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Ausgabe 103-3/2005

"Wenn Du jemanden brauchst, der dir einen Kuss gibt"

Gespräch mit Torun Lian, Regisseurin des norwegisch-schwedischen Spielfilms "Die Farbe der Milch"

(Interview zum Film DIE FARBE DER MILCH)

KJK: Nach Ihrem mehrfach ausgezeichneten Film "Nur Wolken bewegen die Sterne" von 1997 haben Sie jetzt mit der "Farbe der Milch" zum zweiten Mal einen eigenen Kinderroman auf die Leinwand gebracht – wie ist die Schriftstellerin zum Film gekommen?
Torun Lian: "Das war genau umgekehrt: Ich habe erst fürs Theater, fürs Fernsehen und den Film geschrieben. 'Nur Wolken bewegen die Sterne' war mein erster Roman und auch meine erste Arbeit als Regisseurin. Eigentlich hatte ich mir ja ein Leben als Bäuerin vorgestellt und Landwirtschaft studiert, ich war immer schon sehr naturverbunden, aber dann brauchte ich Geld und habe Theater-Kostüme genäht. Am Theater in Oslo, wo ich mit einem Bruder und einer Schwester aufgewachsen bin, habe ich schließlich auch andere Jobs übernommen, am Ende gar Stücke geschrieben und seit Anfang der 90er-Jahre auch Drehbücher."

Kinderfilme sind bei uns in der Regel Einstiegsfilme für den Erwachsenen-Markt ...
"Das gilt auch für Skandinavien – wer Filme für Kinder macht, ist nicht gerade besonders angesehen. Ich finde das traurig, weil Kinder bei uns, eigentlich in allen Ländern mit christlich geprägter Kultur, die erste Stelle einnehmen müssten. Aber es ist nicht so, vielleicht ändert sich das noch mal. Allerdings sind mir persönlich diese Status-Fragen völlig egal. Ich möchte Leuten etwas erzählen, die ich mag."

Ganz offensichtlich mögen Sie auch Ihre beiden Hauptdarsteller. Wie haben Sie die damals zwölfjährige Julia Krohn und den etwas jüngeren Bernhard Naglestad gefunden?
"Wir, meine Assistentin und ich, haben uns ein halbes Jahr in verschiedenen Schulklassen in Oslo umgesehen, ohne zu verraten, warum. In Absprache mit den Lehrern haben wir in einer normalen Schulstunde über unsere Arbeit und meine Geschichte gesprochen und dabei nach Kindern Ausschau gehalten, die wir mochten. Es ist ja immer auch eine Sache der Sympathie. Und mit denen, die uns gefallen haben, wurden dann Probeaufnahmen gemacht."

Julia und Bernhard sind also Laien. Wie haben Sie es geschafft, dass die beiden so viele unterschiedliche Gefühle in ihrem Gesicht spiegeln können?
"Ich führe es auch darauf zurück, dass sie nie ein Manuskript in der Hand hatten. Sie haben den Text über das Gehör gelernt und weil sie nichts mit den Augen erinnern, sondern nur mit den Ohren, haben sie so viel Ausdruck. Wenn man wiedergibt, was man auf einem Stück Papier gelesen hat, werden die Augen tot. Wenn man sich aber erinnert, was man gehört hat, bleiben die Augen lebendig und die Gesichter natürlich. Ja, und wenn es mal schwierig war, z. B. als Selma auf Andy liegt und er sich halbtot lachen muss, obwohl Bernhard das gar nicht komisch fand, habe ich ebenfalls unten gelegen und ihn an den Füßen gekitzelt – was auch noch gefährlich war, weil drum herum viele Kühe standen."

Im Original heißt Ihr Film "Ikke naken", so weit ich weiß, heißt das "Nicht nackt".
"Genau. Mein Buch heißt 'Nicht nackt, nicht angezogen' und ich beziehe mich damit auf 'Die kluge Bauerntochter', ein Märchen der Brüder Grimm. Diese soll, um ihren Vater aus dem Gefängnis zu retten, 'nicht gekleidet, nicht nackend, nicht geritten, nicht gefahren, nicht in dem Weg, nicht außer dem Weg' zum König kommen, muss also eine Lösung für etwas finden, was schier unmöglich scheint. So wie Selma, die verliebt ist, es aber nicht sein will, aus dieser unmöglichen Situation einen Weg finden muss. Weil aber der Buchtitel für den Film nicht so gut ging, hat mir der Übersetzer 'Die Farbe der Milch' vorgeschlagen. Und das passt ja auch gut."

Wegen der Ambivalenz ...
"Ja. Weil das Licht nicht reflektiert wird, ist die Farbe der Milch innen drin schwarz – und zum Menschen gehört beides, die schwarze und die weiße Seite."

Warum heißt das Grundstück, das Selmas Mutter gehörte, eigentlich "Mond"?
"Das ist eine Reminiszenz an das Buch. Da heißt der Platz auf dem runden Hügel 'Mond', weil dort der Löwenzahn blüht und in einer bestimmten Woche während des Sommers alles gelb ist, ganz gelb. Von der Ferne sieht der einsame Platz dann aus wie der Mond, was wir für den Film leider nicht herstellen konnten. Der Mond steht ja auch für die weibliche Kraft – für Selma ist es der Ort, wo die Mutter gelebt hat und als solcher hat er auch eine magische, eine symbolische Bedeutung."

Für Selma ist die Liebe eine "Naturkatastrophe" – grausamer und beglückender vielleicht als es Geburt oder Tod sein können. Erinnern Sie die Vorstellungen und tiefen Empfindungen Ihrer Protagonistin noch aus der eigenen Pubertät? Waren das Ihre Gefühle?
"Nein, aber ich weiß eine Menge darüber und ich habe erkannt, dass es all diese Gefühle auch beim Erwachsenen gibt. Es ist nicht so, dass sie so weit zurück liegen und wir ihnen deshalb entfremdet sind. Ich glaube vielmehr, dass wir dieselben Gefühle ein ganzes Leben lang haben."

Haben Sie selbst Kinder oder viel mit Kindern zu tun?
"Ich habe einen Sohn, der ist tot. Er starb mit 19 bei einem Verkehrsunfall, das war vor zehn Jahren. Er war sehr klug und es war leicht und sehr interessant, mit ihm zu reden. Ja, wir hatten eine ganze Reihe guter Gespräche und wir hatten viel Spaß zusammen. Überhaupt verbindet mich mit Kindern und jungen Leuten ein sehr warmes Gefühl, ja, ich neige dazu, mich irgendwie in sie zu verlieben. Ich habe nicht nur großen Respekt vor ihnen, sondern empfinde ihnen gegenüber auch so was wie Mitleid, weil ich weiß, dass in ihrem Leben so viel auf sie zukommt, von dem sie noch nichts wissen. Und ich habe das Gefühl, dass es wichtig ist, ihnen etwas auf diesen Weg mitzugeben. Schließlich sind sie es, die diese Welt prägen werden."

Was genau wollen Sie den Kindern mitgeben?
"Liebe, ein paar weise Worte, etwas Wahrhaftiges und Gutes eben. Sie sollen wissen, dass sie gesehen und ernst genommen werden. Sie sollen spüren, da ist jemand, der sie wahrnimmt, sich um sie sorgt, ihnen vertraut. Und der ihnen sagt, dass sie sich selbst vertrauen können."

Ihre beiden Hauptdarsteller haben erzählt, dass "Shrek" und "Der Herr der Ringe" zu ihren Lieblingsfilmen gehören, Mainstream-Filme also. Haben es da so poetische Filme wie Ihre nicht schwer, ihr Publikum zu finden?
"Ich glaube, es ist wichtig, dass sie Filme sehen, in denen sie etwas bekommen, was sie in ihrem Inneren, in ihren Seelen aufbewahren können – einen Schatz, den sie für ihr Leben behalten. Und zwischendurch müssen sie 'Shrek' und den 'Herrn der Ringe' sehen, weil das Spaß macht und entspannt, jeder braucht das. Aber meine Filme bedienen nicht diese Unterhaltungsschiene, sie sind mehr für die Situationen gedacht, in denen du traurig und allein bist und jemanden brauchst, der dir einen Kuss gibt."

Glauben Sie, dass die Kinder, die das brauchen, diese Filme auch sehen können?
"Manche ja, manche nein, aber so ist es mit allem."

Immerhin kommt Ihr Film ja auch in die Kinos.
"Das wiederum ist sehr gut bei uns. Für uns ist es ein Muss, diese ernsten Geschichten für Kinder als Gegengewicht zu den normalen Unterhaltungsfilmen zu machen – ohne dass sich die Kosten wieder einspielen müssen. Was bei nur vier Millionen Einwohnern und in diesem Fall etwas über zwei Millionen Euro Produktionskosten auch gar nicht zu leisten wäre. Zum Glück haben wir in Norwegen das Geld und leisten uns eine staatliche Unterstützung für gute Kinderfilme."

Interview mit Torun Lian: Uta Beth

 

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