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Ausgabe 102-2/2005

WENN TRÄUME FLIEGEN LERNEN

FINDING NEVERLAND

Produktion: Miramax / Film Colony – USA / Großbritannien 2004 – Regie: Marc Forster – Buch: David Magee, nach dem Bühnenstück "The Man Who Was Peter Pan" von Allan Knee – Kamera: Roberto Schaefer – Schnitt: Matt Chessé – Musik: Jan A. P. Kaczmarek – Darsteller: Johnny Depp (J. M. Barrie), Kate Winslet (Sylvia Llewelyn Davies), Julie Christie (Mrs. Emma du Maurier), Radha Mitchell (Mary Ansell Barrie), Dustin Hoffman (Charles Frohman), Freddie Highmore (Peter), Joe Prospero (Jack) u. a. – Länge: 106 Min. – Farbe – FSK: o. A. – Verleih: Buena Vista – Altersempfehlung: ab 12 J.

Der Lebensweg des schottischen Schriftstellers und Dramatikers James M. Barrie ist ebenso außergewöhnlich wie faszinierend. Es ist erstaunlich, dass Barrie erst jetzt für eine Filmhandlung entdeckt wurde, wo er doch sehr viel mit der Figur gemeinsam hat, die er unsterblich machte und die heute der ganzen Welt gehört: Peter Pan, ein universeller Mythos über den zeitlosen Geist der Jugend!

James Matthew Barrie wurde am 9. Mai 1860 in Kirriemuir, Schottland, als neuntes Kind – und dritter Sohn – von David und Margaret Barrie (geb. Ogilvy) geboren. Es war seine Mutter, die ihm schon sehr früh Abenteuerstorys erzählte und ihn ermutigte, eigene Geschichten zu schreiben. Im Alter von 13 Jahren verlässt Barrie sein Heimatdorf und besucht die Dumfries Academy; dann, von 1887 an, die Universität Edinburgh. Mit 18 hat er die Größe und die Figur eines Zwölfjährigen, die er auch beibehält. Psychoanalytiker werden später behaupten, das sei psychosomatisch bedingt durch seine innere Verweigerung, erwachsen zu werden. Barrie fühlt sich vom studentischen Leben ausgeschlossen, zieht sich zurück und beschränkt sich darauf, andere zu beobachten und ihr Verhalten zu analysieren.

1885 geht Barrie nach London; ein mittelloser Student mit vielen Geschichten im Kopf. Er schreibt für Zeitungen, wird Journalist und versucht sich als Theaterautor. Langsam stellen sich erste Erfolge ein. Barrie ist ein fleißiger Theaterbesucher und ein Verehrer berühmter Schauspielerinnen. 1892 heiratet er die Schauspielerin Mary Ansell; die Ehe endet ein paar Jahre später kinderlos mit einer Scheidung; Barries Biographen behaupten, sie sei auch nie vollzogen worden.

Barrie entdeckt seine große Leidenschaft für die Welt der Kinder und sucht Orte auf, wo sie sich aufhalten und spielen. Er nimmt sich auch Zeit für die Kinder seiner Freunde und Kollegen und spielt mit ihnen. Mittlerweile hat er sich in einem eleganten Viertel in London niedergelassen. In einem nahe gelegenen Park freundet er sich mit drei Jungen (George, Jack und Peter) an und erfährt später, dass es die Kinder von Sylvia Llewelyn Davies sind, die mit einem Anwalt verheiratet ist. Barrie sucht den engen Kontakt zu ihr und wird so etwas wie ein Familienmitglied. Zwei weitere Jungen werden geboren: Michael und Nico. Die fünf Kinder freuen sich über ihren Spielgefährten, der Vater ist über die ständige Anwesenheit von "Onkel Jim" nicht begeistert. Es ist eine Situation entstanden, die von außen missverstanden werden kann und folglich auch manches Gerede auslöste. 1900 und 1901 lädt Barrie die Familie in sein Landhaus ein, der ideale Ort für Kinderspiele.

Aus dem Umgang mit den Kindern und den Beobachtungen ihrer Spiele entsteht die Idee für das Theaterstück "Peter Pan". Eine erste Fassung stößt auf Ablehnung, da eine so phantastische Geschichte nur mit großem Aufwand inszeniert werden kann, wofür sich nicht alle Bühnen in London eignen, da ihre technischen Möglichkeiten begrenzt sind. Aber Barries Theaterimpressario Charles Frohman glaubt an ihn und setzte das Stück durch. Seine Uraufführung erlebte es am 27.12.1904 im "Duke of York's" Theater. Der Abend wurde zu einem großen Erfolg – "Peter Pan" eroberte die Welt.

Dem öffentlichen Erfolg des Stücks steht dann die private Tragik der kommenden Jahre entgegen. Innerhalb weniger Jahre sterben die Eltern der Kinder an Krebs. Barrie, mittlerweile von Mary geschieden, entschließt sich, die Jungen zu adoptieren und hat nun so etwas wie eine eigene Familie, wobei er eher die Rolle des großen Bruders als die des Vaters einnimmt. Er finanziert den Jungen die besten Schulen und erfüllt ihnen auch noch die ausgefallensten Wünsche. Dennoch litten sie unter der Umklammerung ihres Adoptivvaters, ihr weiteres Leben war mehr von Tragik als von Glück gezeichnet. George kam in den Wirren des Ersten Weltkriegs um, Michael, der Schriftsteller werden wollte, ertrank mit 20 während des Studiums in Oxford (möglicherweise ein vertuschter Selbstmord) und Peter beging im Alter von 63 Jahren Selbstmord, viele Jahre nach Barries Tod.

In seinen letzten Lebensjahren führte Barrie ein bescheidenes Leben. Sein Stück schrieb er immer wieder um und brachte neue Ideen ein. 1929 übertrug er alle Rechte an "Peter Pan" dem Londoner Kinderkrankenhaus in der Great Ormond Street, wohin auch heute noch die Tantiemen fließen und die Erinnerung an ihn wach gehalten wird. James M. Barrie starb am 19. Juni 1937 in London und wurde in Kirriemuir beigesetzt. Der eigenwillige Autor hat außer "Peter Pan" noch etwas anderes hinterlassen: Er gründete ein Cricket-Team, das ausschließlich aus Schriftstellern und Dichtern bestand, und war auf dem grünen Rasen 25 Jahre lang aktiv – aber sportlich nicht sehr erfolgreich. Den Club gibt es heute noch.

Die Handlung des Films "Wenn Träume fliegen lernen" setzt in London ein, wo Barrie nach der Uraufführung seines jüngsten Theaterstücks ein Desaster erlebt und dringend Inspiration braucht. Bei den Spaziergängen mit seinem Hund Porthos macht er dann die Bekanntschaft mit den Kindern der Llewelyn-Davies-Familie. Der Film hält sich im weiteren Verlauf des Geschehens nicht eng an die tatsächlichen Ereignisse: Sylvia ist hier bereits verwitwet und wird von einer gefühlskalten Mutter argwöhnisch überwacht und kontrolliert. Die Kinder vergessen ihre schlimmsten Sorgen, da Barrie ihnen jeden Unsinn erlaubt, sie ablenkt und zum Lachen bringt. Barries Frau fühlt sich vernachlässigt, stürzt sich in eine Affäre mit einem befreundeten Schriftsteller und lässt sich scheiden Durch das tägliche Zusammensein mit den Kindern wird Barrie zu "Peter Pan" angeregt; er bringt das Stück gegen manche Widerstände auf die Bühne. Die Schauspieler sind verunsichert, fühlen sich im Hunde- oder Krokodilskostüm der Lächerlichkeit preisgegeben. Dennoch kommt es zur Aufführung, die – in Gegenwart u. a. des kleinen Peter Llewelyn Davies und anderer kindlicher Zuschauer – ein überwältigender Erfolg wird. Zur gleichen Zeit verschlechtert sich Sylvias Zustand. Weil sie die Premiere nicht besuchen kann, überrascht Barrie sie mit einer Privataufführung in ihrem Haus. Sylvia erkennt die Bedeutung von Nimmerland und folgt Barrie erleichtert und bereitwillig in seine Traumwelt, in der es keinen Schmerz und kein Leid gibt. Nach ihrem Tod kümmert sich Barrie weiter um die verwaisten Jungen. Ihr größter Trost aber ist das Land der Phantasie, das Barrie für sie und alle Kinder dieser Welt errichtet hat, ein Land, in dem der Glaube an das Unmögliche alles überwindet.

"Wenn Träume fliegen lernen" ist hochkarätig besetzt. Kate Winslet, Julie Christie, Radha Mitchell und Dustin Hoffman agieren in Höchstform in einem Kostümfilm bester englischer Tradition, stilsicher inszeniert von Marc Forster ("Monster's Ball", 2001). Die größte Leistung erbringt allerdings Johnny Depp in der Rolle als J. M. Barrie. Es ist daran zu erinnern, dass Barrie kleinwüchsig war und den Kindern daher auch auf Augenhöhe gegenüber stand – was nicht unwichtig ist für die Deutung seines Charakters. Diese Voraussetzungen bringt Johnny Depp nicht mit, gleicht sie aber durch seine enorme Spielfreudigkeit aus. Er ist ja auch einer, der gerne "spielt", der sich in seinen Rollen verkleidet (als Pirat oder Cowboy beispielsweise) und selber auch die kuriosesten Herausforderungen sucht; beispielsweise als "Edward mit den Scherenhänden" oder in seiner Hommage auf den exzentrischen B-Movie Regisseur "Ed Wood". Insofern hätte es für die Besetzung des Schöpfers von Peter Pan keine idealere Besetzung geben können. Johnny Depp meistert die Herausforderung, die Parallelen zwischen dem Leben des Dichters und der Phantasiewelt seiner Figuren herauszuarbeiten und sichtbar zu machen; Figuren, die nur Spiele und weder Zeit noch Geschlechtsleben kennen.

"Peter Pan" wurde mehrfach verfilmt; als Zeichentrickfilm von Walt Disney (1953) selbstverständlich, aber auch als Realfilm (USA 2003, Regie: P.J. Hogan). Erwähnenswert auch noch "Peter Pan: Neue Abenteuer in Nimmerland" (USA 2002, Regie: Robin Budd und Donovan Cook) und die Spielberg-Version "Hook" (1991) mit Dustin Hoffman in der Titelrolle. Sehr nahe am Original der Theateraufführung von vor einhundert Jahren ist die erste Verfilmung aus dem Jahre 1924, ein Kleinod der Stummfilmzeit unter der Regie von Herbert Brenon. Er hielt sich eng an die Bühnenfassung, so dass der Charakter einer Theatervorstellung beibehalten wurde – beispielsweise in der Dekoration und im Szenenbild. In den überpointierten Stummfilm-Gesten der Darsteller wirkt der Film auch heute noch wie ein Theaterspiel für Kinder. Peter Pan spielte die bis dahin unbekannte 17-jährige Betty Bronson, von Barrie persönlich für diese Rolle ausgesucht. 1999 wurde für die Herausgabe des Films als DVD von Phillip C. Carli eine Musikfassung geschrieben.

Horst Schäfer

 

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