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Ausgabe 106-2/2006

MAXIMO OLIVEROS BLÜHT AUF

ANG PAGDADALAGA NI MAXIMO OLIVEROS

Produktion: Ufo Pictures, Manila; Philippinen 2005 – Regie: Auraeus Solito – Drehbuch: Michiko Yamamoto – Kamera: Nap Jamir – Schnitt: Kanakan Balintagos, Clang Sison – Musik: Pepe Smith – Darsteller: Nathan Lopez (Maxi), Soliman Cruz (Paco), JR Valentin (Victor), Neil Ryan Sese (Boy), Ping Medina (Bogs) u. a. – Länge: 100 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Ferdinand Lapuz, CDN-Mississanga Ontario, e-mail: ignatiusfilmcanada@yahoo.ca – Altersempfehlung: ab 12 J.

Eine Blüte treibt auf dem Wasser, in dem sich das geschäftige Leben einer Straße in den Slums von Manila spiegelt. Eine Kinderhand mit einem billigen Armband pflückt aus dem Abfall am Rande des Kais eine lilafarbene Blüte, jetzt sieht man auch die Füße, von denen einer ebenfalls mit einem Kettchen geschmückt ist. Als die Kamera an der Gestalt hochfährt, lächelt uns das mädchenhaft hübsche Gesicht eines Jungen von etwa 12 Jahren an. Er steckt die Blüte ins Stirnband und schwuchtelt nun – fast wie die Karikatur einer Tunte – mit seinen Einkaufstüten durch die engen Gassen, deren Ärmlichkeit durch eine bonbonfarbene Heiterkeit kompensiert wird. An allen Ecken werden Drogen angeboten und Handys. Übrigens lernen wir die Schwarzhändler gleich näher kennen – und zwar als die älteren Brüder Boy und Bogs und den geliebten Vater des freundlichen Jungen mit der femininen Ausstrahlung, Maximo Olivero. Maxi führt den Haushalt für sie, er kocht, putzt, wäscht und näht, und das offensichtlich mit Hingabe. Die Mutter ist tot – ihr Bild auf dem Bord wird mit der Blüte geschmückt, die Maxi von der Straße gefischt hat.

Der Junge lebt in völliger Harmonie mit sich, seiner Familie von kleinen Dieben und der Nachbarschaft, die – wie auch sein Vater – die Polizei mit kleinen Bestechungen bei Laune hält. Maxi ist hilfsbereit, verantwortungsbewusst und überall sehr beliebt. Er darf sein, was er ist, und die Scherze wegen seines schwulen Gehabes sind nie verletzend. Seine Leidenschaft sind Filme, weshalb er sich auch am liebsten in der DVD-Bude aufhält – später mal möchte er dort gern arbeiten. Er hat viel Spaß mit seinen meist schwulen Freunden, mit denen er eine "Wahl der Miss Pomp-Universum" veranstaltet. In Kleidern, die noch verkauft werden sollen, spielen sie alle Prüfungen durch, die dazu gehören. Als Maxi sich bei dem Spiel verspätet, wird er auf dem Heimweg überfallen und von Victor, einem neuen Polizisten im Viertel, gerettet.

Victor ist jung, 24 vielleicht, er sieht gut aus, ist freundlich, idealistisch und nicht korrupt. Seit ihrer Begegnung himmelt Maxi ihn an, sucht seine Nähe, kocht für ihn und kann nichts dagegen machen, dass Victors Überzeugung von Recht und Unrecht ihn zum Nachdenken über das Leben seiner Familie bringt. Maxis Vater und seine Brüder sind erst irritiert, dann richtig sauer. Als im Viertel ein Mord passiert und Victor die Oliveros verdächtigt, setzen die sich zur Wehr und schlagen ihn zusammen. Maxi aber eilt Victor zu Hilfe, wäscht seine Wunden, versorgt ihn und weiß plötzlich, dass er ihn liebt. Er überfällt ihn mit einem Kuss auf die Wange, rennt nach Hause, schlägt vor Glück einen Salto und wird durch eine Ohrfeige des Vaters jäh aus seinen Träumen gerissen. Der verlangt, dass er sich endgültig von dem Bullen fernhält. Maxi aber schreibt seinen ersten Liebesbrief, doch Victor verweigert die Annahme, obwohl er eigentlich Maxis Gefühle erwidert. Aber eine Beziehung mit einem Minderjährigen aus einer Familie, die wahrscheinlich in ein Verbrechen verstrickt ist: unmöglich! Für Maxi bricht eine Welt zusammen. Hemmungslos weinend trifft ihn Bogs auf der Straße und sehr zart versucht der, seinem Bruder über seinen Liebeskummer hinweg zu helfen.

Die Ereignisse überschlagen sich: der alte Polizeichef wird ausgetauscht, Dominguez, der neue, macht Victor zu seinem Assistenten, der unschuldige Bogs wird ins Gefängnis gesperrt, ein neuer Mord geschieht – diesmal begangen von der anderen Seite. Danach ist es Maxi, der keine Chance mehr sieht für seine Beziehung zu Victor. Das Ende ist überraschend.

Dieses zu Herzen gehende Drama von den zwei Welten, die zusammen nicht kommen können, das einfühlsam von der ersten unschuldigen Liebe eines homosexuellen Jungen in einem Milieu von Armut, Drogen, Verbrechen, Korruption und Gewalt erzählt, ist ein echter Familienfilm. Die von Familie und Nachbarschaft völlig selbstverständlich akzeptierte homosexuelle Veranlagung von Maxi spielt in dieser "Romeo und Julio"-Geschichte nur eine untergeordnete Rolle. Sie ist zugleich eine Liebeserklärung an die kleinen Leute, die kaum eine Chance haben, mit dem Gesetz nicht in Konflikt zu kommen, weil sie von den politisch Verantwortlichen im Stich gelassen werden. Schutz bietet nur ihre Lebensfreude, zu der auch die Trauer gehört, und der liebevolle und hilfsbereite Umgang untereinander. Dabei wirken die Personen so echt, dass der Gedanke, hier würden die Bewohner der Slums idealisiert, gar nicht auftaucht.

Aureus Solito hat seinen Film, dessen Titel wörtlich übersetzt "Die Frau-Werdung von Maximo Oliveros" heißt, so souverän mit dem richtigen Gefühl für das Timing in Szene gesetzt und lässt seine überzeugenden Schauspieler so unmittelbar in diesem Umfeld agieren, dass man bisweilen glaubt, einen Dokumentarfilm zu sehen. Das Drehbuch schrieb Michiko Yamamoto, die schon das Buch für "Magnifico", den Gewinner des "Gläsernen Bären" auf der Berlinale vor zwei Jahren, geschrieben hat. Produziert wurde der Film von Raymond Lee, der mit drei anderen Drehbuchschreibern eine unabhängige Produktionsfirma gegründet hat. Es ist ihr und Aureus Solitos erster Spielfilm und wurde mit einer Digitalkamera in nur 13 Tagen für nicht mehr als 15.000 Euro gedreht. Hier wird Gefühlskino ohne jeden falschen Ton geboten – ein cineastisches Ereignis von einer unterhaltenden Frische, die ihresgleichen sucht.

Auf der Berlinale 2006 sprach ihm die Kinderjury zu Recht ihre "Lobende Erwähnung" zu, die internationale Jury des Kinderfilmfestes zeichnete "Maximo Oliveros" mit dem Großen Preis des Kinderhilfswerkes aus und auch für die Jury des schwulen "Teddy" war er der beste Spielfilm.

Uta Beth

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 106-2/2006 - Interview - "Ja, wir sind arm, aber nicht im Geist!"

 

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