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Ausgabe 104-4/2005

FREMDE HAUT

Produktion: MMM Film Zimmermann / Fischer Film; Deutschland / Österreich 2005 – Regie: Angelina Maccarone – Buch: Angelina Maccarone, Judith Kaufmann – Kamera: Judith Kaufmann – Schnitt: Bettina Böhler – Musik: Jakob Hansonis, Hartmut Ewert – Darsteller: Jasmin Tabatabai (Fariba) , Navid Akhavan (Siamak), Anneke Kim Sarnau (Anne), Hinnek Schönemann, Jevgenij Sitochin (Maxim), Nina Vorbrodt, Jens Münchow u. a. – Länge: 97 Minuten – Farbe – Verleih: Ventura Film – FSK: ab 12 – Altersempfehlung: ab 16 J.

"Verehrte Fluggäste! Soeben haben wir die Grenze überflogen", schallt es aus den Lautsprechern eines Passagierflugzeugs. Den Iran hinter sich gelassen, binden einige Frauen sofort ihr Kopftuch ab. Eine junge Dolmetscherin aus Teheran, Fariba, steht auf, geht zur Toilette, wickelt ihren Schador um den Rauchmelder, ordnet ihre langen dunklen Haare und genießt befreit eine Zigarette. Fariba ist auf der Flucht. Auf der Flucht vor der Familie ihrer Geliebten, vor den Gesetzeshütern, die sie wegen Homosexualität zum Tode verurteilen wollen. Auf dem Frankfurter Flughafen wird sie sofort verhaftet und ins Übergangslager gesteckt. Sie stellt einen Asylantrag, als Grund gibt sie "politische Verfolgung" an. Als der verhörende BSG-Beamte bürokratisch das Todesurteil als beglaubigte Kopie verlangt, ahnt Fariba, dass es mit dem Asyl schwierig werden könnte. Im Lager lernt Fariba ihren Landsmann Siamak kennen. Der junge Student kann es sich nicht verzeihen, dass sein Bruder im Iran an seiner Stelle verhaftet und umgebracht wurde. In einer tiefen Depression nimmt er sich das Leben. Kurz entschlossen schlüpft Fariba in die "fremde Haut". Als Siamak kommt sie in ein Asylbewerberheim in einem trostlosen schwäbischen Provinzstädtchen. Ihren toten Freund begräbt sie in der Nähe auf einem Feld.

Mit kurzen Haaren, geschminkten Bartstoppeln, abgeschnürten Brüsten und äußerst wortkarg versucht sie, vor ihrem Zimmergenossen, dem Weißrussen Maxim, ihre wahre Identität zu verheimlichen. Mit seiner Hilfe erhält sie Arbeit in einer Sauerkrautfabrik. Sie braucht Geld, viel Geld, um einen gefälschten Pass zu bekommen. In dem kleinen Familienbetrieb lernt Fariba Anne kennen. Anne kann sich nicht gerade glücklich schätzen. Als alleinerziehende Mutter eines neunjährigen Sohnes lebt sie sehr bescheiden und freudlos und versauert hier – eifersüchtig bewacht von ihrem Exfreund Uwe – in der Provinz. Auf Grund einer scherzhaften Wette mit ihrer Kollegin beginnt sie sich für den vermeintlichen Siamak zu interessieren. Allmählich kommen sich die Beiden näher. Uwe, der spürt, dass Anne an dem Fremden Gefallen gefunden hat, erniedrigt Siamak bei jeder sich bietenden Gelegenheit und hetzt gegen ihn. Auch Fariba wehrt sich anfangs gegen ihre Zuneigung zu Anne, zu groß ist die Angst vor der Aufdeckung ihres Geheimnisses und dazu nun noch vor deren Reaktion. Was wird Anne denken, wenn Siamak sich plötzlich als Frau entpuppt? Doch die Schwäbin, die bereits ahnt, dass mit "Siamak" etwas nicht stimmt, gibt ihren Gefühlen nach und organisiert erneute Begegnungen.

Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Die Ausländerbehörde legt fest, dass Siamak innerhalb von zwei Wochen in den Iran zurückkehren muss, da seine Studentenorganisation nicht mehr verboten sei. Fariba offenbart Anne ihre wahre Identität, berichtet von den Folterungen, denen sie ausgesetzt war. Zusammen besorgen die Frauen den ersehnten Pass. Aber dann, als Anne und Fariba sich zum ersten Mal lieben, platzen Uwe und dessen Freund in die Wohnung. Angetrunken provozieren sie eine Schlägerei. Die Polizei wird geholt, Fariba wegen Verdachts auf illegalen Aufenthalt verhaftet. Wieder sitzt Fariba im Flugzeug, diesmal als Siamak. Und es wird angesagt, dass die Grenze überflogen ist. Die Grenze zum Iran ...

Liest man die Vorankündigungen zu "Fremde Haut", befürchtet man zunächst, dass die beiden Drehbuchautorinnen, Regisseurin Angelina Maccarone und Kamerafrau Judith Kaufmann, zu viele Themen in diesen Film hineingepackt und damit ein heilloses Wirrwarr an Geschichten angezettelt und nicht zu Ende gebracht haben. Aber weit gefehlt! Es ist erstaunlich, wie konzentriert, psychologisch genau und – bis auf einige wenige Unschlüssigkeiten am Anfang – folgerichtig der dramatische Kampf einer jungen Frau um ihr Recht auf ein eigenes, selbst bestimmtes Leben erzählt wird. Dabei geht es um die zentrale Frage der Identität: der als Frau, die Frauen liebt, aber auch der als Mensch, der sich den rigiden Normen seiner Gesellschaft entgegenstellt und damit in Lebensgefahr gerät, seine Heimat, seine Familie und Freunde verlassen muss und dann in einem vermeintlich "freien" Land auf Ignoranz, Verachtung und Hass stößt. So steht im Mittelpunkt ganz die Figur der Fariba. Nur am Rande wird angedeutet, was sie im Iran erlitten hat, kurz und prägnant und ohne jegliches Klischee wird gezeigt, auf welche Schwierigkeiten sie als "Fremde" in Deutschland stößt. Da ist nicht nur die Bürokratie des Asylverfahrens, der Stacheldraht um das Übergangslager, die primitiven Wohnbedingungen im Asylbewerberheim, da ist vor allem auch die spießbürgerliche Provinzialität, die sie als Großstädterin hier in Deutschland nicht erwartet hätte.

Ohne Kommentar wird diese Atmosphäre in Bildern eingefangen, dokumentiert, um sich mit langen, emotional stark wirkenden Reflektionen der inneren Befindlichkeit Faribas und später auch Annes widmen zu können. Beide Rollen sind hervorragend besetzt mit Jasmin Tabatabai und Anneke Kim Sarnau. Sie haben sich im Vorfeld intensiv mit ihrer Figur beschäftigt; Jasmin Tabatabai, die in Teheran geboren wurde und dort ihre Kindheit verbracht hat, hat vor den Dreharbeiten zwei Jahre lang mit Angelina Maccarone geprobt, improvisiert und ihre Erfahrungen in das Drehbuch einfließen lassen. Es ist eindrucksvoll, mit welcher Gestaltungskraft und Präsenz beide Schauspielerinnen Einblick in die Gefühlswelten ihrer Figuren geben: fest entschlossen und doch voller Angst, zerbrechlich und zum Teil gebrochen – die eine; naiv, desillusioniert, aber trotzdem die Hoffnung nicht aufgebend – die andere. Sie haben wesentlichen Anteil daran, dass die Zuschauer diese Geschichte lange mit sich herumtragen.

Barbara Felsmann

 

 

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