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Ausgabe 103-3/2005

"Ich war eigentlich immer Pionier"

Gespräch mit Friedemann Schuchardt anlässlich seines Abschieds als Geschäftsführer von Matthias Film gGmbH

Interview

Friedemann Schuchardt wurde 1946 in Frankfurt am Main geboren. Studium der Pädagogik. 1971 erster hauptamtlicher Medienpädagoge der Bundesrepublik in Mainz beim Landesfilmdienst Rheinland-Pfalz. 1974 Leiter der evangelischen Medienzentrale Württemberg. 1982 Aufbau des Evangelischen Zentrums für entwicklungsbezogene Filmarbeit (EZEF), Tätigkeit dort bis 1987. Parallel dazu ab 1983 Geschäftsführer von Matthias Film – eine Gründung der evangelischen Landeskirchen aus dem Jahre 1950. Nach 22 Jahren Geschäftsführung bei Matthias Film GmbH Beendigung der Tätigkeit.

Film ist Ihr Leben – seit wann?
"Beim Auf- und Umräumen fand ich Material darüber. Bereits mit 14 hatte ich meinen ersten Filmclub gegründet. Mit 16 fasste ich kirchliche und kommunale Jugendgruppen zu einem Abspielring zusammen. Wir zeigten Filme wie 'M – Eine Stadt sucht einen Mörder', 'Wilde Erdbeeren'. Daraus wurde ein Modell für Hessen. Dann begann ich Wochenendseminare zu halten, ich hatte eine gute Art, junge Menschen zu beschäftigen. Ab 1971 engagierte ich mich in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Jugendfilmclubs. Damals wurde viel gegründet. In der katholischen Fachhochschule Mainz wurde das Studienfach Medienpädagogik u. a. durch mich etabliert. Wir hatten das Gefühl, die Welt steht uns offen, eine tolle Zeit. Ich war eigentlich immer Pionier."

Liegt Film in der Familie?
"Wahrscheinlich ist es genetisch bedingt. Mein Vater war in seinen frühen Jugendjahren ein heftiger Kinogänger und nahm mich häufig mit, 'Trapez', 'Rosen-Resli', schreckliche Filme. Als ich schon lesen und schreiben konnte, durfte ich einseitig beschriebene Blätter benutzen, die schnitt ich in Streifen, darauf malte ich zum Beispiel den ganzen Frankfurter Fastnachtszug, dann heftete ich die Streifen mit Büroklammern zusammen, rollte sie auf und ließ sie über die Nachttischlampe laufen. Dafür verlangte ich Eintritt. Die Familie erzählt das immer gerne. Als ich neun oder zehn Jahre alt war, ging ich allein ins Jugendkino im Frankfurter Zoo, das gab es zusätzlich zum Eintritt in den Zoo. Einer meiner stärksten Filme war 'Der Mantel' von Gogol, der ist wahrscheinlich nur zufällig dort gelaufen, aber er hat mich tief beeindruckt."

Friedemann Schuchardt, dieser Name steht für Präsenz in der Filmarbeit, für Engagement auf mehreren Ebenen.
"Das Problem war, dass mir Ämterhäufung vorgeworfen wurde, mit Recht. 1984 zum Beispiel war ich Geschäftsführer bei Matthias Film, Leiter des Evangelischen Zentrums für entwicklungsbezogene Filmarbeit (EZEF), Vorsitzender vom Bundesverband Jugend und Film e.V. (im Vorstand des BJF von 1974 bis 1992, davon acht Jahre Vorsitzender), verschiedene Ehrenämter – immer in der gleichen Branche. Dann gab es ein berüchtigtes Interview in epd Film mit mir, da machte ich den großen Fehler, eine ironische Formulierung zum Schluss nicht als Ironie kenntlich gemacht zu haben. Der Interviewer sagte: 'Dann bist du also der Leo Kirch der evangelischen Kirche'. Eine Formulierung, über die wir beide sehr gelacht haben, und ich sagte 'Ja'! Dieses Ja hat mir sehr geschadet."

Wie haben Sie damals reagiert?
"Ich habe nicht nur Überlastung gespürt – ich habe gern abgegeben."

Nun ist mit Ihrem Weggang eine Ära bei Matthias zu Ende gegangen. Was war der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?
"Als ich 1983 bei Matthias Film begann, führte ich etwas ein, das in der Frühzeit der Firma existiert hatte, nämlich wieder ins Kinogeschäft zu gehen, sprich Filmverleih. Ich bin eingestiegen mit dem Glauben, dass wichtige Filme einfach ins Kino gehören und nicht nur im Fernsehen vorkommen sollen. Das war die Zeit der Schachtelkinos. Wir starteten 1984 mit Peter Lilienthals Film 'Das Autogramm'. Das wurde ein finanzielles Desaster. 'Bluternte', ein Dokumentarfilm, folgte. Es wurde viel diskutiert. Dann hatten wir einige Dritte-Welt-Filme im Programm, zum Beispiel 'Gregorio'. Im Laufe dieser ersten eineinhalb Jahre war einer der erfolgsreichsten Dokumentarfilme 'Martin Niemöller: Was würde Jesus dazu sagen?'. Der Film hatte 30.000 Zuschauer im Kino, das war sehr viel. Aber geschäftlich war das kein Erfolg, so dass wir das Kinogeschäft wieder eingestellt haben. 1984/85 war für die Verleiher sowieso eine schlechte Zeit, ein Film nach dem anderen floppte."

Begann damals Ihr Engagement für den 16mm-Film?
"Wir sind ins Geschäft mit Unterrichtsfilmen eingestiegen und haben die kommunalen und kirchlichen Medienzentren mit 16mm-Filmen versorgt, und unsere Kinofilme wurden auch dafür übernommen. Wir stellten den Kinderfilm klar in den Vordergrund. Wir haben Langfilme verliehen und kurze Filme verkauft. Einer der Auftaktfilme im Vertrieb war 'Komm wir finden einen Schatz' von Janosch. Der war einer der erfolgreichsten, die wir verkauft haben. Wir konnten aber auch einen Langfilm wie 'Gregorio' verkaufen. Der erfolgreichste Film, den wir in dieser Zeit im Verleih und im Verkauf hatten, war 'Ronja Räubertochter', von dem wir weit über 300 Kopien verkauften, für heute zu unvorstellbar hohen Preisen. Ein 16mm-Film kostete damals etwa 3.000 Mark. Man muss das auch noch mal zur Erinnerung sagen."

Für dieses Format galten Sie ja jahrelang als ein unermüdlicher Streiter ...
"Mitte der 80er-Jahre begann auch im non-profit-Bereich eine Art Krisenstimmung, was den 16mm-Film betraf. Videokassetten waren voll auf dem Markt und es begann in dieser Zeit ein Krieg zwischen denen, die das Fähnlein der 16mm-Films hoch hielten und denen, die sagten, Video reicht."

Eigentlich ging es ja um die Frage: Großes Bild oder Mattscheibe.
"Dazu habe ich eine interessante Aussage gehört. Eine junge Lehrerin in Bayern hat einen Gerätepark in ihrer neunten Klasse Hauptschule. VHS-Player und Fernsehapparat, doch die Kinder sind tendenziell unruhig. Da hat sie sich einen Beamer beschafft und die Kinder waren mucksmäuschenstill und voll bei der Sache. Wenn man so will, haben wir einen Irrweg eingeschlagen – es geht nicht um Video bzw. DVD mit Bildschirm oder 16mm-Kopie mit Leinwand, sondern allein um die Größe des Bildes. Heute gibt es Beamer-Räume wie es früher den Filmraum gab."

Wie sahen die Konsequenzen für die Firma aus?
"1990 spürte ich als Geschäftsführer von Matthias Film, dass wir mit 16mm so nicht mehr weiter auf dem Markt operieren können. Es wurde eine Neustrukturierung durchgesetzt, die sah so aus: 1. Überhaupt kein eigener Verleih mehr, 2. Öffnung zu Video, 3. Verkauf des 16mm-Kopien-Restbestandes; das ging über Jahre. Die letzte 16mm-Herausgabe war der dänische Kinderfilm 'Schickt mehr Süßes' im Jahre 2004. Der Film liegt in allen drei Formaten vor.
Nach 1992 erfolgte im Prinzip die Auswertung auf Video. Jetzt hatten wir auch eine größere Bandbreite: Kinderfilme, Unterrichtsfilme für die Fächer Deutsch, Religion, Ethik, Biologie, Geschichte, Sozialkunde (Rechtsextremismus, Gewalt, Drogen). Entweder wurde koproduziert oder es wurden Aufträge erteilt.
1999 dann der Sprung in den Multimedia-Bereich. Eine Grundsatzfrage, die ich monatelang mit mir herumtrug, war: Was machen wir, wenn DVD wirklich kommt. Man wusste es noch nicht. Dann entschied ich, Matthias Film macht Multimedia als zunehmenden Hauptschwerpunkt mit entsprechenden Vorgaben. Daraus entstand die Reihe 'DVD educativ'. Hier hat jetzt jeder Anbieter die Möglichkeit zu zeigen, was er kann und eine eigene Handschrift durch die Zusatzmedien entwickeln.  Das ist im Prinzip etwas, was das Ende meiner Tätigkeit als Geschäftsführer geprägt hat, diese Formatierung für den Unterricht."

Also wird die DVD wie ein Schulbuch genutzt?
"Ja, das ist die Sache, die ich ins Rollen gebracht habe."

Wie sieht es mit den Lizenzen für die DVDs aus?
"Wir haben getrennt, was urheberrechtlich stimmig ist, das immaterielle Recht, d.h. das Copyright, und das Trägermedium. Im Prinzip wäre das bereits in der Vergangenheit korrekt gewesen. Weitergabe von Multimedia-Formatierungen werden künftig auf mehreren Wegen geschehen können: Als DVD, als Stick oder mobile Festplatte bzw. über Datennetze. Das Problem aber ist derzeit noch die Datenmenge. Man braucht für eine DVD educativ etwa vier bis 4,5 Gigabite."

Wie wirkt sich die ganze Öffnung und Popularisierung aus, wie können überhaupt noch Filme finanziert werden? Was kostet eine Lizenz?
"Je nach Größe des Landeskreises, je nach vorhandenen Schulen, Bildungseinrichtungen, kostet eine Lizenz zwischen 500 und 700 Euro für sieben Jahre für den Landkreis. Es gibt Landkreise mit 90.000 Einwohnern oder welche mit 400.000. Wenn Leute jammern über den Preis, erinnere ich sie an die Vergangenheit, wo ein normaler Unterrichtsfilm von zehn Minuten etwa 800 Mark kostete. Wenn ich von 250 Landkreisen ausgehe, kommt ein Betrag herein, mit dem man leben kann, selbst wenn nur ein Teil die Produktion kauft."

Es wird ja heute so viel von Medienkompetenz junger Menschen gesprochen. Was verstehen Sie darunter?
"Darauf kann ich keine direkte Antwort geben. Es ist ein Jonglieren: Erst hieß es Medienpädagogik, dann Kommunikationspädagogik, jetzt haben wir die Medienkompetenz. Vor lauter Aufregung haben alle keine Zeit mehr, sind völlig außer Atem. Ich mache es mir einfach: Die beste Medienpädagogik / Medienpädagogen sind gute Filme. Gescheite Filme zur Verfügung zu stellen, ist die beste Filmerziehung für Kinder."

Und was macht Friedemann Schuchardt nach der Ära bei Matthias – gibt es ein weiteres Wirken für den Kinderfilm?
"Ja, ich versuche jetzt zusammen mit dem Bundesverband Jugend und Film eine Plattform Kinderfilm zu bilden für alle, die sich für den qualitativen Kinderfilm interessieren und engagieren wollen. Meine Vision – mehr ist es ja im Augenblick noch nicht – ist es, alles was irgendwie mit Medien für Kinder zu tun hat, zusammenzuführen. Ich fühle mich bestätigt, wenn ich sehe, wie jetzt alle großen Zeitungsverlage DVD-Editionen herausgeben. Also warum nicht auch DVD-Editionen mit arthouse-Filmen für Kinder? Wofür ich mich – als Fortsetzung jahrzehntelanger Tätigkeit – weiter einsetzen möchte ist der Zugang von Kindern zu kulturellen Werten: Medien sind für mich seit jeher ein Teil von Kultur, auch von Kinderkultur."

Das Gespräch führten Gudrun Lukasz-Aden und Christel Strobel

 

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