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Ausgabe 102-2/2005

EN GARDE

Produktion: X Filme Creative Pool, in Koproduktion mit intervista digital media und dem ZDF (Das kleine Fernsehspiel); Deutschland 2004 – Regie und Buch: Ayse Polat – Kamera: Patrick Orth – Schnitt: Gergana Voigt – Darsteller: Maria Kwiatkowsky (Alice), Pinar Erincin (Berivan), Luk Piyes (Ilir), Antje Westermann (Alices Mutter), Geno Lechner (Schwester Clara), Julia Mahnecke (Martha), Jytte Merle Böhrnsen (Josefine) – Länge: 94 Min. – Farbe Verleih: Warner Bros. – Altersempfehlung: ab 12 J.

Die 16-jährige Alice hat gelernt, sich zu fügen. Nach dem Tod der Großmutter, bei der sie bisher gelebt hat, wird sie von ihrer überforderten Mutter in ein katholisches Mädchenheim abgeschoben. Wie apathisch erträgt sie dort die Schikanen ihrer Zimmergenossinnen Josefine und Martha, die von ihr Geld und Geschenke fordern. Bald reagiert sie auf ihre Umwelt mit einem hypersensiblen Gehör. Sie leidet unter Hyperakusis, zu lautem Hören, einer Störung, die jedes Geräusch bedrohlich laut erscheinen lässt. Nur das kurdische Mädchen Berivan, das auf den Bescheid seines Asylantrags wartet, wirbt um das Vertrauen von Alice. Sie ist das genaue Gegenteil des introvertierten Mädchens: ist offen, lebhaft und aufgeschlossen. Als sich beide bei der Auswahl von Freizeitangeboten irrtümlich für einen Fechtkurs anmelden, spiegeln ihre ersten ungelenken Schritte in dem eleganten Kampfsport auch ihre Beziehung wieder, die zwischen Angriff und Verteidigung, Zuneigung und gekränktem Stolz wechselt. "En Garde", rufen sie sich zu, wenn sie beim Fechten einen Angriff einleiten und wie im wirklichen Leben heißt es dann, sich zu bewähren.

Trotz aller Gegensätzlichkeit entwickelt sich so etwas wie Freundschaft zwischen den beiden – die bald auf eine harte Probe gestellt wird. Denn als Berivan sich in Ilir verliebt, fühlt sich Alice ausgegrenzt. Ihre Angst, erneut verlassen zu werden, ist einfach zu groß. Jetzt ist auch Berivans Geheimnis, das über ihren Asylantrag entscheiden kann, bei Alice nicht mehr gut aufgehoben. Als Schwester Clara, von deren Beurteilung Berivans Asylantrag abhängt, von dem Geheimnis erfährt und die beiden Mädchen zu dem Geschehen befragt, eskaliert die Situation. Mit einer verzweifelten Reaktion löst Alice eine Katastrophe aus.

"En Garde" ist der zweite Spielfilm der in Hamburg lebenden Regisseurin kurdischer Herkunft Ayse Polat. Und wie in ihrem viel beachteten Spielfilmdebüt "Auslandstournee" (1999) ist es ein Film über Heimatlosigkeit und die Verwurzelung durch Freundschaft geworden. Dieses Mal verknüpft sie die soziale Thematik mit eigenen Erfahrungen, die sie als Betreuerin in einem internationalen Kulturzentrum für Mädchen gewonnen hat. Freundschaften sind unantastbar, das lernte sie von den Mädchen im Heim, und Freundschaft beziehungsweise deren drohender Verlust ist es auch, was Alice antreibt.

Dass Ayse Polat das Milieu kennt, spürt man in der Art, wie sie die jungen Darstellerinnen (Maria Kwiatkowsky und Pinar Erincin) führt, die beide kaum Erfahrungen mit der Schauspielerei haben. Ihr exzellentes Spiel verleiht dem gelungenen Drehbuch Glaubwürdigkeit und Ausdruckskraft und ist auch ein Talentbeweis: Maria Kwiatkowsky und Pinar Erincin, die die Mädchen Alice und Berivan spielen, bekamen den Darstellerpreis beim Filmfestival in Locarno 2004, Regisseurin Ayse Polat den Silbernen Leoparden.

 

Nicht nur die schauspielerische Leistung der Haupt- und Nebendarsteller, auch die expressiven Bilder geben dem Film eine Kraft, die in deutschen Filmen selten zu spüren ist, etwa wenn Alice sich die künstlichen Fingernägel abreißt, die ihr die Mutter als einziger Beweis ihrer Zuneigung aufgeklebt hat. Alices Schwierigkeiten gehen unter die Haut, und bereitwillig folgt man der jungen Protagonistin, deren Kampf vor allem ein Kampf gegen sich selbst ist. Wie beim Fechten stellt sich ihr auch im Leben immer wieder neu die Frage: Wer teilt aus und wer steckt ein? Erst in der Begegnung mit dem Fremden, überzeugend verkörpert durch Pinar Erincin in der Rolle des kurdischen Mädchens, lernt Alice sich selbst kennen und akzeptieren. Am Ende des Films entlässt Ayse Polat den Zuschauer nicht ohne Hoffnung, obwohl die Freiheit, die sich Alice gewünscht hat, in weite Ferne gerückt ist.

Irene Schoor

 

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