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Ausgabe 102-2/2005

FALLING BEAUTY

FALLA VACKERT

Produktion: Gilda Film AB, in Koproduktion mit FilmHaus Lagnö AB und Paradox Spillefilm AS 2004; Schweden / Norwegen 2004 – Regie und Buch: Lena Hanno Clyne – Kamera: Peter Palm – Schnitt: Bernhard Winkler – Darsteller: Leyla Belle Drake (Ninni), Simon Mezher (Ramon), Malena Engström (Helena), Jacob Nordenson (Jörgen) u. a. – Länge: 96 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Nonstop Sales, Stockholm, e-mail: info@nonstopsales.net – Altersempfehlung: ab 14 J.

Das Leben der 16-jährigen Ninni könnte so schön sein: Mit ihren Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern bewohnt sie ein wunderschönes Landhaus inmitten der herrlichen Natur nahe Stockholm – die perfekte Ikea-Familie in perfekter Ikea-Idylle. Doch Vater Jörgen ist seit längerem arbeitslos und die fälligen Raten fürs Haus können nicht bezahlt werden. Ninnis Mutter Helena gibt Jörgen die Schuld an der Existenz bedrohenden Situation und lässt ihren Frust an allen aus. Ninni muss ihr immer wieder gut zureden, sie zur Vernunft bringen. Kein Wunder, dass Ninni sich für ihr Leben vornimmt, alles anders zu machen. Vor allem, niemals von jemand anderem abhängig zu sein. Das bedeutet auch, sich niemals zu verlieben ... soweit die Theorie.

Doch dann kommt das große Mittsommerfest und mit ihm Ramon, ein kolumbianischer Flüchtling, der die Jagdhütte ganz in der Nähe bezieht und das Leben von Ninni und ihrer Familie gehörig durcheinander wirbelt. Nicht nur interessiert er sich für Ninni, was diese zunächst beunruhigt abblockt. Er bringt ihre Eltern auch auf die wahnwitzige Idee, eine Bank auszurauben. Zu Ninnis größtem Entsetzen ziehen die drei den Plan auch noch durch – mit Erfolg. Und Ninni spürt, dass da noch etwas anderes zwischen Ramon und ihrer Mutter vorgefallen ist, das ihr noch viel weniger gefällt, zumal sie sich langsam in Ramon verliebt. Als die Schulden auch mit dem erbeuteten Geld nicht beglichen werden können, wollen Ninnis Eltern erneut zuschlagen. Ninni protestiert, indem sie geht – mit Ramon. Mit ihm sammelt sie erste Liebeserfahrungen, ohne ihre Skepsis je ganz abzulegen. Der zweite Banküberfall ist ein Fiasko, Ninnis Eltern werden verhaftet. Die Zukunft der Familie liegt nun allein in Ninnis Händen – und mit Ramons Unterstützung trifft sie eine schwere Entscheidung.

Mit "Falling Beauty", der in der Sektion "14 plus" des 28. Kinderfilmfests der Berlinale lief, kommt ein weiterer Film mit dem Gütesiegel "Made in Scandinavia" daher. Mit gelungener Besetzung – allen voran die 22-jährige Leyla Belle Drake als spröde Ninni und Simon Mezher als "Latin Lover" Ramon – inszeniert Regisseurin und Drehbuchautorin Lena Hanno Clyne mit Leichtigkeit, Wärme und Humor die Geschichte um liebenswerte Figuren, die den alltäglichen (Geld-)Nöten und Sorgen auf unorthodoxe Weise zu Leibe rücken.

Diese vergnüglich verrückte Handlung ist vor allem auch Vehikel für eine ungewöhnliche Coming-of-Age-Story, in deren Mittelpunkt die vernunftbetonte 16-jährige Ninni und ihre erste Liebe stehen. Anders als so oft in Geschichten über das Erwachsenwerden geht es nicht darum, dass die jugendliche Heldin lernen muss, Verantwortung zu übernehmen und an die Folgen ihres Handelns zu denken. Ninni ist im Gegenteil die Einzige im Familienverband, die (zuviel) Verantwortungsbewusstsein besitzt und für alle anderen mitdenken muss, womit sie natürlich überfordert ist. Mutter Helena inszeniert sich mit Zöpfen und Girlielook als "Junggebliebene"; nicht zufällig singt sie eingangs das "Pippi Langstrumpf"-Lied. Dass es ihr an Reife und emotionaler Stabilität fehlt, zeigt sich in ihren launenhaften Ausbrüchen und teilweise egoistischen Handlungen. Ninni muss all dies auffangen – vertauschte Mutter-Tochter-Rollen.

Besonnener ist der gutmütige Vater Jörgen, der jedoch zu unentschlossen und zu wenig konfliktfähig ist, um die Familie aus der Krise herauszuführen und für den Erhalt ihres geliebten Heims zu sorgen. So bleibt zu vieles an Ninni hängen, und ihr mangelt es in Folge an Unbeschwertheit und Spaß, die ihr als Teenager zustehen würden. Sie spürt in ihrem Inneren "dieses Stück Eisen", an dem alles abprallt; nichts lässt sie an sich heran kommen, was die ohnehin fragile Ordnung ihrer Welt stören könnte. Ramon ist nun genau ein solcher Störenfried und er trifft Ninni an ihrem empfindlichsten Punkt. Gegen ihren Willen fühlt sie sich von dem glutäugigen Südamerikaner angezogen, der von Liebe spricht und sie zutiefst verwirrt, weil sie nicht einschätzen kann, wie ernst es ihm ist. Hartnäckig hinterfragt sie alles, auch wenn sie die Antworten fürchtet und schmerzvolle Wahrheiten erfährt.

Ninnis größte Lektion ist es, sich ihrer ersten Liebe dennoch zu öffnen, zu vertrauen und die eigene Verwundbarkeit zuzulassen – eine allgemeingültige und nachvollziehbare Erfahrung, wenn es um Liebe und Lust geht. Ramon, der von sich sagt, er sei dazu da, andere Menschen glücklich zu machen, verkörpert (im Gegenzug zur vernunftorientierten Ninni) das Lustprinzip oder auch schlicht die Versuchung. Ninni erlebt glückliche und vorübergehend unbeschwerte Zeiten mit ihm. Auch Ninnis Eltern vermag Ramon scheinbar glücklich zu machen. Sie leben unter seinem Einfluss auf und gewinnen an Selbstvertrauen, das fatalerweise in der "Bonnie & Clyde"-Nummer fehlgeht. Nun ist nicht nur das geliebte Haus futsch, die ganze Familie liegt in Trümmern. Ein letztes Mal muss Ninni für ihre Eltern Aufräumarbeit leisten – nun in liebevoller Unterstützung durch Ramon.

Am Ende haben alle dazugelernt. Ninni lernt durch Ramon loszulassen, was außerhalb ihrer eigenen Verantwortlichkeit liegt – er ist es, der ihr rät wegzugehen, um die Eltern erwachsen werden zu lassen. Ramon lernt durch Ninni, was es heißt, die Konsequenzen für das eigene Handeln zu tragen. So übernimmt er aus Liebe zu Ninni Verantwortung für das, was er leichtfertig angezettelt hat. Das Opfer, das das junge Paar hier bringt, ist groß, sehr erwachsen und streift haarscharf allzu melodramatische Selbstlosigkeit. Wenn am Schluss alles wieder in Ordnung und ganz wie beim Alten scheint, trügt der Schein: die Regeln haben sich geändert. Ninni ist nicht länger in ihrem Pflichtbewusstsein, in einer unangemessenen Rolle innerhalb der Familie gefangen. Ninnis Eltern fügen sich den neuen Bedingungen ihrer erwachsen gewordenen Tochter im Gegenzug zu der zweiten Chance, die die Familie allein durch Ninnis Engagement erhält. Dass dies alles unprätentiös und ohne moralisierende Fingerzeige vonstatten geht, ist das große Verdienst dieses unterhaltsamen und sehenswerten Films.

Ulrike Seyffarth

 

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