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Ausgabe 102-2/2005

MACHUCA, MEIN FREUND

MACHUCA

MACHUCA, MEIN FREUND

Produktion: Tornasol Films S.A. / Andrés Wood Producciones; Chile 2004 – Regie: Andrés Wood – Drehbuch: Roberto Brodsky, Mamoun Hassan, Andrés Wood – Kamera: Miguel J. Littín – Schnitt: Fernando Pardo – Musik: José Miguel Miranda, José Miguel Tobar – Darsteller: Matías Quer (Gonzalo Infante), Ariel Mateluna (Pedro Machuca), Manuela Martelli (Silvana), Ernesto Malbrán (Pater McEnroe) – Länge: 120 Min. – Farbe – Verleih: Tiberius Film GmbH, www.tiberiusfilm.de – FSK: ab 12, ff – Altersempfehlung: ab 12 J.

Santiago de Chile im Sommer 1973: Der elfjährige Gonzalo kommt aus gutbürgerlichem Hause und ihm ist Politik so piepegal, wie sie es einem Elfjährigen nur sein kann. Auch wenn das im damaligen Chile reichlich schwierig war; schließlich spitzte sich der Kampf zwischen der regierenden Linken der Unidad Popular und der Reaktion (Christdemokraten, Bürgertum und der faschistischen Patria y Libertad) täglich immer weiter zu – mit dem bekannten Ergebnis des blutigen Militärputschs vom 11. September 1973 unter Augusto Pinochet. Ein Putsch übrigens, der von den USA mittels CIA und Großkonzernen massiv unterstützt wurde und auch bei der Rechten in Deutschland Anhänger fand.

Gonzalo jedenfalls ahnt von alldem noch nichts, auch wenn seine Schwester einen militanten Anhänger des Patria y Libertad als Lover hat. Diese (heute noch existierende) Gruppe schreckte auch vor bewaffnetem Terror nicht zurück, so ermordete sie etwa zwei Monate vor dem Putsch Allendes Marineadjutanten. Gonzalo geht in das elitäre Privatgymnasium St. Patricks, das vom fortschrittlichen Pater McEnroe geleitet wird. Dieser sorgt eines Tages dafür, dass auch Kinder aus den Elendsvierteln rund um Santiago Zugang zu einer vernünftigen Ausbildung bekommen; sehr zum Ärger eines Teils der Eltern, die ihre bürgerliche Elite bedroht sehen. Eines dieser Kinder ist Pedro Machuca, mit dem Gonzalo trotz aller Unterschiede Freundschaft schließt. Eine Freundschaft, der mit Misstrauen und Hass begegnet wird: In der Schule werden die Neuen zum Opfer so manchen Bürgerkindes, das aber auch nur den Hass weitergibt, der in Teilen des chilenischen Bürgertums seinerzeit weit verbreitet war. Und auch in den Elendsvierteln begegnet man Gonzalo nicht ohne Misstrauen, hat man hier doch gelernt, den Herrschenden (deren Vertreter in ihren Augen schon der Elfjährige ist) nicht zu trauen.

Diese Freundschaft führt den naiven Gonzalo mitten hinein in die fast täglichen Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Opposition, auch deshalb, weil die Armen ganz eigene Strategien zum Überleben entwickeln mussten. So verkaufen sie bei jeder Demonstration die passenden Fahnen – ob an die Faschisten oder die Linken. Dabei lernt Gonzalo auch Silvana kennen, eine etwas ältere Freundin von Pedro. Beide verlieben sich in das Mädchen, doch die denkt gar nicht daran, sich zwischen ihnen zu entscheiden, sondern verteilt ihre Zuneigung auf beide gleichermaßen. Diese Freundschaft über Klassenschranken hinweg wird immer wieder auf die Probe gestellt: Silvana etwa wird auf einer Demonstration der Faschisten und ihrer gutbürgerlichen Anhänger fast von ein paar Bürgerfrauen zusammengeschlagen. Als sich herausstellt, dass ausgerechnet Gonzalos Mutter eine der Angreiferinnen war, lässt sie ihre ganze Wut an dem Jungen aus.

Doch all das findet am 11.09.1973 ein brutales und blutiges Ende. Gonzalo wird Augenzeuge des Putsches: In seiner Schule wird McEnroe durch einen willfährigen Handlanger der Militärs ersetzt, die die Schule okkupiert haben und sich wie die Nazis aufführen. Den Schülern werden zwangsweise die Haare geschoren, in jeder Klasse stehen bis an die Zähne bewaffnete Soldaten. Dennoch kommt es noch einmal zu einer Geste symbolischen Widerstandes: Als Pater McEnroe zum Gottesdienst seines Nachfolgers erscheint, die Hostien aufisst und mit den Worten "Dies ist kein geweihter Ort mehr, Gott wohnt hier nicht mehr" die ewige Flamme ausbläst, steht Machuca auf, um ihn auf Englisch zu verabschieden. Sehr zum Ärger des anwesenden Schulkommandanten steht nach ihm die gesamte Schule auf. Machuca wird unverzüglich rausgeschmissen. Tags drauf fährt Gonzalo in den Slum auf der anderen Seite des Flusses und muss erleben, wie das Militär die Slums "säubert" und dabei Silvana erschießt. Spätestens jetzt ist seine Kindheit vorbei.

Abgesehen von der dokumentarischen Arbeit Patricio Guzmans, der seit dem Putsch (und schon davor) der engagierte Chronist der chilenischen Verhältnisse war und ist, gibt es in Chile (anders als etwa in Argentinien) so gut wie keine Spielfilme über den Putsch und seine Folgen. Schon gar nicht einen wie diesen, der seine Geschichte konsequent aus der Sicht der Kinder erzählt. Dabei taucht er tief ein in die Atmosphäre eines gespaltenen Landes. Mit teilweise genial einfachen Mitteln evoziert Woods die Stimmung eines Landes, in dem die Rechte alles unternimmt, die gewählte Linke wie auch immer von der Macht zu verdrängen. So führt der Weg, den Gonzalo zum Slum auf der anderen Seite des Flusses nimmt, an einer Mauer vorbei, auf der zu Beginn die Parole "No a la guerra civil!" (Nein zum Bürgerkrieg) zu lesen ist. Nach einiger Zeit sehen wir, dass inzwischen das "No" übermalt wurde und man nun "A la guerra civil" (Auf zum Bürgerkrieg) liest. Nach dem Putsch ist die Parole übermalt; der Bürgerkrieg wurde ja auch durch den Putsch zu Gunsten der Reaktion entschieden.

Dabei erzählt Woods immer nur so viel von der aktuellen Lage, wie seine Protagonisten selbst erleben und sehen. Vieles davon erschließt sich auch einem mit der chilenischen Geschichte nicht vertrauten Publikum ohne jede Erklärung: Wenn etwa Gonzalo mit seinem Vater zunächst das randvolle Lagerhaus von dessen Freund besucht und danach an lauter Geschäften vorbeigeht an denen Schilder wie "Kein Fleisch" und "Keine Milch" hängen. Effizienter kann man die von Teilen der Rechten verfolgte Strategie der bewussten Warenverknappung nicht bebildern. Und auch wenn Woods im Interview erklärt, er erzähle nur eine Geschichte frei von sozialen oder politischen Standpunkten, ist seine Position doch immer klar, ohne dass er deswegen zum Demagogen würde. Denn alles was er zeigt, ist beweisbar und – zumindest für jene, die sich damit befasst haben – auch nichts Neues.

Eindrucksvoll inszeniert er das Klima des Hasses im Land. Denn die bürgerlichen Rechten hassten die Unidad Popular, sie hassten die Armen, sie hassten die Demokratie, weil sie auf einmal denen, die nie eine Stimme hatten, ermöglichte lautstark ihre Rechte einzufordern und – was noch schlimmer war – sogar durchzusetzen. In gleich mehreren Sequenzen zeigt Woods diesen Hass. Und obwohl die Politik im Verlauf des Films eine immer stärkere Rolle spielt, ist das alles andere als ein Pamphlet. Im Gegenteil: Liebevoll und zuweilen recht komisch erzählt Woods auch von den ersten vorpubertären Abenteuern mit Mädels, Alkohol und anderen ganz neuen Erfahrungen, die die beiden Freunde gemeinsam machen.

Eine solche Geschichte steht und fällt mit ihren Darstellern. Hier hatte Woods ein gutes Händchen: Seine drei Hauptdarsteller verfügen alle über ausreichend Schauspielerfahrung und sei es "nur" – wie bei Matías Quer – im Schultheater und wirken jederzeit absolut glaubwürdig und authentisch. Gerade weil sie Kinder in einem Zwischenalter kurz vor der Pubertät spielen sollen, ist das alles andere als selbstverständlich oder einfach. Unterstützt von einer bildstarken Kamera schuf Woods ein erschütterndes Panorama Chiles vor dem Putsch, aus dem nach der blutigen Machtergreifung die Farbe schwindet, ein einfaches aber starkes Symbol für die gesellschaftliche Erstarrung, die die Militärs über das Land brachten. Und auch mit der peppigen 70er-Jahre-Musik mit starkem Latino-Touch, die den Film unaufdringlich aber passend begleitet, ist dann Schluss. Denn die neuen Machthaber hassten und verboten nicht nur alles "Fremde" (oder was sie dafür hielten), sie legten auch kulturell eine Rückständigkeit an den Tag, die man seinerzeit kaum für möglich gehalten hätte. Es ist das Verdienst des Films, dieses (und vieles andere) eindringlich ins Bild gesetzt zu haben. Ein bei allem Ernst unterhaltsamer Film für Kids, der trotz seiner zwei Stunden Dauer nie langweilig wird. Der Film war in seiner Heimat ein riesiger Publikumserfolg.

Lutz Gräfe

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.MACHUCA, MEIN FREUND im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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