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Ausgabe 103-3/2005

"Mit offenem Blick den Märchen neu annähern"

Gespräch mit Dagmar Ungureit, Redakteurin im Programmbereich Kinder und Jugend beim ZDF, über das Projekt "Märchenpaket"

Interview

KJK: Märchenfilme für Kinder werden ja in Deutschland eher selten gedreht. Wie kam es zu der Idee, gleich ein ganzes "Märchenpaket" zu produzieren?
Dagmar Ungureit: "Die Idee zu diesem 'Märchenpaket' ist vor sieben oder acht Jahren entstanden. Entwickelt wurde sie von der damaligen Programmbereichsleiterin Kinder und Jugend beim ZDF, Susanne Müller, und Ernst Geyer, der zu der Zeit als Produzent bei Leo Kirch für internationale Koproduktionen verantwortlich war. Beide hatten ein großes Defizit bemerkt. Der KI.KA hatte einen regulären Märchensendeplatz eingerichtet, den es heute noch gibt. Diese Märchenfilme liefen ausgesprochen erfolgreich, wurden rege nachgefragt seitens der Kinder wie auch der Erwachsenen. Dabei konnte der KI.KA auf den alten DEFA-Bestand sowie auf eine mit Kirch und dem ZDF entstandene, groß angelegte Koproduktionsreihe deutsch-tschechischer Märchen zurückgreifen. Nun war es an der Zeit, sich Märchen neu anzunähern. Neu heißt dabei nicht, mit neuen Scheuklappen oder neuen Interpretationsschemata, die wir ihnen aufpfropfen, sondern mit einem offenen Blick. Deshalb arbeiten wir auch mit verschiedenen Autorinnen und Autoren sowie Regisseurinnen und Regisseuren zusammen, um eine möglichst breite Fächerung und einen offenen Zugang zu den Märchen zu gewährleisten. Wir beschränken uns in diesem Projekt auf Märchen von den Brüdern Grimm, schon allein deshalb, weil es lange kaum eine Adaption der bekanntesten Grimm-Märchen für Kinder gegeben hat."

Welche von den vielen Grimmschen Märchen haben Sie letztendlich ausgewählt und nach welchen Kriterien?
"Wir haben Umfragen in den unterschiedlichen Altersgruppen durchgeführt und kamen sehr schnell auf acht bis zehn Märchen. Unser Paket besteht zunächst aus einem halben Dutzend Filme, allerdings mit der Maßgabe, dass es erweitert werden kann. Anfangs gehörten dazu: 'Hänsel und Gretel', 'Rotkäppchen', 'Dornröschen', 'König Drosselbart', 'Der Teufel mit den drei goldenen Haaren' und 'Schneewittchen', das inzwischen durch 'Rumpelstilzchen' ausgetauscht wurde. Die Überlegung war, diese Märchen so zu adaptieren, dass der Kern, der Gehalt und die Figuren des Märchens für jedes Kind erkennbar und nachvollziehbar sind. Wir wollten keine Modernisierung machen, sondern sie vor allen Dingen auch schon für Vier- und Fünfjährige erzählbar und erträglich inszenieren. 'Rotkäppchen' beispielsweise muss am Bildschirm für diese Altersgruppe nachvollziehbar sein und kann nicht erst mit der Altersempfehlung ab zehn gesendet werden.
Außerdem stand sehr früh fest, dass es sich hierbei um herausragende, besondere Produktionen handeln soll, um Event-Produktionen, die wir Weihnachten zu einem guten Familiensendeplatz, am Nachmittag zwischen 14 und 16 Uhr, senden. Im Gegensatz zu anderen Produktionen legen wir großen Wert darauf, dass diese Filme ihre Premiere im ZDF haben und erst dann im KI.KA ausgestrahlt werden."

Kirch ging dann in die Insolvenz, das ZDF aber hat an dem "Märchenpaket" festgehalten?
"Wir waren mittendrin in den Vorbereitungen. Ernst Geyer und ich haben das Projekt damals in die Hand genommen und uns zunächst mit den fünf Autoren und der einen Autorin an den 'Runden Tisch' gesetzt. Wir hatten eine eigenwillige Mischung von Autoren, die nicht unbedingt die reinen Kinderfilmemacher sind, ausgesucht und haben mit ihnen dieses Paket gemeinsam besprochen. Es gab keine Vorgaben, außer denen, dass diese Märchen als Weihnachtsevent-Produktionen mit modernen filmischen Mitteln auch für jüngere Kinder erzählt werden sollen. Interessanterweise hatte jeder der Autoren unter den sechs Märchen ein Lieblingsmärchen, so dass ganz schnell verteilt war, wer welches Märchen schreibt. Wir hatten ein sehr demokratisches Verfahren, wir mailten uns die Entwürfe und sprachen gemeinsam darüber, so dass man sagen kann, dieses Märchenpaket haben wir alle gemeinsam geschnürt.
Durch die Insolvenz von Kirch wurde das Projekt zunächst einmal blockiert. Ernst Geyer suchte sich eine neue Produzentenbleibe, die Firma Moviepool, mit der er dieses Märchenpaket realisieren kann. Leider hatte sich dadurch einiges für die Autoren geändert. Mario Giordano hatte bereits ein wunderschönes Drehbuch zu dem Märchen 'Der Teufel mit den drei goldenen Haaren' geschrieben und durch die unsichere Situation mit unserer Genehmigung zu einem anderen Produzenten getragen, der hoffentlich daraus noch einen Film macht. Wir haben zunächst mit Ulrike Bliefert und Peter Schwindt weitergearbeitet, Ulrike Bliefert schrieb 'König Drosselbart' und Peter Schwindt 'Hänsel und Gretel'. Die Filme waren damals natürlich viel pompöser angelegt als jetzt. Durch Kirch hatten wir internationale Koproduzenten, die fielen nun weg und damit haben wir weniger Geld zur Verfügung. Das ZDF hatte seinerzeit festgelegt, 1,5 Millionen DM, dann 767.000 Euro für jedes Märchen zu geben, und alles, was mehr gebraucht wurde, musste über öffentliche Mittel oder Koproduzenten eingeholt werden. In der neuen Situation beschlossen wir, die Märchen als Fernsehfilme zu produzieren mit einem zunächst gering klingenden Etat von 1,2 Millionen Euro. Diese Summe ergab sich aus den Möglichkeiten einer öffentlichen Förderung plus der 767.000 Euro vom ZDF. Das Drehbuch von 'König Drosselbart' war zu dem Zeitpunkt bereits fertig. Dieses Märchen bietet sich nicht so einfach als TV-Movie an, es verlangt eine Menge Choreographie, Personal und viele Schauplätze. Wir haben gemerkt, dass wir dieses hervorragende Buch nicht auf einen Etat von 1,2 Millionen herunter schreiben können und versuchten, über die Förderung erheblich mehr Geld zu bekommen, was uns bislang nicht gelungen ist. Deshalb mussten wir diesen Film erst einmal zurückstellen. Mit etwas Abstand werden wir einen neuen Finanzierungsversuch starten.
Peter Schwindt schrieb dann 'Hänsel und Gretel', was kammerspielartiger erzählbar ist. Dieser Film liegt inzwischen im Rohschnitt vor, in der Regie von Anne Wild, bekannt durch die Kurzfilme 'Ballett ist ausgefallen' oder 'Nachmittag in Siedlisko' und den Spielfilm 'Mein erstes Wunder'. Das nächste, 'Rotkäppchen', steht unmittelbar vor Drehbeginn. Klaus Gietinger führt dabei die Regie. Er dreht ja sehr unterschiedliche Filme, z. B. verschiedene 'Tatorte' für den Hessischen Rundfunk. 2001 hat er in Thüringen mit geringen Mitteln den unglaublich witzigen, eigenwilligen 'Heinrich, der Säger' inszeniert. Mit 'Rotkäppchen' dreht er seinen ersten Kinder- bzw. Familienfilm. Dieser soll dann 2006 im Weihnachtsprogramm des ZDF laufen. Das Buch stammt von einem Autorenteam aus München, Armin Toerkell und Ralph Martin. Hier gibt es eine kleine Gegenwartsgeschichte von einem Mädchen namens Leonie, das zum Rotkäppchen mutiert und in eine Märchenwelt hineingerät. Dieser Rahmen nimmt aber nur einen relativ schmalen Raum ein.
Die Logistik ist so aufgebaut, dass jedes Jahr ein Märchen gedreht und dann im Dezember ausgestrahlt wird. Das dritte, das für 2007 geplant ist und für das Thomas Teubner bereits schon die erste Buchfassung geschrieben hat, ist 'Rumpelstilzchen'. Für 2008 schreibt Arend Agthe 'Dornröschen'. Das war sein absolutes Lieblingsmärchen als Kind. Regie wird hier Dagmar Knöpfel führen. Und dann gibt es noch eine ganz eigene Geschichte. Statt des Märchens 'Der Teufel mit den drei goldenen Haaren' haben wir ein Kompilationsmärchen gewählt, das vor einigen Jahren in der Sommerakademie entstanden ist: 'Der magische Ring' von Bettina Janischowski, die inzwischen Kinderbücher und -hörspiele veröffentlicht und mehrere Drehbücher geschrieben hat. Aus vielen Grimm-Märchen hat sie ein eigenes entwickelt, das für unsere Reihe 2010 einen guten Abschluss bilden kann."

Wie nah bleiben die Filme an den Märchen dran, wie wird bei der Visualisierung mit grausamen Episoden umgegangen?
"Für uns durfte nichts Wesentliches herausfallen. Sicher gibt es unterschiedliche Varianten bei den Grimms, z. B. was die Frage Mutter oder Stiefmutter betrifft. Trotzdem gibt es bestimmte Topoi, die auch jedes Kind kennt. Natürlich werden bei 'Hänsel und Gretel' die Kinder von ihren Eltern im Wald ausgesetzt, es ist eben nicht so, dass die Kinder sich von selbst in den Wald begeben. Man könnte ja auch sagen, das ist viel zu grausam, das können wir nicht zeigen. Nein, genau dies muss natürlich passieren, aber es muss im Sinne der Mutter plausibel gemacht werden. Wir müssen zeigen, in welcher Situation ist die Mutter, dass sie diesen Schritt vollzieht, ohne sie dadurch zu rehabilitieren oder rein zu waschen. Genau wie die Hexe am Schluss verbrennen muss und auch nicht von selbst in den Ofen fällt. Wir hatten lange Debatten darüber, weil natürlich die Vorstellung, dass Vier- und Fünfjährige zu Weihnachten im Fernsehen miterleben, wie Gretel die Hexe in den Ofen stößt, ziemlich grausam ist. Erzählen wir aber, sie fällt selbst in den Ofen, dann ist Gretel nicht die Aktive. Uns war wichtig, dass Gretel aktiv das Böse besiegt, denn dies ist für ihren eigenen Reifungsprozess sehr wichtig.
Eine andere Frage ist die filmische Darstellung. Dafür hat Anne Wild eine gute Lösung gefunden. Wir werden das Ganze nicht in einem filmischen Bild zeigen, sondern in kleinen filmischen Einzelschritten, so dass sich das Bild erst im Kopf des Betrachters zusammensetzt.

In diesem Jahr können wir uns also auf "Hänsel und Gretel" freuen?
"Ja. Wie gesagt, der Rohschnitt liegt vor und hat unsere Erwartungen wirklich erfüllt. Anne Wild hatte sofort Lust zu diesem Märchen. Ihr gefiel das Buch und sie hat mit Peter Schwindt zusammen die letzte Buchversion erarbeitet. Das war ein richtig schönes Miteinander. 'Hänsel und Gretel' umfasst bekanntlich fünf, sechs Seiten. Daraus einen abendfüllenden Film zu machen, ohne unglaubliche Stränge oder gar noch eine Geschichte drum herum zu erfinden, war für den Autor und alle Beteiligten keine leichte Aufgabe. Nun gibt es nichts in diesem Rohschnitt von immerhin 88 Minuten, was nicht dem Märchen zugeordnet werden kann. Der Film wurde komplett in Thüringen, an wunderschönen Schauplätzen im Thüringer Wald gedreht, mit großzügiger Unterstützung der Mitteldeutschen Medienförderung, die 'Rotkäppchen' fördert. Anne Wild hat ein gutes Team gehabt, eine hervorragende Kostümbildnerin, die sich an der Zeit vor rund 250 Jahren orientiert hat. Es wurde ein Hexenhaus auf einer Lichtung in der Gegend von Friedrichroda gebaut, das sich sehen ließ. Es war von außen gepflastert mit Süßigkeiten und Naschwerk aus ostdeutschen Schokoladen- und Lebkuchenfabriken, einfach toll. Im Moment bemühen wir uns darum, dass wir uns für den Film auch noch eine sehr passende, sehr archaisch klingende Musik der norwegischen Komponistin Mari Boine leisten können."

Wie hat Anne Wild die Kinder für die Hauptrollen gefunden?
"Sie hat ein sehr aufwändiges Casting durchgeführt und dann zwei großartige Zehnjährige ausgewählt: Nastassja Hahn, die schon in der Komischen Oper in Berlin auf der Bühne getanzt hat und jetzt möglicherweise eine Tanzausbildung beginnt, und als Hänsel Johann Storm, der aus Weimar kommt und bisher noch keine Kamera- bzw. Bühnenerfahrung hatte. Claudia Geisler, bekannt aus 'Lichter', spielt die Stiefmutter, Henning Peker hat einen unglaublich sensiblen Vater abgegeben, er stellt meist Schurken und Bösewichter dar und hatte Lust, mal nicht seinem Rollenklischee zu entsprechen. Sibylle Canonica spielt die Hexe, eine sehr ungewöhnliche Hexe, nicht das verhutzelte Mütterchen mit gekrümmtem Rücken. Sie ist die große, aufstrebende Frau, die geradezu etwas Schwebendes hat. Ihre langen, roten Haare wurden zu einer sehr eigenen Frisur gemacht bis dahin, dass auch ihr Gürtel aus Haaren geflochten ist. Wirklich faszinierend ist die Bildsprache, die Farbkomposition und die Kameraarbeit von Wojciech Szepel, der bei Andrzej Wajda gelernt und mit ihm gearbeitet hat. Ich glaube, da ist etwas entstanden, was man so noch nicht gesehen hat."

Da kann man wirklich nur gespannt sein und für die folgenden Märchenproduktionen die Daumen drücken!

Das Interview führte Barbara Felsmann

 

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