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Ausgabe 103-3/2005

IRGENDWO IN BERLIN

Produktion: DEFA, Deutschland 1946 – Regie und Buch: Gerhard Lamprecht – Kamera: Werner Krien – Schnitt: Lena Neumann – Musik: Erich Einegg – Darsteller: Harry Hindemith (Vater Iller), Hedda Sarnow (Mutter Iller), Charles Knetschke (Gustav, beider Sohn), Hans Trinkaus (Willi, sein Freund), Hans Leibelt (Eckmann), Paul Bildt (Birke), Fritz Rasp (Waldemar), Walter Bluhm (Karl), Lotte Loebinger (Frau Steidel) – Länge: 85 Min. – s/w – Verleih: PROGRESS Film-Verleih GmbH – Altersempfehlung: ab 12 J.

Gerade einmal neun Monate sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen, da begibt sich Regisseur Gerhard Lamprecht auf die Suche nach Kinderdarstellern für seinen Film "Irgendwo in Berlin". Bereits am 18. Dezember 1946 wird dieser dann in der Deutschen Staatsoper Berlin, die damals noch im Admiralspalast untergebracht war, uraufgeführt und ist nach Wolfgang Staudtes "Die Mörder sind unter uns" und "Freies Land" von Milo Harbich der dritte Spielfilm der DEFA.

Ähnlich wie Staudte erzählt auch Gerhard Lamprecht eine Nachkriegsgeschichte. Obwohl sie über die beiden Jungen Gustav und Willi transportiert wird, richtet sie sich an Erwachsene und befasst sich mit einer der wesentlichen Fragen dieser Zeit: Wie einen Neuanfang wagen, ohne sich mit erlebten Gewalt- und Kriegserfahrungen auseinander setzen zu können?

In der Trümmerlandschaft Berlins spielen Gustav, sein Freund Willi und die anderen Kinder aus dem Viertel mit Feuerwerksraketen Krieg. Gustavs Vater ist noch in Gefangenschaft. Sehnsüchtig wird er zurückerwartet, ihr Familienbesitz, eine zerstörte Großgarage, muss wieder aufgebaut werden. Eines Tages steht Vater Iller dann tatsächlich vor der Tür. Physisch und psychisch ein Wrack kann er an Neuanfang nicht denken. Während andere sich in der neuen Zeit bereits sehr gut eingerichtet haben, ohne Skrupel den Mangel an allem Lebensnotwendigen ausnutzen und ihre Geschäfte machen, grübelt Iller über die Erlebnisse im Krieg nach. "Ich weiß gar nicht mehr, wie das ist, ein Mensch zu sein", meint er verzweifelt zu seinem Freund Karl.

Gustav muss damit zurechtkommen, dass sein Vater von den Nachbarn verachtet und von seinen Freunden als "dreckiger Jammerlappen" beschimpft wird. Das lässt sich Gustav, der sonst Streit eher aus dem Wege geht, nicht gefallen. Er greift den Anführer der Jungenclique an, Willi eilt Gustav zu Hilfe, besiegt den "Kapitän" und betitelt den Besiegten mit dem schlimmsten Schimpfwort: "feige Memme". Zu Hause packt er für Vater Iller Lebensmittel ein, damit der sich wieder "hochrappeln" kann. Durch seine gut gemeinte Hilfe wird Willi vom Untermieter, dem Schwarzhändler Birke, des Diebstahls beschuldigt. Er flüchtet zum Maler Eckmann, einem Freund der Kinder. Während Gustavs Eltern und Willis Mutter die Dinge klären und nach dem Jungen suchen, bekommt der einen provozierenden Brief vom "Kapitän". Um zu beweisen, dass er kein Feigling ist, klettert Willi auf eine Brandmauer und stürzt ab. Sein tragischer Tod bewirkt, dass die Kinder das zerstörerische Kriegsspiel aufgeben und Vater Iller endlich zu einem Neubeginn bereit ist.

Der damals 49-jährige Regisseur Gerhard Lamprecht, der mit 17 sein erstes Filmmanuskript schrieb, hatte sich schon in den 20er-Jahren mit sozialkritischen Berlin-Filmen, wie der Trilogie "Die Verrufenen" (1925), "Menschen untereinander" (1926) und "Die Unehelichen" (1926) einen Namen gemacht. Dabei stellte er, was zu der Zeit eher selten war, Kinder in den Mittelpunkt des Geschehens. So auch 1931, als er mit "Emil und die Detektive" nach dem gleichnamigen Roman von Erich Kästner einen Welterfolg erzielte.

Nach Kriegsende versucht Lamprecht, der im Dritten Reich dann hauptsächlich Unterhaltungsfilme drehte, an früheren Intentionen anzuknüpfen. Seine Arbeitsweise erinnert an seine besten Filme. Nicht nur, dass er diese Geschichte wieder über die Kinder erzählt, er führt ausgezeichnet die jungen Darsteller wie Hans Trinkaus als Willi und Charles Knetschke als Gustav, der ja später als Charles Brauer eine Schauspieler-Karriere beim Theater und Fernsehen machte und als "Tatort"-Kommissar zusammen mit Manfred Krug Kultstatus erreichte. Für "Irgendwo in Berlin" übernimmt Lamprecht auch verschiedene Figurenkonstellationen aus seinen früheren Arbeiten und besetzt diese Rollen mit den gleichen Schauspielern. So spielt hier beispielsweise Fritz Rasp einen trickreichen Taschendieb wie in "Emil und die Detektive".

Vor allem aber schildert Gerhard Lamprecht sehr genau das Milieu, in dem die Kinder aufwachsen, und gibt ein ausgesprochen authentisches Bild vom zerstörten Berlin. Das ist auch heute noch die stärkste Seite dieses Films. Fast ohne Kulissen gedreht, beeindrucken die Bilder von den Ruinen, den zerstörten Straßen, den Schuttbergen oder vom Schwarzmarkt durch ihren dokumentarischen Charakter. Mit der gleichen Sorgfältigkeit beschreibt Lamprecht die Menschen, die auf unterschiedlichste Weise vom Krieg gezeichnet sind. So geht einem auch nach 60 Jahren noch der Anblick des laut auf dem Balkon salutierenden jungen Mannes in Uniform, den der Krieg verrückt werden ließ, tief unter die Haut. Beeindruckend auch Harry Hindemith als der gebrochene Vater Iller, der nicht wieder zu sich finden kann und damit bei seinen Mitmenschen nur auf Unverständnis stößt.

Leider wird die beabsichtigte Wirkung dieses Films aus heutiger Sicht durch den aufdringlich inszenierten, melodramatischen Schluss gebrochen. Das Sterben des kleinen Willi ist viel zu lang inszeniert, rührselig ausgeleuchtet und mit lautstarker Orchestermusik unterlegt und erreicht so beim Zuschauer eher ein Genervtsein statt Trauer. Bestimmt haben das die Kinobesucher 1946 anders empfunden. Auf jeden Fall erfreute sich "Irgendwo in Berlin" nach den erlebten Erschütterungen des Krieges großer Beliebtheit. Auch heute noch erweist sich dieser Film – trotz dieser Einschränkung – als ausgesprochen sehenswert.

Barbara Felsmann

 

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