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Ausgabe 104-4/2005

DIE BRIEFFREUNDIN

SIPUR KAITS

Produktion: Sumsum Productions Tel-Aviv; Israel 2004 – Regie und Buch: Shmuel Peleg Haimovitch – Kamera: Shay Goldman – Schnitt: Gila Cohen – Musik: Yonatan Bar-Giora – Darsteller: Kosta Kaplan (Gal), Aya Koren (Haya), Tiki Dayan (Aliza), Itamar Cohen (Boaz), Moshe Folkenflik (Ovadia), Albert Eyloz (Dadon), Eden Katz (Ronit) u. a. – Länge: 74 Min. – Farbe – Weltvertrieb: noch offen; Informationen: Sumsum Productions, e-mail: yoavroeh@zahav.net.il – Altersempfehlung: ab 12 J.

Sommer in einem beschaulichen Dorf im Norden von Israel: die 13-jährigen Freunde Boaz und Gal stromern durch die Gegend, schießen mit Pfeil und Bogen auf Hasen und wundern sich, dass sie in den Ferien genau so früh wach werden wie in der Schulzeit. In diesem Sommer sind alle in Israel süchtig nach der amerikanischen Fernsehserie "Dallas" und weil Pamela für Gals Vater die hübscheste aus dem "Dallas"-Clan ist, legt Gal ein Poster von ihr in das Familien-Paket an die Front. Denn wie der Vater von Boaz, wie dessen Bruder und die meisten anderen Männer im Dorf ist auch Gals Vater ausgezogen, um "die Terroristen aus dem Libanon rauszujagen". Vom Krieg im Libanon 1982 ist die Rede: in den Nachrichten, in den Gesprächen mit Aliza, der Leiterin der Poststelle, und in den Briefen der 19-jährigen Haya. Aber auch wenn Boaz versucht, seinen Freund zu bewegen, mit ihm seinem großen Bruder in den Libanon nachzureisen, scheint der Krieg doch weit weg zu sein. Und die gleichaltrigen Mädchen scheinen nur ihr Aussehen und die Jungens im Kopf zu haben.

Man durchschaut nicht gleich, was sich da alles in dem kleinen Dorf abspielt: Dass zum Beispiel die Militärpolizisten, die etliche Bewohner vergeblich nach einem Ovadia Gueta fragen und am Ende Gal zwingen, sie zu ihm zu führen, einen Kriegsdienst-Verweigerer suchen, um ihn ins Gefängnis zu stecken. Oder warum Aliza so viel vom Krieg spricht und was es mit dem alten Dadon auf sich hat, der seiner Freundin aus Kindertagen Liebesbriefe zustellen lässt. Erst allmählich begreift man, dass die 19-jährige Haya sich so seltsam bewegt, weil sie schwer herzkrank ist, und dass sie die Soldaten, denen sie dauernd schreibt, gar nicht kennt. Gal, der in den Ferien die Post austrägt, bringt ihr jede Menge Antworten und Fotos ins Haus, nur Moshe Mendelbaum hat noch kein Bild geschickt. Dafür ein gläsernes Glockenspiel, das er einem libanesischen Jungen abgekauft hat. Zwischen Haya und Gal entsteht eine vorsichtige Freundschaft, weshalb er auch weiß, dass sie sich in Moshes Briefe verliebt und ihn erneut um ein Foto gebeten hat. Das jedoch nie bei ihr ankommt, weil Gal neugierig ist, es aus dem nächsten Brief rausnimmt und in einem Anfall von Eifersucht zerreißt.

Als er realisiert, wie krank Haya ist und wie sehnsüchtig sie auf das Bild wartet, packt ihn das schlechte Gewissen und er überlegt sich, wie er ein zweites Foto von diesem Mendelbaum kriegen kann. Ganz klar, er muss heimlich in den Libanon reisen und das sofort. Sein Freund Boaz ist leider gar nicht begeistert, weil er genau an dem Tag eine Brille bekommen soll. Er ist sogar richtig böse auf Gal, der ihm seine Idee gestohlen hat und nun nicht mal einen Tag warten kann, aber nachts sitzt er trotzdem im Bus. Ohne miteinander zu reden, erreichen sie die nahe Grenzstadt Fatma Gate und übernachten getrennt in der Bahnhofshalle. Gal weiß nicht mehr weiter. Da fragt ihn Boaz, ob er sich ihm anschließen will. Das Gleichgewicht zwischen den Freunden ist wieder hergestellt und gemeinsam gelingt es ihnen, sich zu den israelischen Soldaten durchzuschlagen. Während Gal nach Moshe Mendelbaum fragt, geht Boaz ins Zelt des Kommandeurs, um sich zum Dienst zu melden. "Komm in acht Jahren wieder", sagt er. "Aber dann ist der Krieg aus!", entgegnet Boaz enttäuscht, worauf der ihn tröstet: "Keine Angst, dann gibt es einen neuen!" Die Kinder sollen wieder abgeschoben werden, aber Gal lässt sich von niemandem verjagen. Er muss Moshe Mendelbaum unbedingt finden und ein Soldat lässt sich schließlich erklären, warum. Mendelbaum sei leider woanders, aber er kenne ihn, sagt der, und er sähe ihm ähnlich. Ob Gal denn nicht ihn fotografieren könne? Damit ist das Problem gelöst. Als Gal und Boaz nach Hause kommen, hören sie, dass man bereits nach den Ausreißern sucht und Haya im Krankenhaus ist. Gal stürmt sofort wieder los und gelangt gerade noch rechtzeitig in den Operationssaal, um ihr das Foto zu bringen. Haya ist glücklich, vor der entscheidenden Operation doch noch ihren Moshe zu sehen. Und selig, weil er so hübsch ist!

Der wirkliche Mendelbaum aber kommt noch selbst in das Dorf, um nach der Frau zu suchen, in deren Briefe er sich verliebt hat. Gal kann ihn jedoch nur noch zum Friedhof führen: Haya hat die Operation nicht überlebt. Sie ist kurz vor ihrem 20. Geburtstag gestorben. Es hat nichts genutzt, dass sie ihren Vornamen Sharon in Haya (lebendig) geändert hat, aber Gal weiß nun, was er werden will: Arzt. Das Leben geht weiter und am Ende tauscht er mit Ronit, die auf keinen Fall ungeküsst in das neue Schuljahr starten will, seinen ersten Kuss.

Ein hoffnungsvoller, versöhnlicher Schluss, auch wenn er wie für ein junges Publikum angeklebt wirkt. Zu stark ist der Kontrast in der Stimmung, zu sehr dominieren die Geschichte von Haya, ihr Kampf um das Leben und ihre besondere Beziehung zu Gal bzw. seine Liebe zu ihr, als dass man nach ihrem Tod ohne weiteres auf diese Ebene umschalten kann. Dabei zeigt Haimovitch die Kinder mit bemerkenswertem Einfühlungsvermögen, führt vor, dass sie andere Prioritäten haben, andere Reaktionen als Erwachsene und wie sie in dem von Männern geleerten Dorf ihre Freiräume nutzen. Durch seinen Ferienjob lernt Gal – und wir mit ihm –, was sich außerhalb seiner eigenen Welt in dem Dorf abspielt. Wir erleben, wie sich sein Erfahrungsraum ständig erweitert und was die erste Liebe in ihm aufrührt und an Kräften frei setzt. Der Film nimmt sich viel Zeit für die Entwicklung der Handlung, der kindlichen und erwachsenen Charaktere, ihrer Gefühle und Aktionen. In langen Einstellungen von großer Aufrichtigkeit, Leichtigkeit und Sensibilität, mit Dialogen zum Schmunzeln und einem sehr menschenfreundlichen Humor zeigt Shmuel Peleg Haimovitch ein Leben am Rande des Krieges, der durch den Tod von Alizas Sohn plötzlich auch in das beschauliche Dorf einbricht, ohne die Jungen sonderlich zu berühren.

Alles in allem ein sehr gelungenes Spielfilmdebüt mit überzeugenden Darstellern, das mit klarem, nüchternen Blick, unverkrampft, aber mit großer Zartheit und Anteilnahme, von Erfahrungen am Ende der Kindheit erzählt, von der Liebe, dem Leben und dem Tod in einer konkreten historischen Situation.

Uta Beth

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 104-4/2005 - Interview - "Der Tod kümmert uns nicht, wenn er weit weg ist."

 

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