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Ausgabe 102-2/2005

INNOCENT VOICES

VOCES INOCENTES

INNOCENT VOICES

Produktion: Altavista Films, Santo Domingo Films, San Juan Muvi Films, San Juan Produktion; Mexiko 2004 – Regie: Luis Mandoki – Buch: Luis Mandoki, Oscar Orlando Torres – Kamera: Juan Ruiz Anchia – Schnitt: Aleshka Ferrero – Musik: Andre Abujamra – Darsteller: Carlos Padilla (Chava), Leonor Varela (Kella, Chavas Mutter), Daniel Giménez Cacho (Priester), Ofelia Medina (Mama Toya), Gustavo Muñoz (Ancha) u. a. – Länge: 110 Min. – Farbe – Verleih: Solo Film – Altersempfehlung: ab 16 J.

Die ersten Bilder des Films sind zugleich seine letzten: Bewaffnete Uniformierte führen ein paar Halbwüchsige durch ein Dorf in El Salvador. Die Jungen, die sich einem Einsatz als Kindersoldaten für die Militärjunta verweigerten, müssen ihre Hände hinter den Köpfen falten, wie Schwerverbrecher schreiten sie zur drohenden Hinrichtung. Und die Regentropfen auf ihren Gesichtern mischen sich mit Tränen, denn vor dem Tod scheint es kein Entrinnen mehr zu geben. Beobachtet von den Dorfbewohnern, die vor ihre Häuser treten und die Militärs mit ihren minderjährigen Gefangenen ohne ein Wort oder eine Geste des Widerstands vorbei ziehen lassen.

In einem Rückblick wird die Geschichte dieser Jungen aufgerollt. Ergreifend und berührend erzählt der Film die Geschichte vom Ende einer Kindheit und dem letzten Jahr der Unschuld: Der elfjährige Chava fürchtet nichts mehr, als 12 Jahre alt zu werden, denn an diesem Tag wird er eingezogen, um als Kindersoldat im Bürgerkrieg seines Landes zu dienen, in einem Kampf, den er nicht versteht. Das mittelamerikanische Land ist El Salvador: Die Armee kämpft gegen eine Widerstandsgruppe der Bauern um die Landrechte. Unversöhnlich und bis an die Zähne bewaffnet stehen sich die Truppen der korrupten Regierung und Einheiten der Guerilla gegenüber. FMLN – Farabundo Marti National Liberation Front – nennt sich die von Landarbeitern organisierte Widerstandsbewegung. Zwölf Jahre dauert ihr Befreiungskampf, in dessen Verlauf 75.000 Salvadorianer sterben, 8.000 "verschwinden" und eine knappe Million Menschen emigrieren.

In den achtziger Jahren riss das Militär alle zwölfjährigen Jungen aus den Armen ihrer Mütter, um sie in einem zermürbenden Krieg gegen die rebellischen Truppen kämpfen zu lassen. Gewalt und Angst sind allgegenwärtig und das Leben wird zu einem Überlebensspiel: Als sein Vater eines Tages vor dem Krieg in die USA flüchtet und nachdem sich sein Onkel den Guerillatruppen angeschlossen hat, wird der Junge Chava unversehens zum Familienvorstand. Wenn seine Mutter Kella abends zur Arbeit geht, muss Chava die Verantwortung tragen für seinen kleinen Bruder und die etwas ältere Schwester. Er wacht über seine Geschwister, während die Gefahr am größten ist, denn nachts beginnen die Kämpfe der Kriegsparteien. Die Schüsse des sich ausweitenden Krieges werden immer lauter, die Fronten zwischen dem staatlichen Militär und den Guerillas verlaufen mitten durch sein Dorf. Mit seiner Mutter und den beiden Geschwistern muss er fliehen. In seiner Schule muss Chava hilflos mit ansehen, wie seine Freunde von der Armee geholt werden. Die einzige Alternative, der Armee zu entgehen, besteht darin, sich den Rebellen anzuschließen. Vor dem Krieg aber gibt es, egal auf welcher Seite, kein Entkommen.

In seinem emotionalen Film, der auf einer wahren Begebenheit beruht und nach den Kindheitserlebnissen des Drehbuchautors Oscar Orlando Torres entstand, legt der Mexikaner Luis Mandoki, der durch seine Regiearbeiten "When a Man loves a Woman" und "Message in a Bottle" weltbekannt wurde, den Schwerpunkt voll und ganz auf die Kinder. Nach 15 Jahren drehte Mandoki zum ersten Mal wieder in seinem Heimatland. Oscar Orlando Torres selbst floh mit zwölf Jahren aus seinem Heimatdorf Cuscatazingo in die USA, um der Armee zu entkommen und kehrte später zurück in sein Dorf, um seine beiden Brüder zu holen, bevor die Armee es tun konnte. "Das Schreiben war wie eine Therapie für mich", sagte Oscar Orlando Torres bei der Berlinale: "Ich erinnerte mich, wie wir als Kinder mitten in diesem Alptraum versuchten, Spiele zu erfinden, oder wie ich auf dem Rücken liegend Hausaufgaben machte, um nicht von einer Kugel getroffen zu werden." Mit Chavas Augen sehen die Zuschauer die alltäglichen Grausamkeiten: Tag für Tag liegen Leichen getöteter Guerillas und Zivilisten auf den Lehmwegen des Dorfes. Kinder sind verfügbare und schnell austauschbare Einheiten. Sie müssen töten, um zu überleben. Sie haben weniger Hemmungen zu töten, weil sie sich leichter von der Realität lösen können. Je jünger sie sind, desto weniger moralische Schranken hindern sie am Töten. Ob Naturkatastrophen oder Kriege, immer bilden Kinder das schwächste Glied in der Gesellschaft. Sie sind am wenigsten für die Situation verantwortlich und bekommen doch die Wucht einer Krise am härtesten spüren.

In unserer Welt gibt es mehr als vierzig bewaffnete Konflikte, zum Beispiel in Burma, Kolumbien, Uganda oder Angola. Dabei werden mehr als 300.000 Kinder als Soldaten missbraucht. Ein Kind, das in einem Krieg war, das getötet hat, ist gezeichnet für sein ganzes Leben. Die internationale Politik versucht über den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gegen die Rekrutierung von Kindern vorzugehen, indem sie diese verfolgt und den betreffenden Ländern wirtschaftliche Sanktionen androht. Tatsächlich beschränkten sich die UN-Aktionen im vergangenen Jahr aber lediglich auf sechs bewaffnete Konflikte, in denen Kindersoldaten zum Einsatz kamen, was nicht zuletzt mit den regionalpolitischen Interessen der ständigen Ratsmitglieder zusammenhängt. Hinzu kommt, dass sich diktatorische Kriegsfürsten nur selten davon beeindrucken lassen, dass westliche Staaten den Einsatz von Kindersoldaten ächten.

Das Schicksal von Kindersoldaten und die Schrecken des Krieges hat Luis Mandoki in bester Politthriller-Manier ganz im Stil von Costa-Gavras inszeniert: Er zieht den Zuschauer in Bann und sein Film ist eine überzeugende Anklage. Chava kann zwar überleben, aber seine Freunde bezahlen als Soldaten oder Guerillas mit dem Leben. Jugendliche folgen dem Film voller Spannung und Anteilnahme, denn Luis Mandoki kennt ihre Sehgewohnheiten genau und bedient sich dieser Erfahrungen, um den Betrachter mit den dramaturgischen Mitteln des Hollywood-Kinos zu packen. Neben alle Grausamkeit setzt Mandoki auch Momente der Heiterkeit und Ablenkung, z. B. wenn Chava den verbotenen Radiosender der Guerilla hört und kurz bevor die Armee ihn entdeckt, schnell umschaltet, um dann zu "I will survive" die Straße lang zu tanzen. Carlos Padilla stellt den elfjährigen Chava überzeugend dar, erste Schauspiel-Erfahrungen machte er zuvor in den in Südamerika beliebten Telenovelas.

Das ernsthafte Anliegen des Films fand bei der selbst aus Jugendlichen bestehenden Jury Anklang. Sie zeichneten ihn als besten Film in der Kategorie 14plus des Kinderfilmfestes aus: "Uns lief ein kalter Schauer über den Rücken, wir saßen da mit zugeschnürten Kehlen und wollten am liebsten nur nach Hause. Durch herausragende Schauspieler und Bilder, die sich in unserem Gedächtnis festgesetzt haben und trotzdem noch Hoffnung vermitteln, zeigte der Film ein Thema, das uns sprachlos macht, über das man aber reden muss," so die Begründung der Jury.

Der historische Konflikt und dessen schwierige Hintergründe spielen allerdings nur eine untergeordnete Rolle, denn es geht um das Einzelschicksal des Jungen Chava und aus seiner Perspektive und mit seiner Stimme wird erzählt: Da ist es nicht wichtig, wer gegen wen kämpft oder welche Beweggründe dahinter stecken, da zählt einzig und allein die Grausamkeit des Krieges, den er als Alltag erleben muss. Dass die politischen Hintergründe nicht ausführlich erklärt werden, mag als Manko erscheinen, doch dahinter steckt vielleicht auch der leicht pädagogische Ansatz, das Interesse zu wecken, diese Tatsachen herausfinden zu wollen. Für seine Anklage gegen Kindersoldaten und Krieg spielen diese Hintergründe keine Rolle, denn ein Krieg ist wie jeder andere Krieg und jeder Kindersoldat ist einer zu viel – in den 80er-Jahren wie heute.

Manfred Hobsch

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 102-2/2005 - Interview - "Ich hoffe, dass die Regierungen an uns Kinder denken, bevor sie ihre Entscheidungen treffen"

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.INNOCENT VOICES im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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