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Ausgabe 103-3/2005

LEPEL

LEPEL

Produktion: Lemming Film B.V. / Egoli Tossell Film GmbH; Niederlande / Großbritannien / Deutschland 2004 – Regie: Willem van de Sande Bakhuyzen – Buch: Mieke de Jong – Kamera: Guido van Gennep – Schnitt: Wouter Jansen – Musik: Robert Lockhart – Darsteller: Joep Trujen, Lena Bril, LoesLuca, Carice van Houten, Neeltje de Vree u. a. – Länge: 90 Min. – Farbe – Altersempfehlung: ab 8 J.

Der siebenjährige Lepel aus den Niederlanden lebt bei seiner raffgierigen und konsumsüchtigen Großmutter Koppenol und muss in ihrem Laden Knöpfe sortieren. Auch der ehrgeizige Mathelehrer lässt ihn nicht in Ruhe, denn der Junge mit dem seltsamen Namen (zu deutsch: Löffel) ist genial im Kopfrechnen. Wenn Lepel den nächsten Schulwettbewerb gewinnt, wird der Ruhm auch auf ihn abstrahlen, so das Kalkül des Lehrers. Eines Tages wird er aus Versehen nach Geschäftsschluss in einem Kaufhaus eingeschlossen. Er bekommt es mit der Angst zu tun, entdeckt aber zum Glück die elfjährige Pleun, die sich im Kaufhaus häuslich eingerichtet hat, seitdem sie von ihren Eltern weggelaufen ist. Lepel bleibt erstmal bei ihr.

Tagsüber schlafen sie in einem hohen Regal voller weicher Pullover, abends durchstreifen sie das leere Kaufhaus und spielen. Doch Lepel sehnt sich nach seinen Eltern, die angeblich mit einem Heißluftballon um die Welt reisen. Als die beiden Kinder erfahren, dass Lepels Eltern schon vor langer Zeit bei einem Unfall ums Leben gekommen sind und Koppenol gar nicht seine Großmutter ist, nimmt Pleun die Suche nach einer Mutter für den stillen Jungen auf. Broer, die strenge Managerin des Kaufhauses, wäre genau die Richtige, aber sie ist Single und hält sich für ungeeignet. Aber da ist ja noch der schüchterne Verkäufer Max, der den beiden Kindern beim Verstecken hilft und jede Nacht von Broer träumt.

Wie der einsame Junge und die weggelaufene Göre sich gegenseitig in ihrer Notlage stützen und ihr Schicksal in die Hand nehmen, das erzählt der Regisseur Willem van de Sande Bakhuyzen mit viel Charme, Phantasie und Humor. Der 1957 in Arnheim geborene Filmemacher hat sich in seinem Heimatland mit zwei populären TV-Serien und dem erfolgreichen Kinofilm "Familie" (2000) einen Namen gemacht; "Lepel" ist ein anrührendes Alltagsmärchen über kleine und große Träume. Obwohl der Film in den Niederlanden spielt, wurde er in Gera, Leipzig, Weimar und Sachsen-Anhalt gedreht. Die oft menschenleeren Straßen ohne irgendwelche Hinweisschilder verleihen den Szenerien einen unbestimmten, ja zeitlosen Charakter, der den märchenhaften Erzählton der Geschichte unterstreicht. Dabei hat die Drehbuchautorin Mieke de Jong durchaus eine Reihe von Problemen in das Skript gepackt: von der Ausbeutung von Kindern über zerfallene Familien bis zu unerfüllter Liebe. Sehr gut umgesetzt hat sie vor allem die Variation der üblichen Rollenmuster von Männern und Frauen, denn der nette Max fungiert hier schon fast als Ersatzmutter, während die strenge Broer ein ungewöhnliches Interesse an einer Männersportart offenbart.

Wie leider so oft in ansonsten durchaus amüsanten Kinderfilmen verfällt auch Bakhuyzen bei der Zeichnung einiger Nebenfiguren in eine aufdringliche Schwarzweißmalerei. So bleiben die ausbeuterische falsche Großmutter und der überkandidelte Mathelehrer bloße Witzfiguren, die allenfalls für billige Gags gut sind. Das fällt umso mehr beim direkten Vergleich mit der Figur Broer auf, die im Verlauf des Films eine überraschende zweite Identität jenseits der bieder-strengen Kostümträgerin offenbart und von der talentierten Neeltje de Vree hinreißend gespielt wird. Eine erstaunliche Leinwandpräsenz zeigt auch der kleine Joep Trujen, der der Titelfigur sogar schicksalsschwere Tiefe verleiht.

"Lepel" wurde auf dem diesjährigen Filmfestival in Kristiansand als Bester Film im Hauptprogramm ausgezeichnet und gewann beim Festival "Goldener Spatz" den Preis des MDR-Rundfunkrates für das beste Drehbuch.

Reinhard Kleber

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.LEPEL im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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