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Ausgabe 104-4/2005

MONGOLIAN PING PONG

LÜ CAO DI

MONGOLIAN PING PONG

Produktion: Kunlun Brother Film & TV Productions Ltd; VR China 2005 – Regie: Ning Hao – Buch: Ning Hao, Xing Aina, Gao Jianguo – Kamera: Du Jie – Schnitt: Jiang Yong – Musik: – Darsteller: Hurzbileg, Dawaa, Geliban, Yadamnarbuu, Badmaa, Jin Lao Wu – Länge: 102 Min. – Farbe – FSK: o. A. – Verleih: Rapid Eyes Movies – Altersempfehlung: ab 6 J.

Bilgee lebt mit seiner Familie in der chinesischen Mongolei am Rand der Wüste Gobi. Sie sind Nomaden, die an geeigneten Weidegründen für ihre Schafe ihre Jurte aufschlagen, um später wieder weiter zu ziehen. Mit den Segnungen der Zivilisation versorgt sie ein motorisierter fliegender Händler, den sie mit Schafen bezahlen. Bilgees beste Freunde sind Dawaa und Ergator. Sie führen ein Leben, wie es sich Jungen ihres Alters nur wünschen können. Auf ihren Pferden (Ergator auf einem dreirädrigen Motorroller) preschen sie über die Steppe und haben keine Sorgen mit Schule und Lehrern.

Eines Tages treibt Bilgee in dem Flüsschen nahe der Jurte eine runde weiße Kugel entgegen. Aufgeregt bringt er sie nach Hause, wo sie von der Großmutter als leuchtende Himmelsperle identifiziert wird. Sogleich wollen die Freunde sie testen und wachen die ganze Nacht bei der Zauberkugel, die diese Probe aber nicht besteht. Schließlich erfahren sie vom Vorführer eines Wanderkinos, dass es sich bei der Kugel keineswegs um einen magischen Gegenstand, sondern um einen gewöhnlichen Tennisball handelt. Enttäuscht stopft Bilgee, nachdem er zum Schaden noch Spott geerntet hat, den Ball in ein Rattenloch. Dann erfährt er aus dem Fernsehen – auch das gibt es in der Steppe, wenngleich ein guter Empfang mit viel Mühen verbunden ist –, dass der Tennisball "der Nationalball" Chinas ist. Er fühlt sich verpflichtet, das Symbol chinesischer Größe der Regierung zurückzugeben und bricht mit seinen Freunden zu Pferd und Motorroller in Richtung Peking auf. Als sich zu ihrer Verwunderung gegen Abend noch immer die endlose Steppe vor ihnen dehnt, ohne dass das Weichbild von Peking auch nur in Sicht gekommen wäre, suchen sie in einer alten Hütte Schutz, wo sie von einem Bauern aufgegriffen und nach Hause gebracht werden.

Mit diesem Abenteuer ist auch das Ende der unbeschwerten Kindheit gekommen; Dawaas Leute ziehen weiter und Bilgee muss die Familie verlassen, um in der Provinzhauptstadt zur Schule zu gehen. Als er während der Aufnahmefeier ein menschliches Rühren verspürt und die Toilette in der Schulturnhalle aufsucht, kommt er an einer Tür vorbei, hinter der ein lautes Klacken ertönt. Die letzte Einstellung zeigt Bilgees Gesicht, während aus dem Off das Geräusch hunderter Pingpongbälle zu hören ist.

Eigentlich hatte der Regisseur Ning Hao den Auftrag, einen Film um ein Tischtennismatch zu drehen. Seiner engen Beziehung zur mongolischen Landschaft und Kultur wegen schrieb seine Frau Xing Aina das Drehbuch jedoch um, so dass das Element Tischtennis nur noch in Form des kleinen Balles erhalten blieb, und auch ein Kinderfilm im engeren Sinne ist es nicht geworden, sondern, so der Regisseur, ein "Film für alle". Tatsächlich nimmt in langen, ruhigen Einstellungen einen breiten Raum die Schilderung der Lebensweise der mongolischen Nomaden ein, die bei allen Unterschieden in bestimmten Aspekten doch auch wieder zunehmend von Konsum und dem Eindringen moderner Technik geprägt ist. So versucht sich der Vater am Bau einer Windkraftanlage, wie er sie in einer Illustrierten gesehen hat, um die Stromversorgung seines Fernsehers sicherzustellen. Und selbst von den Verlockungen des Showgeschäfts bleiben die Steppenbewohner nicht verschont, als Bilgees Schwester den Entschluss fasst, sich einer Tanzgruppe anzuschließen, die zur Unterhaltung der ländlichen Bevölkerung durchs Land zieht.

Beim Vergleich von "Mongolian Ping Pong" mit dem zur etwa gleichen Zeit angelaufenen Film "Die Höhle des gelben Hundes" der Regisseurin Byambasuren Davaa ("Das weinende Kamel") fällt ein Unterschied in der Darstellung des Lebens der mongolischen Nomaden ins Auge: Obwohl auch Mongolin, hat sich bei Byambasuren Davaa, vermutlich durch den langjährigen Aufenthalt in Europa, ein quasi ethnografischer Blick eingeschlichen – bei ihr wird der Alltag der Nomaden als etwas Spektakuläres gezeigt (was er, wie zum Beispiel am Abbau der Jurte zu betrachten, wenn die Familie weiterzieht, für uns durchaus ist), im Film Ning Haos hingegen fügt sich das Spektakuläre (wie etwa der Bau einer privaten Windkraftanlage in der Steppe) nahtlos in den Alltag ein. Es entsteht daraus der Eindruck einer merkwürdigen Umkehr von Authentizität und Künstlichkeit, der sich auch in der Rolle widerspiegelt, die der Plot in beiden Filmen einnimmt: In "Die Höhle des gelben Hundes" wirkt er dem – legitimen – Anliegen, über das Leben der mongolischen Nomaden zu berichten, aufgepfropft, die gesamte Konfliktsituation und deren Lösung, der Rettung des kleinen Bruders vor den Geiern, ein wenig an den Haaren herbeigezogen, während er in "Mongolian Ping Pong" von Beginn an nur – spannendes und amüsantes – Beiwerk ist: Die Jungen finden den Ball, reißen aus, um ihn nach Peking zu bringen, und kriegen, als sie zurückgebracht werden, den Hintern voll, und damit hat sich's.

Gerold Hens

P.S. "Mongolian Ping Pong" wurde beim Internationalen Kinderfilmfestival LUCAS 2005 mit dem CIFEJ-Preis und einer Lobenden Erwähnung der FICC-Jury ausgezeichnet.

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.MONGOLIAN PING PONG im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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