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Ausgabe 101-1/2005

SERGEANT PEPPER

SERGEANT PEPPER

Produktion: MTM / Constantin Film / Bavaria Film; Deutschland 2004 – Regie und Buch: Sandra Nettelbeck – Kamera: Michael Bertl – Schnitt: Ewa J. Lind, Carlos Domeque, Jörg Langkau – Musik: Guy Fletcher – Darsteller: Ulrich Thomsen (Johnny Singer), Johanna ter Steege (Anna Singer), Neal Lennart Thomas (Felix Singer), Carolyn Prein (Felicia Singer), August Zirner (Dr. Theobald), Barbara Auer (Corinna von Gordenthal), Oliver Broumis (Simon von Gordenthal), Martina Gedeck (Martha Klein), Christoph Maria Herbst (Nachbar), Peter Lohmeyer (Herr Schulte), Jasmin Tabatabai (Taxifahrerin) u. a. – Länge: 98 Minuten – Farbe – FSK: o. A. – FBW: wertvoll – Verleih: Constantin – Altersempfehlung: ab 8 J.

Vermag einem Kinderfilm, dessen Titel nichts mit dem gleichnamigen Album der Beatles zu tun hat, eigentlich etwas Schlimmeres passieren als eine Inhaltsangabe, auf die Publikum und Kritik nur mit Mitleid und Desinteresse reagieren können: "Der Hund Sergeant Pepper ist Alleinerbe des Gordenthal-Vermögens. Die Rache der Enterbten verfolgt ihn. Auf der Flucht gewinnt Sergeant Pepper den sechsjährigen Felix als Komplizen – einen Jungen, der sowohl mit echten als auch mit Stofftieren sprechen kann ..." Also wieder eine Geschichte mit einem sprechenden Hund, mit bösen Erben, die ihm an die Gurgel wollen und die Freundschaft zu einem Jungen, der mit dem Vierbeiner ein Herz und eine Seele wird. Auch die weiteren Zutaten riechen nach bewährt bis bekannt: Der Papa ist ein weltfremder und erfolgloser Erfinder, die Mama gestresste und erfolgreiche Dirigentin, der Vermieter ein unausstehlicher Stinkstiefel, der mit Kunstschnee im sommerlichen Garten partout nichts anzufangen weiß ...

Solch eine Anhäufung vermeintlicher Klischees verstellt recht schnell den Blick auf einen durch und durch sympathischen Kinderfilm, der mit diesen Klischees ein ironisches bis witziges Spiel treibt: Regisseurin und Drehbuchautorin Sandra Nettelbeck, die zuvor mit ihrer Liebe-geht-durch-den-Magen-Küchen-Romanze "Bella Martha" einen internationalen Kinokomödien-Erfolg hatte, muss wirklich verdammt viele (gute wie schlechte) Kinderfilme gesehen haben. Denn ihr Film ist voll gepackt mit Szenen und Situationen, die von "Pinky und der Millionenmops" über "Vier Freunde und vier Pfoten" bis "Mein Bruder ist ein Hund" reichen, allerdings mit einem Unterschied: Hier sind sie gegen den Strich gekämmt. Man kennt die Filmhunde, die – wenn sie schon sprechen können – zu wahren Quasselstrippen mutieren müssen, bis ihnen kein Zuschauer mehr zuhören will und kann. Wie wohltuend ist es da, dass sich Sergeant Pepper (mit der Stimme von Florian Lukas) auf nur die allernotwendigsten Worte beschränkt: Auch wenn hier aus der Not fehlender Mittel auf animierte Maulbewegungen verzichtet wurde, ist es eine Tugend, einen sprechenden Hund zu sehen, der auch schweigen kann.

Zudem wundert es wenig, wenn der Film gleich mit einem Regelverstoß beginnt: Der alte, reiche Mann von Gordenthal liegt im Bett und stirbt, sein Hund trauert ums Herrchen. Schnitt. Fröhlich geht es bei der Familie Singer zu, obwohl die vollautomatische Küche des Erfindervaters durchaus ihre Tücken hat. Schnitt. Testamentseröffnung beim Notar: Der Hund Sergeant Pepper wird zum Alleinerben, eine Familie mit Kindern soll zu ihm in die Villa ziehen. Sohn und Tochter von Gordenthal dagegen gehen leer aus. Schnitt. Spätestens hier – nach nur wenigen Filmminuten – ist der weitere Lauf der Handlung absolut klar, da könnte Langeweile aufkommen, doch Sandra Nettelbeck macht den Weg zum Ziel ihres Films: Das Publikum mit seinen Erwartungen und mit seinem vermeintlichen Wissen um den Gang der Dinge wird an der Nase herumgeführt. Selbst das dann tatsächlich eintretende Happy End wird noch ein weiteres Mal hinausgezögert, indem Papa Singer zunächst ein Leben in der Villa ausschlägt. Erst die Kündigung der Familien-Behausung führt zur Umkehr.

Den gewollten Verzögerungen stehen ebenso überraschende Beschleunigungen gegenüber, immer wieder gibt es Szenen, die nicht zu Ende gespielt werden, die skizzenhaft wirken, auch dies ein Spiel mit dem Zuschauer, der aus vielen anderen Filmen nur allzu genau weiß, wie eine Orchesterprobe oder die Verführung eines verschrobenen Mannes aussehen.

Im Zentrum des Films steht der sechsjährige Felix, der von früh bis spät ein Tigerkostüm trägt, sich vor seiner Umwelt versteckt, keine Freunde hat und seine Stofftiere belauscht. Klar, dass so ein phantasiebegabter Sonderling nicht stutzig wird, wenn ihm ein sprechender Hundeflüchtling über den Weg läuft. Für seine Mutter Anna ist Felix jedoch ein Fall für den Psychologen, zumal der Junge auch bei der Einschulung nicht aufs Tigerkostüm verzichten mag und zur Geburtstagsparty nur seine Stofftiere einlädt. Für Dr. Theobald wird Felix zu einem schwierigen Fall, weil er so altklug daher plappert und unpassende Fragen stellt, bis es irgendwann zwangsläufig zum Rollentausch kommt: Patient Felix therapiert den Mediziner.

Das turbulente Abenteuer für die ganze Familie hat auch den Erwachsenen mit einer Fülle von Zitaten von "Alien" bis Chaplin oder Reminiszenzen an James Bond eine Menge zu bieten: Die Hightech-Küche und die Basteleien in der Garage wirken wie "Wallace & Gromit"-Entwürfe, zumal der Erfinder-Papa bei seinen Konstruktionen an "Bob, der Baumeister" erinnert, und Felix ist die Kombination der Comicfiguren "Calvin und Hobbes", kindliche Naivität verbunden mit kluger Abgeklärtheit zwecks geschickter Enttarnung der Erwachsenenwelt. Die Nähe zur Animation und zum Comic ist unverkennbar: Bill Waterson-Fan Sandra Nettelbeck versteht ihren Film als eine Hommage an den "Calvin und Hobbes"-Zeichner. Und wer zählt die Stars, die in diesem Film ihre (mitunter ganz kurzen) Gastauftritte haben: Jasmin Tabatabai als Taxifahrerin, mit der die Regisseurin Sandra Nettelbeck bereits 1995 bei "Unbeständig und kühl" zusammen arbeitete, Martina Gedeck, die bei "Bella Martha" die Hauptrolle hatte, Bela B. Felsenheimer von den "Ärzten" als Muskelprotz oder auch Christiane Paul, die im Polizeirevier bei einer Vernehmung nur zu sehen, aber nicht zu hören ist. Ein amüsantes Who-is-who des deutschen Kinos.

Barbara Auer heißt wohl nicht zufällig Corinna von Gordenthal, denn als habgierig-skrupellose Erbschleicherin macht sie ihrer Kollegin Corinna Harfouch (der Hexe Rabia in den "Bibi Blocksberg"-Filmen) den ersten Rang als bös-fiese Kinderhasserin streitig. Wenn sie Sergeant Pepper in ihrer Fabrik versteckt, kann nur noch eine gewagte Befreiungsaktion helfen: Felix und Felicia wandeln hier eindeutig auf den Spuren von "Kletter-Ida". Selbst wenn sich alles zum Guten wendet, am Ende steckt Felix immer noch im Tigerkostüm und hört als einziger Sergeant Pepper sprechen. Eine so lebhafte Phantasie lässt sich eben nicht austreiben, da es wichtig ist, noch an Wunder zu glauben – nicht nur für Kinder.

Manfred Hobsch

 

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.SERGEANT PEPPER im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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