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Ausgabe 26-2/1986

"So ein Kinderfilm ist unsterblich, wenn er gelingt"

Interview mit Ota Hofman

Interview

Die diesjährige Werkschau des Kinderfilmfests – im Rahmen des 4. Filmfests München - ist dem tschechischen Dramaturgen, Filmautor und Schriftsteller Ota Hofman gewidmet, der durch seine zehnjährige Tätigkeit als verantwortlicher Dramaturg in den Barrandov-Filmstudios Prag zum Weltruf des tschechoslowakischen Kinderfilms beitrug. Am bekanntesten ist Ota Hofman durch die Filmfigur "Pan Tau" geworden, zu deren Schöpfern er gemeinsam mit Jindrich Polak gehört.
Das Kinderfilmfest findet vom 21. bis 29. Juni 1986 in München statt. Gezeigt werden u. a. die Filme: "Robinson Mädchen" (1974), "Clown Ferdinand und die Rakete" (1962), "Flucht" (1967), "Schon wieder springe ich über Pfützen" (1970), "Der Katzenprinz" (1978), "Pan Tau – Alarm in den Wolken" (1978), "Pan Tau nimmt Abschied" (1980). Außer Ota Hofman werden Jindrich Polak und Ota Simanek (Darsteller des Pan Tau) anwesend sein.
Das Kinderfilmfest wird veranstaltet von der Internationalen Münchner Filmwochen GmbH in Zusammenarbeit mit dem Förderverein Deutscher Kinderfilm e.V. und dem Kinderkino München e.V.

Bio- und Filmografie
Geboren am 10. April 1928 in Prag. Absolvent der Film-Fakultät in der Akademie der Musischen Künste (FAMU) Prag, Drehbuchautor, Dramaturg und Schriftsteller, war 10 Jahre Leiter der dramaturgischen Gruppe für Kinder und Jugendliche und ist zurzeit Leiter der Drehbuch-Abteilung des Filmstudios Barrandov/Prag.
Ota Hofman schrieb 12 Bücher für Kinder und Jugendliche, die in 14 Sprachen übersetzt wurden. In deutscher Sprache sind u. a. die folgenden Titel erschienen: "Die Flucht", "Pan Tau und tausend Wunder", "Alarm in den Wolken" und "Die vertauschte Melone" (beide in der Buchserie "Phantastische Abenteuer des Pan Tau"), "Clown Ferdinand und die Rakete", "Luzie und der rosarote Hund", "Die Besucher". Als Drehbuchautor zeichnete er für mehr als 40 abendfüllende Filme verantwortlich.
Eine enge Freundschaft und Zusammenarbeit verbindet ihn mit dem Regisseur Jindrich Polak. Aus ihrer gemeinsamen Arbeit entstanden u. a. der Film "Clown Ferdinand und die Rakete", die Filmfigur "Pan Tau", die TV-Serien "Luzie, der Schrecken der Straße", "Die Besucher" und "Die Tintenfische aus dem 2. Stock", die demnächst bei uns zu sehen sein wird.
Ota Hofman gehört zu den wenigen Autoren, die nicht nur mehr oder weniger zufällig sich auch einmal mit dem Kinderfilm befassen, sondern die in dieser Beschäftigung eine echte Aufgabe sehen und sich ihr mit Hingabe widmen. Für seine schriftstellerische und filmkünstlerische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet.

KJK: Wie sind Sie Dramaturg geworden? Wie wird man überhaupt Filmdramaturg?
Ota Hofman: "Oder Pressesprecher? Oder Berater eines Ministers? Oder Kritiker? Ich kenne weder einen jungen Mann noch eine junge Frau, die sich in ihrer Jugend nach so etwas gesehnt hätten. Ein zehnjähriger Junge, der sich das wünscht, müsste sich vermutlich einer komplizierten psychiatrischen Untersuchung unterziehen. - Was ein echter Junge ist, der will später einmal Formel-Eins- oder Weltraumfahrer werden, und wenn es ein Mädchen ist, träumt es davon, Prinzessin oder Pop-Star zu werden. Ich könnte noch weitere attraktive Berufe nennen, wie zum Beispiel Stuntman, Arzt in der Schwarzwaldklinik usw. Solche Berufe gäbe es in rauen Mengen, aber Dramaturg zählt bestimmt nicht dazu.
Dramaturg wird man meist durch ein Zusammenspiel von Zufällen oder Irrtümern, bis man schließlich dieser seltsamen Profession verfällt. Nach Absolvierung der Film-Fakultät der Akademie Musischer Künste, Fachgebiet Dramaturgie und Szenaristik, wurde ich - nachdem zwei realisierte Drehbücher abendfüllender Filme hinter mir lagen - vom Filmstudio Barrandov als Szenario-Autor in die Drehbuch-Abteilung aufgenommen. Sechs Monate später erfuhr ich unerwarteter Weise, dass diese Abteilung liquidiert werde, gleichzeitig wurde ich zum Dramaturgen ernannt. Es handelte sich um den Posten eines Dramaturgen der neu gegründeten Dramaturgischen Abteilung, die sich vor allem auf den Film für Kinder einstellen sollte, den es bis dahin in der Tschechoslowakei praktisch noch nicht gegeben hatte. Eine gewisse Logik konnte man meiner Versetzung nicht abstreiten, denn mein Abschlussfilm gehörte gerade zu jenen Ausnahmen; er war an die Adresse der Kinder gerichtet, genau wie meine theoretische Arbeit. Ich meine dabei den Spielfilm für Kinder, denn das Trickfilmschaffen feierte damals bereits internationale Erfolge: In Prag war es Jirí Trnka, in Gottwaldov waren es Karel Zeman und Hermina Tyrlová.
Aber ich wollte doch schreiben! Geschichten erzählen! Keineswegs jedoch, jemandem Ratschläge erteilen, wie er schreiben sollte. Als Berater der Autoren zu dienen.
Zum Glück traf ich auf einen klugen Chef - einen bedeutenden Theaterkritiker (sehen Sie, von wo diese Dramaturgen überall herkommen!) - der sagte mir: 'Vorläufig erteilen Sie niemandem Ratschläge, damit Sie nicht zuviel verpatzen! Schreiben Sie ruhig, wer verwehrt Ihnen das denn? Seien Sie aber auch so nett und machen auch Dramaturgie; bringen Sie Anregungen, Einfälle! Suchen Sie nach neuen Autoren und Themen! Dafür zahlen wir Sie schließlich. Darüber hinaus lesen Sie, damit Ihnen keine Neuerscheinung entgeht. Gehen Sie ins Theater, damit Ihnen keine Premiere entgeht! Lauschen Sie den Rundfunksendungen, denn dort sollten wir auch nichts versäumen! Jede Anregung ist gut. Und wenn Sie einen freien Abend haben, sollten Sie ins Kino gehen, um die Reaktionen der Zuschauer zu beobachten. Auch das Fernsehen sollten wir nicht vergessen, obwohl es noch in den Kinderschuhen steckt ... von den Ausstellungen ganz zu schweigen. Lesen Sie die Zeitschrift 'Wissenschaft und Technik'? - Nein. – Dann lesen Sie sie!' Ich habe das Gefühl, dass ich damals zum ersten Mal zu ahnen begann, was ein Dramaturg, was Dramaturgie ist."

Aber in Ihrem Diplom von der Filmhochschule stand doch, wie Sie selbst sagten: Absolvent der Dramaturgie und Szenaristik?
"Aristoteles. Die Theorie des Dramas. Kerr. Stanislawskij. Brecht. Analysen der Theatertexte. Filmanalysen. Klassik. Das Elisabethianische Theater. Expressionismus. Neorealismus. Exposition. Krise. Kollision.
'Und das Leben? Wie sehen die Kinder von heute aus? Haben Sie Kinder? Warum flüchten Kinder von zuhause? Wovon träumen sie?', fragte der Mann, der mein Chef in der Dramaturgischen Abteilung war, als meine Absätze von all den Premieren, Kino- und Ausstellungsbesuchen schief getreten waren, und als ich jede Nacht bis zum Morgen neue Bücher las und meine Frau sich von mir scheiden lassen wollte. 'Ich verstehe einfach nicht', sagte mein Chef, 'was Sie in der Unmenge Freizeit, die Sie haben, eigentlich machen.' Und dann fügte er noch hinzu: Sprechen Sie französisch? Italienisch? Deutsch? Nicht, sagen Sie, das darf doch wohl nicht wahr sein?!'"

Heute beherrschen Sie natürlich all diese Sprachen, oder?
"Nein. Dafür blieb mir keine Zeit mehr, aber ich habe zwei Kinder, und die Kinder haben auch schon Kinder, und ich zerbreche mir den Kopf, wovon diese Kinder wohl träumen mögen. Dr. Träger, der mich die Kunst der Dramaturgie lehrte, ist gestorben. Gemeinsam mit Jirí Trnka blieb uns beiden das Motto der Konzeption: Es gibt nur eine Kunst. Einen guten Kinderfilm sollten auch Erwachsene mit Vergnügen und Bewunderung ansehen, ebenso wie sie Kinderbücher lesen sollten. Schließlich und endlich können wir ja darüber streiten: Ist Exupérys 'Der kleine Prinz' ein Buch für Kinder oder für Erwachsene? Oder 'Gullivers Reisen'? 'Alice im Wunderland'?"
Und neue Dramaturgen, die von der Filmhochschule kommen? Die mit ihrem neuen Diplom?
"Die kommen auch von der Philosophischen Fakultät und von anderen Unis. Bedingung ist heutzutage eine Hochschulbildung, breite Kenntnisse aus dem Filmfach. Vielleicht ist ihr Erscheinen unter uns manchmal auch ein Irrtum. Jemand verlässt uns, ein anderer bleibt. Nach drei, vier Jahren Praxis hat er was gelernt und beginnt, ein Dramaturg zu sein ..."

Wie viele Filme haben Sie als Dramaturg behandelt?
"Ich möchte sie lieber nicht zählen. Vielleicht waren es hundert. Zum Großteil leben sie noch, werden heute noch in den Kinos hierzulande, auch im Fernsehen und im Ausland gezeigt. So ein Kinderfilm ist unsterblich, wenn er gelingt. Er erwartet neue Zuschauer, während der Film für Erwachsene bedeutend schneller in Vergessenheit gerät."

Was macht einen guten Dramaturgen unserer Tage aus?
"Gebildet sein. Wissen, was zu Hause los ist, auch welche Trends im Ausland 'in' sind. Neue Autoren, neue Themen entdecken. Für diese Aufgaben neue Drehbuchautoren, neue Regisseure, die Neuland entdecken, zur Mitarbeit heranziehen. Das bedeutet aber zugleich, auch das Leben zu kennen. Unter anderem auch die Realität der dramaturgischen Arbeit, das heißt, wenn es Erfolg gibt, dann haben ihn Autor und Regisseur beeinflusst; gibt es ein Debakel, dann ist die Dramaturgie daran schuld."

Das ist nicht gerade eine verlockende Perspektive. Heißt das, dass Sie nicht mehr als Dramaturg tätig sind?
"Nicht vielleicht aus Angst vor Misserfolgen, sondern ... je älter ich werde, desto mehr habe ich den Eindruck, dass ich weniger Zeit habe. Im Theater war ich zum letzten Mal vor einem halben Jahr. Das sollte einem anständigen Dramaturgen nicht passieren.
Zurzeit bin ich Chef der Szenaristischen Abteilung des Filmstudios Barrandov, das ist genau das, das einst liquidiert wurde, als man mich aufnahm, das dann wieder gegründet wurde, wieder liquidiert und wieder gegründet wurde ... und ich schreibe."
Mit Ota Hofman sprach Hans Strobel

"Ich halte sehr viel von jenen Regisseuren, die sich dem Kinderpublikum widmen, denn das ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen." (Ota Hofman)

 

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