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Ausgabe 106-2/2006

ICH BIN

JESTEM

ICH BIN

Produktion: Kid Film/Arthur Reinhart / Telewizja Polska; Polen 2005 – Regie und Drehbuch: Dorota Kedzierzawska – Kamera: Arthur Reinhart – Schnitt: Arthur Reinhart, Dorota Kedzierzawska – Musik: Michael Nyman – Darsteller: Pjotr Jagielski (Mongrel), Agnieszka Nagorzycka (Marble), Edyta Jungowska (Mongrels Mutter) u. a. – Länge: 97 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Dream Entertainment, USA – Los Angeles, e-mail: dream@dreamentertainment.net – Altersempfehlung: ab 12 J.

"Mensch – was machst du auf dieser Welt?", fragt der Polizist den Jungen und der antwortet schlicht: "Jestem" – Ich bin. Mehr als zehn Jahre nach ihrem preisgekrönten Film "Krähen" ("Wrony") und sieben Jahre nach ihrem viel beachteten Spielfilm "Nichts" ("Nic") konnte die polnische Meisterregisseurin Dorota Kedzierzawska jetzt mit "Jestem" einen neuen Film zeigen. Die Internationale Jury des Deutschen Kinderhilfswerks hat ihn auf dem Kinderfilmfest der Berlinale 2006 mit einer Lobenden Erwähnung ausgezeichnet.

"Jestem" erzählt von der Einsamkeit des Menschen, seinem Mut, seiner Hoffnung und seiner Würde – in unvergessliche Bilder gefasst anhand der bedrückenden Geschichte des elfjährigen Mongrel*, der, von allen verlassen, ganz auf sich selbst gestellt ist und klaglos versucht, sein Leben zu meistern. Dass er die Hoffnung auf ein besseres Morgen dabei nicht verliert, verdankt er nicht zuletzt Marble*, einem gleichaltrigen Mädchen, das wie er nach Liebe und Geborgenheit sucht. (* Mit Mongrel bezeichnet man im Polnischen einen nicht reinrassigen Hund und Marble heißt Murmel.)

"Ich sehne mich nach einem Ort, wo sich jemand um mich sorgt", heißt es in dem Gedicht "Mein Lied", das sich Mongrel für einen Schulwettbewerb ausgesucht hat. Es stammt von Cypriam Kamil Norvid, Polens bedeutendem romantischen Dichter. Beim Vortragen verheddert sich Mongrel und er kann der Kommission auch nicht darlegen, was der Dichter damit sagen will – nur: dass er es fühlt. Sein misslungener Auftritt trägt Mongrel Hohn und Spott bei den Kindern ein, die mit ihm im Heim wohnen. Als sie dann noch seine Mutter beleidigen, rückt er aus, verlässt die engstirnige, vergitterte Welt des staatlichen Kinderheims und macht sich zu Fuß, mit dem Zug und dem Fährschiff auf den Weg in die mittelalterliche Kleinstadt an der Weichsel, wo er zu Hause ist. Doch nach Hause kommt er nicht. Die erschreckend unreife hilflose Mutter, die von einem Liebhaber zum anderen taumelt, erwartet ausgerechnet von ihm Verständnis dafür, dass sie ihn ins Heim gesteckt hat. Offenbar noch betrunken, bedrängt sie ihn, ihr zu verzeihen, zeigt ihm schließlich ihren nackten Körper und beschimpft ihn hemmungslos, als er sie boxt, beißt und davon läuft.

Wohin soll er nun gehen? Zurück auf die Fähre zu dem ehemaligen Liebhaber der Mutter? Geht nicht, weil der gerade eine Frau an Bord nimmt. Zu Terenia, der Köchin, die ihm gelegentlich etwas zu Essen gegeben hat? Geht nicht, die ist inzwischen gestorben. Und zu der Kinderbande, mit der Mongrel früher herumhing und die immer noch vor ihren Tüten sitzt und Klebstoff schnüffelt, will er nicht mehr. Mongrel versucht es noch mal bei der Mutter, aber die Tür ist verschlossen. Er bricht ein in den eigenen Keller, nimmt sich ein paar Gläser mit Eingemachtem, seine alte Kinderkarre und Spieldose mit. Er richtet sich in einem ausgedienten Kahn ein, der vor einer schönen Backsteinvilla am Fluss vor sich hin rottet. Die Fenster der Villa leuchten herüber. Mutterseelenallein legt sich der Kleine erschöpft in dem großen Schiff nieder. Da fällt sein Blick auf die Spieldose und er erinnert sich, wie seine Großmutter ihm liebevoll und geduldig gezeigt hat, wie man ihr die Töne entlockt. Diese wunderschöne Erinnerungs-Sequenz schneidet sich ein in das Herz des Betrachters. Und wenn er sich dann selbst tröstet, indem er den Griff der Spieldose in den Mund steckt wie einen Schnuller und dort langsam dreht, ist einem zum Heulen zumute.

Aber Mongrel gibt sich nicht auf. Er sammelt, was andere Leute wegwerfen, transportiert Dosen und Alteisen in seiner Kinderkarre zum Schrotthändler und freut sich über die ersten selbst verdienten Zloty. Mongrel ist tapfer und großzügig, er hat Herz, Witz und Humor. Und er hat Träume. Sehnsüchtig beobachtet er die scheinbar intakte Familie von gegenüber, verguckt sich in die schöne Tochter und tröstet ihre kleine Schwester Marble, die zu ihm auf das Schiff kommt und gelegentlich trinkt, weil sie sich selbst nicht leiden kann. Für deren Vater ist er der letzte Dreck, Abschaum, aber Marble – hinreißend gespielt von Agnieszka Nagorzycka – hängt ihm morgens ein Brötchen ans Tor, das er mit dem Hund der Familie teilt. Zwischen den beiden Kindern entwickelt sich eine vorsichtige Freundschaft und als er nach einer letzten endgültigen Zurückweisung der Mutter verzweifelt, ist es Marble, die ihn tröstet. Die beiden finden in ihrer Beziehung neuen Lebensmut und beschließen, gemeinsam fort zu gehen. Die ältere Schwester aber, eifersüchtig, weil es nicht sie ist, mit der sich Mongrel befreundet, greift zum Telefon und verständigt die Polizei.

Der Spielfilm von Dorota Kedzierzawska wirkt realitätsnah wie ein Dokumentarfilm, besticht durch eine exzellente Auswahl und behutsame Führung der Schauspieler und ist mit seiner dichten, über sich hinaus weisenden Geschichte ein in herbstlichen Rot-Braun-Tönen gehaltenes Gesamtkunstwerk aus Bildern, Tönen und wenig Worten. Maßgeblich beteiligt daran ist die einfühlsame Musik des weltbekannten Filmkomponisten Michael Nymann und nicht zuletzt die phantastische Kameraführung von Arthur Reinhart, der den Hauptdarsteller oft durch die Scheiben filmt, durch die er voller Sehnsucht in die ihm verschlossene Welt blickt. Ins Bild gesetzt wird Mongrels Ausgegrenztsein auch durch immer neue Muster von Gittern, die man eher gefühlsmäßig als bewusst wahrnimmt – ob im Polizeirevier, im Heim, im Gepäcknetz oder beim Altwarenhändler. Und immer wieder zeigt Reinhart in Großaufnahme dessen sensibles, zurückhaltendes Gesicht mit den abstehenden Ohren und ausdrucksvollen Augen, die uns fragen: "Warum?" Pjotr Jagielski ist ein Glücksfall für diese Rolle – und wenn er mal lacht, geht der Himmel auf.

Uta Beth

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 106-2/2006 - Interview - "Wir wollten von einem Jungen erzählen, der eine schöne Seele hat"

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.ICH BIN im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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