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Ausgabe 104-4/2005

"Der Tod kümmert uns nicht, wenn er weit weg ist."

Gespräch mit Shmuel Peleg Haimovitch, Regisseur und Autor des israelischen Spielfilms "Die Brieffreundin"

(Interview zum Film DIE BRIEFFREUNDIN)

KJK: Für mich als Erwachsene war es fast unerträglich, dass der junge Gal der todkranken Haya nie erzählt, dass Moshe Mendelbaum das von ihr so sehnlich erwartete Photo tatsächlich geschickt und er, Gal, es zerrissen hat.
Shmuel Peleg Haimovitch: "Ich glaube, das zuzugeben, ist für ein Kind sehr schwer. Schwerer als in den Libanon zu gehen und ein neues Photo zu bringen ..."

Gibt es einen autobiografischen Hintergrund für Ihre Geschichte?
"In gewisser Weise schon. Der Gal hat viel von mir in dem Alter und eine Menge von dem, was ihm da passiert, habe ich selbst erlebt – ich habe versucht, Hasen zu schießen oder mit den Mädchen herumzusitzen, aber ich war nicht im Libanon, habe keine Briefe ausgetragen und mich nicht in Haya verliebt. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen, denn Haya war meine Tante, eine Schwägerin meiner Mutter, an die ich selbst gar keine Erinnerung habe, weil ich erst zweieinhalb Jahre alt war, als sie starb. Aber als ich mich entschlossen hatte, einen Film über meine Kindheit und das Dorf zu machen, in dem ich aufgewachsen bin, habe ich angefangen, im Haus meiner Eltern alle möglichen Papiere durchzusehen und dabei bin ich auf jene Briefe gestoßen, die meine Tante von Front-Soldaten erhalten hat. Wie das Mädchen im Film, der ich den Vornamen meiner Tante gelassen habe, war sie schwer herzkrank, durfte sich nicht viel bewegen und musste die ganze Zeit zu Hause bleiben. Zum Ausgleich hat sie die Korrespondenz mit den ihr unbekannten Soldaten geführt, hat ihnen und sich selbst damit Mut gemacht. Auch die richtige Haya starb genau zwei Wochen vor ihrem 20. Geburtstag auf dem Operationstisch, allerdings nicht in Israel, sondern in Amerika, wo sie die Operation hatte vornehmen lassen. Ich war von ihrer Geschichte so fasziniert, dass ich sie in den Film eingebaut habe."

Ihr Film spielt 1982 während des Libanon-Krieges ...
"Ja, und der Briefwechsel meiner Tante fand 1969/70 statt. Das war, nachdem Nasser die seit 1967 bestehende Waffenruhe mit Ägypten im März 1969 für beendet erklärt hatte und es mal wieder zu einem Krieg kam, der dann bis Anfang August 1970 dauerte. Aber für den Film habe ich die Geschichte meiner Tante in die Zeit des Libanon-Krieges versetzt, um sie mit meiner eigenen Kindheit kombinieren zu können. Als der Krieg 1982 begann, verschwanden plötzlich alle Männer aus meinem Heimatdorf, das übrigens nicht an der Grenze zum Libanon liegt, sondern im Süden von Israel. Und als die Männer zur Reservearmee mussten, um bereit zu sein, wenn es losginge, entstand in Emunim, unserem Dorf, eine ganz eigenartige Atmosphäre, in der die Kinder viel freier wurden und so viele Dinge geschehen konnten. Es war wirklich eine einzigartige Zeit, als es im Dorf plötzlich nur Frauen, alte Männer und Kinder gab. Und nur ganz wenige jüngere Männer, die nicht zur Armee wollten."

Wie der Kriegsdienstverweigerer, der dann ins Gefängnis gebracht wird. Mich hat gewundert, dass ihn kein Dorfbewohner verraten will, obwohl fast alle Väter und Brüder eingezogen sind.
"Nicht, weil sie seine Haltung richtig finden, aber sie wollen es nicht sein, die ihn der Polizei ausliefern. In einem kleinen Dorf wird sich niemand in das Leben der anderen einmischen – wenn er abhaut, ist es seine Sache. Das ist der Unterschied zur Stadt, wo einen niemand kennt und man sich nicht jederzeit wieder begegnen kann."

Haben Sie von vornherein an einen Film für Kinder gedacht?
"Nein, nicht am Anfang – wir hatten einige Probleme mit dem Geld, und das Fernsehen, das bereit war, uns Geld zu geben, wollte es für ein Kinderprogramm, daher mussten wir es auf ein jugendliches Publikum ausrichten. Sie dachten, der Stoff eigne sich besser für sie, aber ich bin nicht mehr sicher ...  Auf jeden Fall habe ich es nicht für Kinder geschrieben. Was ich aber konsequent durchzuhalten versucht habe, ist der Blickwinkel von Gal, also die Welt aus der Sicht eines 13-jährigen Jungen, ohne politische Aussagen, zu zeigen. Eben so, wie ich sie damals gesehen habe: wo der Krieg so weit weg ist, du ihn nicht fühlst und eigentlich gar nicht weißt, was da vor sich geht, du bist daran auch nicht interessiert. Du freust dich über die Sommerferien und hast deinen Spaß. Aber langsam, langsam kommt der Krieg immer näher zu dir, bis der Tod vor deiner Tür steht."

Dass der Krieg immer näher kam, war auch Ihre Erfahrung?
"Unbedingt. Ich erinnere mich ganz genau, wie wir in den Zeitungen nachgeguckt haben, wer wieder gestorben war, weil die Listen mit den Opfern jede Woche oder alle zwei Wochen abgedruckt wurden. Das bleibt einem in Erinnerung. Leute können jederzeit sterben und es geht dich nichts an, aber wenn der Tod in deine Nähe kommt, weißt du, was Sterben heißt. Ich will damit sagen: Der Tod kümmert uns nicht, wenn er weit weg ist, wir denken erst an ihn, wenn jemand stirbt, den wir kennen. Ich wollte zeigen, was Krieg als Kind für mich war, was ich damals gefühlt habe, und zugleich die Geschichte von Haya zu erzählen."

Die ja auch im Krieg spielte ...
"Ja, es gibt immer wieder Krieg, die Konflikte enden nie, erst recht nicht bei uns, und deshalb glaube ich auch nicht, dass es bald Frieden gibt. Immer wieder wird es da einen kritischen Punkt geben wie Jerusalem oder was auch immer. Dabei will jeder den Frieden."

Bitte erzählen  Sie etwas über Ihren familiären Hintergrund und Ihren Werdegang.
"Gern. Ich wurde 1968 in Tel Aviv geboren und bin mit zwei jüngeren Schwestern aufgewachsen in Emunim. Meine Mutter hat viele Jahre für Zeitungen gearbeitet und gibt heute eine eigene kleine Zeitung heraus; mein Vater ist für die Sicherheit der Lastwagen in einer großen Speditionsfirma zuständig. Schon als Kind liebte ich Filme, aber ich habe natürlich nie daran gedacht, dass ich mal selbst welche machen könnte. Der Gedanke kam mir erst, als ich nach meinem dreijährigen Militärdienst eine Weltreise gemacht habe, weshalb ich dann auf dem kleinen Tel Hai-College im Norden von Israel, ganz in der Nähe der libanesischen Grenze, studiert habe. Das waren zwei wunderschöne Jahre, aber komisch, während dieser Zeit schaffte ich es nicht, irgendetwas zu schreiben, obwohl ich schon immer viel und gern geschrieben hatte. Aber als ich dort wegging, schrieb ich pausenlos – das Treatment für eine ganze Fernsehserie. Ich ging dann nach Tel Aviv, weil ich die Chance hatte, nicht nur das Drehbuch zu schreiben, sondern auch zu inszenieren. 'Hafuch' hieß diese Comedy-Serie über meine Generation, damals Leute Anfang 20, die in Tel Aviv leben. Sie lief 1997 an und war sehr erfolgreich. 2000 kam eine zweite Serie dazu. Danach wollte ich meinen Traum vollständig realisieren und einen Spielfilm drehen. Das Schreiben hat sehr lange gedauert, ungefähr zwei Jahre, weil es so schwer war, vom Schreiben fürs Fernsehen umzuschalten auf das Schreiben eines Filmdrehbuchs."

Wo haben Sie Kosta Kaplan, Ihr alter ego gefunden?
"In Israel haben wir keine Kinder-Agenturen, nur für die Werbung, und so haben wir uns in den Spezial-Schulen mit dem Schwerpunkt Kunst und Darstellung etwa 300 Jungen angeguckt und dort am Ende auch unseren Gal gefunden. Kosta ist heute in der 10. Klasse, wohnt in Tel Aviv, mag Musik, spielt Gitarre und beschäftigt sich mit Computern. Abgesehen von der Schauspielerei, natürlich. Ich finde, er hat es ganz toll gemacht."

Aber Aya Koren, die Darstellerin der Haya, ist Schauspielerin?
"Ja, sogar eine sehr berühmte in Israel, obwohl sie erst 23 Jahre alt ist. Sie hat wirklich hart an ihrer Rolle gearbeitet, auch körperlich, um die langsamen Bewegungen von Haya so hinzukriegen, dass sie wirklich herzkrank wirkt. Was ihr ja auch ganz überzeugend gelungen ist."

Ihr Debütfilm wurde im Oktober 2004 bereits beim "Festival du cinéma méditerranéen Montpellier" gezeigt. Wurde er auch schon in Israel vorgeführt?
"Ja, es gab vor kurzem Aufführungen in Jerusalem, Tel Aviv und Haifa – aber es war kein großer Erfolg, weil in diesem Jahr mehr als 20 neue israelische Filme herausgekommen sind und die Leute nur in die Filme gehen, über die man am meisten gelesen hat. Da wir aber kaum Geld für Werbung hatten, haben sie nichts davon gewusst. Aber die Leute, die drin waren, waren begeistert."

Interview: Uta Beth

 

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