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Ausgabe 103-3/2005

STATION 4

PLANTA 4

STATION 4

Produktion: BocaBoca Producciones; Spanien 2002 – Regie: Antonio Mercero – Drehbuch: Alberto Espinosa, Antonio Mercero, Ignacio de Moral, nach dem Theaterstück "Los Pelones" (Die Glatzköpfe) von Alberto Espinosa – Kamera: Raúl Pérez Cubero – Schnitt: José Maria Biurrum – Musik: Manuel Villalta – Darsteller: Juan José Ballesta (Miguel Angel), Luis Angel Priego (Izan), Gorka Moreno (Dani), Alejandro Zafra (Jorge) – Länge: 100 Min. – Farbe – Weltvertrieb: BocaBoca Producciones, Claudio Coello 17 bis, 28001 Madrid, Spanien, Tel: 0034 91 566 1500, Fax: 0034 91 566 1515, e-mail: sales@bocaboca.com, Internet: www.bocaboca.com/planta4 – Altersempfehlung: ab 12 J.

Jurytätigkeit bei Festivals ist nicht immer das reine Vergnügen. Schließlich muss man sich alles komplett ansehen und kann noch nicht mal rausgehen, auch wenn man schnell weiß, dass das nix mehr werden kann. Manchmal jedoch kommen Filme, bei denen man bald das Gefühl hat, sie nie wieder sehen zu können. "Station 4" ist ein solcher Film. Der klassische Fall eines großartigen Films, bei dem man aber ziemlich genau weiß, dass man den nie im normalen Kinobetrieb sehen wird. Weil der Film enorm schwer zu vermarkten ist – wie soll man die Leute in einen Film bekommen, in dem es um Krebs, amputierte Beine und ähnliche Themen geht und der dazu fast ausschließlich in einem Krankenhaus spielt. Das Verrückte ist: Alle die ihn gesehen haben, sind einfach begeistert.

Ort der Handlung ist die titelnde Station in einem großen Kinderkrankenhaus. Hier liegen die "Glatzköpfe", eine Gruppe 15-jähriger Jungs, die alle an einem seltenen Krebs leiden, zu dessen Bekämpfung sie mit Chemo- und Strahlentherapie behandelt werden, was sie kahl gemacht hat und ihnen ihren Spitznamen verschaffte. Manchen von ihnen musste zur Bekämpfung der Krankheit auch schon ein Bein amputiert werden. Eines Tages wird auch Jorge hier eingeliefert. So hat er sich den Sommer nun bestimmt nicht vorgestellt, aber die Jungs nehmen ihn freundlich auf und verraten ihm auch bald schon ihre Tricks, mit dieser harten Situation zurechtzukommen. Denn sie haben so ihre eigenen Methoden, gegen die Tristesse ihres Krankenhausalltags anzugehen. Dazu gehören neben Rollstuhl-Wettrennen durch die langen Korridore auch kollektive Masturbation zu den Klängen des Radetzkymarsches, aber auch Sonnenbaden (inklusive ausgiebiger Betrachtung einer jungen hübschen Frau von gegenüber, die wir jedoch nie zu sehen bekommen) oder Basketballspielen auf der Dachterrasse. Ihr fast anarchistisches Auftreten verschafft den "Glatzköpfen" nicht nur Freunde in der Belegschaft. So mancher Arzt sieht die Disziplin und den ordnungsgemäßen Ablauf des Krankenhausalltags in Gefahr, derweil andere – und vor allem die Schwestern – darauf insistieren, dass es die Jungs schon schwer genug hätten.

Obwohl der spanische Regieveteran Antonio Mercero seit 1963 unzählige Film- und TV-Filme gedreht hat, war in Deutschland noch nie etwas von ihm zu sehen. Mit "Station 4" gelingt ihm das Kunststück, Themen wie Krebs und Tod filmisch zu gestalten ohne dabei in Tristesse zu verfallen. Im Gegenteil: "Station 4" sprüht vor Humor und Lebenslust. Dabei vergisst er nie, sein jugendliches Publikum mitzunehmen, indem er auch all die Dinge zeigt, die gesunde Jungs in dem Alter bewegen: Erste Liebe, Konflikte in der Gruppe, die Bewunderung für eine Band; hier die fiktive Popgruppe "Estopa", die den Jungs zum Abschluss sogar ein bewegendes Konzert gibt. Seine Figuren sind reale lebendige Menschen mit all ihren Fehlern und Schwächen: Selbst der eher unsympathisch wirkende Dr. Gallego hat gute Argumente auf seiner Seite, wenn er sich für Disziplin und Ordnung einsetzt. Und immer, wenn man fast schon vergessen hat, dass diese Jungs durchaus an der Schwelle zum Tod stehen, ruft uns Mercero den Ernst der Lage wieder ins Gedächtnis. Bewundernswert auch, wie er Nebenfiguren mit manchmal nur einem Satz intensiv zeichnet, so dass man ihr ganzes Leben vor sich hat.

Unterstützt von einem in jeder Sekunde überzeugenden Ensemble gelang Antonio Mercero der seltene Fall einer Komödie über ein todernstes Thema, die genau die richtige Balance hält zwischen Mitleid mit den Kranken und Bewunderung für deren Kraft. Ein souverän inszenierter Film – mit einer stimmigen, klassisch instrumentalen Musik – der das Leben gerade im Angesicht des drohenden Todes bejaht und aus seinen Kranken keine Opfer, sondern selbstbewusste junge Menschen macht, die sich dennoch mit all den Problemen der Pubertät herumschlagen müssen – eine Herangehensweise an Themen, die man nicht nur hierzulande schmerzlich vermisst.

Womit wir wieder am Anfang wären: Wer soll diesen Film hierzulande ins Kino bringen? Da dürften ihm auch die diversen Auszeichnungen auf internationalen Kinder- und Erwachsenenfilmfestivals (u. a. CineKid Amsterdam und Filmfestival Montreal) wenig nützen. Aber verdient hätte er seine Chance schon: Man müsste ihm einfach die Zeit geben, sich rumzusprechen. Aber welcher Verleih hat im schnelllebigen Kinogeschäft von heute dazu schon Mut und Geld?

Lutz Gräfe

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.STATION 4 im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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KJK-Ausgabe 103/2005

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