringlich und anrührend verkörpert. Überhaupt hat Casting-Frau Nessie Nesslauer wieder einmal bewiesen, dass sie ein Gespür für die richtige Besetzung gerade bei Filmen für Heranwachsende hat.

Nach dem "Untergang" ist mit "Napola" ein weiterer Film in den Kinos, der den Nationalsozialismus zum Thema hat. Aber anders als im "Untergang" wird hier nicht ein letztes Kapitel unseliger Zeitgeschichte abgebildet, sondern nachvollziehbar, wie es zu einem Erfolg der Nazis kommen konnte. Dennis Gansel findet für seine Geschichte Bilder von großer emotionaler Kraft und behält andererseits seinen analytischen Blick auf ein totalitäres System, das keinen Widerspruch duldet und keine Gnade kennt, das die Starken belohnt und die Schwachen vernichtet. Indem es gelingt, Strukturen und Mechanismen aufzudecken, ist "Napola" durchaus von universeller Bedeutung. Ein Pflichtfilm für Schüler.

Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.NAPOLA – ELITE FÜR DEN FÜHRER im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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