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Ausgabe 103-3/2005

"Unser Film soll Hoffnung vermitteln"

Gespräch mit Andrei Kravchuk, Regisseur des Films "Der Italiener"

(Interview zum Film DER ITALIENER)

Die Mitglieder der Kinder-Jury, Kinderfilmfest/Berlinale 2005, vergaben eine "Lobende Erwähnung" an den "Italiener", in ihrer Begründung heißt es: "Der Film zeigte uns, wie wichtig es ist, jemanden zu haben, der einem Liebe und Geborgenheit schenkt. Auf der Reise des jungen Vanja begegneten wir vielen Problemen, die uns alle betreffen, traurig machen, vor allem aber zum Nachdenken anregen. Der kleine Kolya spielte besonders überzeugend, so dass wir mit seinem Schicksal mitfiebern konnten."

Die Mitglieder der Internationalen Jury des Kinderfilmfestes Berlin zeichneten den Film mit dem "Großen Preis des Deutschen Kinderhilfswerkes" aus.

Andrei Kravchuk wurde am 13. April 1962 in Leningrad geboren, er studierte Mathematik und Maschinenbau. 1997 schloss er in St. Petersburg sein Filmstudium ab. Bisher hat er Kurzfilme und Dokumentationen gedreht sowie auch als TV-Regisseur gearbeitet.

KJK: Sie kommen vom Dokumentarfilm, dies ist Ihr erster Spielfilm.
Andrei Kravchuk: "Ja, es ist mein erster Spielfilm, der auf Filmmaterial aufgenommen wurde. Ich habe davor aber schon einige TV-Serien und Fernsehfilme inszeniert. Dokumentarisch habe ich nur zwei Filme über andere Regisseure gemacht."

Erzählen Sie in Ihrem Film etwas, was Sie dokumentarisch nicht hätten darstellen können?
"Es ist ein Spielfilm, aber ich habe versucht, dabei auch ein wenig dokumentarisch zu arbeiten. Was ich aber im Dokumentarfilm nicht hätte machen können, ist das Erzeugen von Stimmungen und die sind in diesem Film von großer Bedeutung."

Wie sind Sie zu diesem Filmprojekt gekommen?
"Ungefähr vor vier Jahren, als die Situation in meinem Land nicht besonders gut war, habe ich ganz viele Straßenkinder gesehen. Damals hatte ich mich gefragt, ob es nicht möglich wäre, einen Film über Straßenkinder zu drehen. Das sollte ein Film über ihr Leben und ihr tägliches Überleben auf den Straßen werden. Ich habe meinem Freund und Drehbuchautor Andrei Romanov von dieser Absicht erzählt und ihm vorgeschlagen, sich doch eine Geschichte ganz im Stil von Charles Dickens auszudenken, über einen Jungen, der auf der Straße leben muss. Uns hat dann aber schon bald die Frage beschäftigt, wo kommen diese Straßenkinder eigentlich her. Natürlich waren das Kinder aus zerrütteten Familien, aber etliche kamen auch aus den Waisenhäusern. Andrei Romanov hatte in der Zeitung eine kleine Geschichte von einem sechsjährigen Jungen gefunden, der extra lesen gelernt hatte, damit er Akten entziffern kann, um die Adresse seiner Mutter herauszufinden. So sind wir zu unserer Geschichte über einen Jungen im Kinderheim gekommen."

In Ihrem Film gibt es Szenen, die dokumentarisch wirken und andere, die eher poetisch sind. Wie wichtig ist Ihnen die Authentizität?
"Beides war für mich wichtig. Die Episoden, die Sie als poetisch einschätzen, habe ich so gebaut, weil sie wie Beobachtungen wirken sollen. Außerdem sollen sie wie eine kleine Unterbrechung funktionieren, damit der Zuschauer darüber nachdenken kann, was er gesehen hat. Was die Darstellung des Kinderheims angeht, ist das für ein Waisenhaus auf dem Lande absolut realistisch.

Mir hat besonders gefallen, dass Ihr Film zwei Ebenen hat: Die eine erzählt eine für Kinder verständliche Geschichte von Vanyas Suche nach der Mutter. Die andere erschließt sich nur älteren Zuschauern: Der Mikrokosmos des Waisenhauses ist ein Spiegel der russischen Gesellschaft.
"Es war von Anfang an unsere Absicht, mit der Geschichte über ein kleines Kind vom Leben in Russland zu erzählen, aber nicht in den Städten oder in der Hauptstadt, sondern auf dem Lande. Denn die meisten Einwohner in den Provinzen leben so wie die Menschen in diesem Waisenhaus, sie sind verlassen und vergessen."

Wie haben Sie die Form Ihrer Filmerzählung entwickelt?
"Ich habe mich mit dem Kameramann zusammengesetzt und wir haben in der Vorbereitung des Films lange darüber gesprochen, welche Wirkung die Bilder erzeugen sollen. Wir wollten, dass alles aus der Ferne aufgenommen wird. Ein kleiner Junge in einem großen Raum oder auf einem langen Korridor wirkt dadurch noch kleiner und auch verlorener. Bei allem sollte es eine bewegliche Kamera sein, nichts sollte statisch wirken. Und der Zuschauer sollte immer den Eindruck haben, dass die Bilder subjektiv und nicht objektiv sind. Dieser Blickpunkt führt dazu, dass wir als Betrachter in dieser Geschichte drin sind und nicht außen vor bleiben. Wichtig waren natürlich auch die Drehorte, außerdem wollten wir durch den Wechsel der Jahreszeiten im Bild verdeutlichen, wie viel Zeit vergangen ist."

Vielleicht ist das ein westeuropäischer oder deutscher Blick auf einige Aussagen in Ihrem Film, aber es berührt schon, Sätze zu hören, in denen davon die Rede ist, dass Kinder für ein paar Dollar verkauft werden.
"Rund neunzig Prozent der Kinder, die aus dem Waisenhaus heraus adoptiert werden, landen im Ausland. Und dahinter steckt ein großes Geschäft: Die eine Agentur sitzt im Ausland und die andere in Russland und die vermitteln die Waisenkinder. Und diese Vermittlung ist nicht billig, die potenziellen Eltern im Ausland zahlen an die Agentur und die gibt dann einen Teil des Geldes weiter an die Agentur in Russland. Dort werden alle Papiere gesammelt, denn eine Adoption ist nur über das Gericht möglich. Während es im Ausland eine große Nachfrage nach Kindern zur Adoption gibt, ist das Interesse der Russen an Adoptionen eher gering. Das ist für mich nicht so sehr ein soziales Problem, sondern vor allem ein moralisches."

In Ihrem Film sagt ein Mann den Satz: "Dieses Land geht kaputt." Sind Sie auch der Meinung, dass Ihr Land kaputt geht?
"Nein, auf gar keinen Fall bin ich dieser Meinung. In diesem Satz steckt vielmehr ein Appell dagegen. Und unser Film soll auch Hoffnung vermitteln, denn wir haben ein positives Ende. Und genau das ist unsere Position."

Beeindruckt haben mich die Bilder aus dem Heizungskeller, der eine Art "Unterwelt" darstellt, wobei sich Ober- und Unterwelt gar nicht so sehr unterscheiden: In beiden haben die Stärkeren die Macht, in beiden geht es um Korruption. Sehen Sie Chancen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen?
"Die Chance ist da, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Ich persönlich hoffe, dass es möglich sein wird, ohne Bestechungen auszukommen."

Es gibt eigentlich nur eine negative Figur in Ihrem Film: Das ist die Madame, die die Kinder verkauft.
"Sie macht eben ihre Arbeit. Ich habe bei den Vorbereitungen zum Film eine Frau getroffen, die für eine solche Agentur für Auslandsadoptionen arbeitet. Und die Schauspielerin, die ich für die Rolle der Madame ausgesucht habe, hat äußerlich eine große Ähnlichkeit mit dieser Frau. Beide Frauen sind der Meinung, dass sie eine gute Sache machen und der kleine Vanya sein Glück nicht versteht. Sie schafft die Kinder vom Erdgeschoss in die Beletage, denn dort wird es für die Kinder besser sein. Die Arbeit dieser Madame ist nicht zu unterschätzen, schließlich muss sie Papiere von allen Verwandten sammeln, die für eine Adoption in Frage kommen könnten. Und manchmal sind die Leute nur schwer zu finden, viele von ihnen sind Alkoholiker und wollen mit all diesen Angelegenheiten nichts zu tun haben. Und weil diese Arbeit nicht leicht ist, kann sie auch keinen besseren Charakter haben."

Den Helden Ihres Films kann man nicht so leicht vergessen, er spielt seine Rolle ganz hervorragend. Wie haben Sie Kolya Spiridonov entdeckt?
"Die Produzenten, die das Buch gelesen hatten, waren der Meinung, dass mindestens fünfzig Prozent der Erfolgsaussichten des Films von der Besetzung des Jungen abhängen würden. Natürlich wollte ich am Anfang am liebsten einen Jungen nehmen, der selbst in einem Waisenhaus lebt. Denn ich hatte gehofft, dass Kinder mit diesen Erfahrungen es auch überzeugender darstellen können. Aber unser Szenenbildner Alexander Svetozarov hatte in einem Film einen Jungen gesehen, der für die Rolle des Vanya prädestiniert wäre. Es war Kolya Spiridonov, der bei seiner Mutter lebt und nicht aus dem Waisenhaus stammt. Wir waren nicht gleich davon überzeugt, dass er es auch schaffen würde, diese Rolle zu spielen. Wir haben bei der Suche nach den anderen Kindern auch immer daran gedacht, vielleicht noch einem anderen Jungen die Hauptrolle zu geben. Wir entschieden uns dann doch für Kolya Spiridonov, aber die Arbeit war sehr nervenaufreibend. Wir mussten die einzelnen Szenen mit ihm mehrfach durchspielen, denn er musste unbedingt seine Angst überwinden. Während der Dreharbeiten mussten wir dann noch vieles im Buch verändern und seinen Möglichkeiten anpassen. Auch viele Textpassagen, die eigentlich im Drehbuch vorgesehen waren, haben wir entweder weggelassen oder verkürzt."

Sie haben zunächst Mathematik und Maschinenbau studiert, das hat mit Film nicht viel zu tun. Wie kam es dazu, dass Sie dann ein Filmstudium gemacht haben?
"Auf diese Frage habe ich eine schöne Antwort parat: Der amerikanische Schriftsteller Eugene O'Neill hat gesagt, es liegt nicht an den Dingen, die wir uns aussuchen, sondern die Wahrheit findet sich auf dem Weg, den wir auswählen. Wie etwas passiert, kann kein Mensch verstehen."

Mit Andrei Kravchuk sprach Manfred Hobsch

 

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KJK-Ausgabe 103/2005

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