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Ausgabe 104-4/2005

CERTI BAMBINI

Produktion: Pequod; Italien 2004 – Regie: Andrea & Antonio Frazzi – Buch: Diego de Silva, Marcello Fois, Ferdinando Vicentini Orgnani, Andrea Frazzi, Antonio Frazzi, nach dem Roman von Diego de Silva – Kamera: Paolo Carnera – Schnitt: Claudio Cutrì – Musik: Almamegretta – Darsteller: Gianluca Di Gennaro (Rosario), Carmine Recano (Damiano), Arturo Paglia (Santino), Miriam Candurro (Caterina), Sergio Solli (Casaluce), Rolando Ravello (Sciancalepore) – Länge: 94 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Adriana Chiesa Enterprises, e-mail: info@adrianachiesaenterprises.com – Altersempfehlung: ab 16 J.

Zu Beginn des Filmes – der Vorspann ist noch gar nicht richtig zu Ende – wird den Zuschauern ein hübsches Kinderspiel zugemutet. Eine Mutprobe für Heranwachsende gewissermaßen: Wer von einem halben Dutzend Kindern überquert schnell genug und wohlbehalten die Stadtautobahn? Einziger Haken an der Sache – die Straße ist stark befahren, nichts Ungewöhnliches am Rande von Neapel. "Verkehrsreich" wäre das treffende Attribut. Für einen indes, der losflitzt und durch die schmalen Lücken der heranbrausenden, wohlgeformten Limousinen schlüpft, erscheinen offensichtlich die über den sengenden Straßenbelag gleitenden Blechungetüme schlicht und ergreifend als Monster.

Die Halbwüchsigen kosten ihr Spiel bis zur Neige aus – jeder darf mal! Der Erste steigt über die Leitplanke – spätestens hier möchte man sich in den Sessel verkriechen – wartet einen günstigen Moment ab und spurtet los. Bremsen kreischen, hier und da scheppert es, und der Junge rennt. Vielleicht hat er die Augen geschlossen, vielleicht aber starrt er beim Sprinten auch in die flimmernde Sonne über den staubigen Asphalt – zumindest aber erreicht er die Blechbegrenzung des Mittelstreifens. Die Hälfte ist geschafft! Die andere Hälfte – nur noch ein "Katzenspiel"!

Auch dem zweiten der mutigen kleinen Burschen gelingt die "Überfahrt" über den belebten Highway, so schwer ist das doch nicht. Erst als der dritte zaudert, wird es so richtig aufregend. Angst wäre hier fehl am Platze, nur hurtig zu, die Daumen sind gedrückt! Und er startet schließlich, mehr zaghaft, denn stürmisch. Doch das Glück scheint dem Minderjährigen versagt. Die Kamera kommt ins Schlingern, es kracht und quietscht und man schließt als Betrachter die Augen. Als sie wieder geöffnet sind, erblickt man den – noch lebenden – Jungen beim Übersteigen der letzten Begrenzung. Ziel erreicht, zumindest für heute.

Derart eingestimmt und vorbereitet, kann man nun die Geschichte des zwölfjährigen Rosario erfahren. Über ihn wird in zwei Erzählebenen berichtet: während einer Fahrt mit der Metro bis zu einem bestimmten Punkt, und über die in Rückblenden geschilderten Ereignisse der vorherigen Wochen und Monate.

Der Zuschauer begleitet Rosario beim Einsteigen in den Waggon. Die Farben in der U-Bahn sind unnatürlich grünlich-kalt und fahl. Der Junge hat kurze Haare, wirkt cool und abgeklärt, trägt eine Tasche bei sich. Was sich in ihr befindet und zu welchem Ziel ihn die U-Bahn führt, wird man am Schluss des Filmes erfahren. Bis dahin gilt es gleichwohl noch einige kleine Abenteuer im Wagen zu bestehen. In Rosario steigen Erinnerungen auf, Gedanken, die in andere Farben getaucht sind als die Fahrt auf den Schienen. Er selbst trug damals noch längeres Haar, schien jungen-, kindhafter. Da war das trostlose Zuhause seiner Großmutter, das auch das Heim des Waisenjungen war. Die Pflegebedürftige saß mit ihren Pillen nur im Bett vor dem Fernseher, ihr Ratschlag an den Jungen: "Für die guten Dinge musst du bezahlen!" Rosario musste sich durchschlagen – in den Vororten mit ihren zweifelhaften Etablissements zusammen mit Gleichaltrigen, die schon früh das Gesetz der Straße für sich akzeptierten: Gewalt, Diebstahl, Prostitution.

Doch es gab auch ein anderes Leben, erinnert sich Rosario auf seiner Fahrt, verkörpert in Santino, dem jungen Pfarrer, der für ein selbst verwaltetes Heim alleinstehender Mütter arbeitete. Zu ihm zog es den Jungen immer wieder hin. Und zur hübschen, nur wenig älteren Caterina, der ersten, zarten Liebe. Als sie plötzlich starb und er zudem von Santino bitter enttäuscht wurde, führte ihn sein Weg direkt in die Arme der "Camorra", der neapolitanischen Mafia.

Im Wagen der Metro kommt Rosario wieder zu sich selbst. Er ist im "Jetzt" angekommen, steigt aus und schickt sich an, seinen "Job" zu erledigen. Ein Wendepunkt in seinem Leben. Es wird nun für ihn ein völlig normaler Vorgang sein. Er soll einen einflussreichen Mann töten und er tut es. In der Tasche befindet sich die Waffe. Es gelingt dem "harmlos" aussehenden Kind nach der Tat, durch alle Absperrungen hindurchzuschlüpfen. Er landet auf einem belebten Spielplatz inmitten von Neubauten der Suburbs. Die gleichaltrigen Kinder dort spielen Fußball. Rosario gesellt sich zu ihnen, nimmt den Ball auf und spielt mit. Es ist ein ganz normaler, schöner Tag.

Die Übersetzungen des italienischen Originaltitels taten sich offenbar ein wenig schwer, von "Kindergeschichte" ist die Rede, von "Solche Kinder", oder – leicht romantisierend und klischeehaft – von "Gestohlener Kindheit". Eindeutig ist indes die klare Übertragung! Es sind "sichere, zuverlässige Kinder", von denen der Film handelt, zuverlässig als Killer im Auftrag der über alles schwebenden "Organisation", sicher auch vor dem Zugriff der Polizei und der Gerichte. Und davon erzählen die beiden Regisseure, die nach ihrer eigenen Aussage vom "alltäglichen tragischen Leben eines Kindes" berichten, das "in einer großen Stadt unter den gegebenen sozialen Bedingungen leben muss". Folgerichtig besetzten die beiden die Rollen der Kinder auch nicht mit Schauspielern, sondern mit jungen Laiendarstellern aus Neapel, die sich im dortigen Milieu völlig ungezwungen bewegen konnten.

Für das Bemühen der Filmemacher wurde der Film mit dem Großen Preis des Internationalen Filmfestivals Karlovy Vary 2004 ausgezeichnet, zudem wurde er als "Entdeckung des Jahres" zum Europäischen Filmpreis 2004 gewürdigt.

Volker Petzold

 

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KJK-Ausgabe 104/2005

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