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Ausgabe 106-2/2006

"Ja, wir sind arm, aber nicht im Geist!"

Gespräch mit Auraeus Solito, Regisseur, und Raymond Lee, Produzent des philippinischen Spielfilms "Ang Pagdalaga ni Maximo Oliveros" ("Maximo Oliveros blüht auf")

(Interview zum Film MAXIMO OLIVEROS BLÜHT AUF)

KJK: Wie ist es zur Produktion dieses Spielfilms gekommen?
Raymond Lee: "Es gibt viele gute Filme bei uns, doch handeln sie nie vom wirklichen Leben. Ich habe selbst etliche Drehbücher dafür geschrieben, aber um endlich mal die Probleme unserer Gesellschaft aufgreifen zu können, gründete ich 2004 mit vier anderen Drehbuchautoren die Produktionsfirma Ufo Pictures und dies ist nun unsere erste Produktion. Um den Zusammenhang von Korruption, Armut und Kriminalität darzustellen, entwickelten wir den Stoff von dem schwulen Jungen in den Slums und beauftragten Michiko Yamamoto, das Script zu schreiben. Damit haben wir auf einem Drehbuch-Wettbewerb 9.000 Dollar gewonnen und das Geld wurde sofort in den Film gesteckt. Den Rest haben wir bei Freunden und Familienangehörigen aufgetrieben und dann galt es nur noch, den Dokumentarfilmer und Theatermann Auraeus Solito für das Projekt zu begeistern. Zum Glück hat er zugesagt, wenn auch nach einigem Zögern."

Haben Sie sich an einen Spielfilm nicht rangetraut?
Auraeus Solito: "Doch, aber mein erster Spielfilm sollte eigentlich im Süden der Insel Palawan spielen – dort, wo ich auch zu Hause bin. Ich bin nämlich ein Mann, der in zwei Welten lebt: bei meinem Stamm in Palawan, über den ich eine mehrteilige Dokumentation drehe, und in Manila, wo ich 1969 geboren wurde. Ich bin der erste meines Stammes, der nicht in Palawan geboren wurde, weil meine Mutter mit 14 Jahren nach Manila kam. Sie bekam ein Ausbildungs-Stipendium, das die Regierung in den 50er-Jahren für die Ureinwohner ausgeschrieben hatte. Meine Mutter studierte Jura und heiratete einen Kommilitonen aus Manila, meinen Vater. Ich selber bin vor sechs Jahren nach Palawan gegangen und in die völlig andere Welt meiner Vorfahren eingetaucht, bis mir die Stammesfürsten zur Rückkehr nach Manila geraten haben. In meiner Dokumentar-Serie habe ich auch den Landraub zum Thema gemacht und in Palawan dafür Todesdrohungen bekommen. Deshalb musste ich wieder zurück nach Manila, wo Raymond mit seinem Angebot auf mich zukam."

Wie ist es Ihnen gelungen, diesen Low-Low-Budget-Film in so kurzer Zeit abzudrehen?
Auraeus Solito: "Das ist nur möglich mit Hilfe der Digital-Technik – ich meine, vorher hat ein Film ja mindestens 100.000 Dollar gekostet und nun kann man das schon mit 10.000 Dollar machen. Damit haben auch wir in der Dritten Welt die Chance zu zeigen, wer und wie wir sind. Ja, wir haben eine schlechte Politik und sind arm, aber nicht im Geist! Das ist mein Lieblingsspruch, seit mir das jemand auf der Havanna-Biennale in Kuba gesagt hat."

Warum wollten Sie diesen Film dann doch inszenieren?
Auraeus Solito: "Weil ich schon immer von einem progressiven Schwulen-Film geträumt habe, in dem die Homosexuellen als Menschen gezeigt werden, die ihren Alltag meistern und ein selbst bestimmtes Leben führen. In den Filmen der 70er-Jahre wurden die Schwulen ja immer nur als Opfer gezeigt, voller Ängste und Schuldgefühle, und in den 80ern mutierten sie plötzlich zu skrupellosen Unterdrückern, die diese niedlichen Phillipinos als call boys und Macho-Tänzer ausbeuten. Allerdings habe ich Maxi in unserem Film mehr Eigen-Leben gegeben – im Script hätte er auch ein Mädchen sein können, da gab es nichts spezifisch Homosexuelles. Z. B. habe ich die Szene eingearbeitet, in der Maxi Victor unter der Dusche beobachtet und klar wird, dass er sich zu dem Polizisten eben auch körperlich hingezogen fühlt. Oder die Miss-Wahl. Wir Philippinen sind ja die größten Fans der Miss Universum-Wahl und parallel dazu gibt es die Wahl der 'Miss Gay Universe', auch mit all diesen Talent-Shows, wo man tanzen, Theater spielen und zum Playback Opernarien vorführen muss. Da mitzumachen, ist bei den Schwulen schon Tradition und es macht einen riesigen Spaß."

Sie sind selbst homosexuell, oder?
Auraeus Solito: "Ja – und ich bin auch genau dort, wo diese Geschichte spielt, aufgewachsen: in Manilas Slum-Bezirk Sampaloc. Meine Eltern waren nicht arm, sie haben beide für die Regierung gearbeitet, aber es gibt ja bei uns diese unglaublichen Kontraste in unmittelbarer Nachbarschaft. Uns gehört das schöne Haus, in dem Victor wohnt, und den Park dahinter hat meine Mutter angelegt – aus lauter Sehnsucht nach Palawan hat sie Bäume über Bäume in unseren Garten gepflanzt. Da sind die Kinder aus der Straße früher auch rumgeklettert, aber meine Mutter hat den Kontakt zu ihnen dann strikt unterbunden. Sie ist eine echte Respektsperson in der Straße, weil sie die Leute bei Rechtsproblemen beraten hat. Als ich in das Alter kam, wo ich gegen sie rebellierte, habe ich mich aber doch wieder den Jungen in unserer Straße angeschlossen. Das war genau die Zeit, als mein Vater sich auf seine andere Familie konzentrierte und ich entdeckte, dass ich ein Homo bin. Mein Vater, der 1997 gestorben ist, hatte seine Schwierigkeiten damit und für mich war dieser Film auch eine Möglichkeit auszudrücken, was ich mir von ihm und meiner Familie damals gewünscht hätte.
In dem Film sieht man übrigens neben den Schauspielern nur unsere Nachbarn, die für mich den Zauber der Philippinen verkörpern – ich meine, bei ihnen findet man trotz dieser extremen Armut alles, was einen Mensch menschlich macht: die Liebe, die Schönheit, die Hilfsbereitschaft und die Wärme. Auch wirkliche Brüderlichkeit. Meine Mutter war während der Dreharbeiten auch immer dabei und sehr stolz. Ich habe sie aber nur mal von hinten gezeigt, weil sie sehr dominant ist und sofort die ganze Szene an sich gerissen hätte."

Ist die selbstverständliche Akzeptanz von Maxis homosexueller Veranlagung Wunschtraum oder heutige Realität auf den Philippinen?
Auraeus Solito: "In unserem Stamm gibt es kein Wort für Homosexualität und sie ist kein Problem. Vielleicht sind wir Philippinen auch ein bisschen toleranter und liebenswürdiger als anderswo, vielleicht ist es auch nur so, dass Blut dicker als Wasser ist, besonders bei den ärmeren Schichten. Auf jeden Fall existiert die Welt, die ich in dem Film zeige, und ich würde mich sehr freuen, wenn es in jeder Vorstellung nur einen oder zwei homosexuelle Jungen gäbe, die erkennen, dass sie vor ihrer Veranlagung keine Angst haben müssen sondern spüren, es könnte auch schön sein."

Wie haben Sie Nathan Lopez, Ihren Hauptdarsteller gefunden?
Auraeus Solito: "Durch Zufall. Er ist uns aufgefallen, als er einen Freund zum Casting begleitet hat. Nathan ist HipHop-Tänzer – genau wie sein Zwillingsbruder, der im Gegensatz zu ihm die Rolle gern spielen wollte. Aber Nathan ist ein bisschen zarter und war beim ersten Test wirklich sehr gut, nicht nur als Tänzer. Natürlich wollten die Eltern ihren Sohn erst keinen Homo spielen lassen, aber als sie das Script gelesen hatten, halfen sie uns, Nathan zu überreden. Seine Mutter ist übrigens Pastorin."

In Nathans Alter einen Homosexuellen zu spielen, stelle ich mir sehr schwierig vor. Wie haben Sie ihm dabei geholfen?
Auraeus Solito: "Wir haben ihn erstmal Volleyball spielen lassen. In unserer Straße gibt es nämlich eine Gang von Homo-Boys, die beinahe täglich gegen eine Gruppe von Heteros kämpfen. Ich habe Nathan in die Mannschaft der Homos gesteckt, damit er mit ihnen vertraut wurde. Dann habe ich mit ihm, seiner Schwester und den schwulen Jungen vor einem Spiegel einige Bewegungs-Übungen gemacht, einen Intensivkurs von einer Woche. Da er ja keinerlei Erfahrung als Schauspieler hatte, haben wir auch jede Zeile gelesen und die Bedeutung der einzelnen Szenen herausgearbeitet. Außerdem habe ich Soliman Cruz, seinen Film-Vater, der einer der besten Theaterschauspieler bei uns ist, gebeten, ihn beim Spielen zu coachen. Dadurch entwickelten die beiden ganz von selbst eine große Nähe, eben wie Vater und Sohn."

Was bringt die Zukunft?
Raymond Lee: "Dass ein unabhängiger Film bei uns zum Kassenschlager wird, ist Wahnsinn. Auch, dass wir damit schon in Montreal, Toronto, Singapur, auf dem Sundance Festival in Amerika und in Rotterdam waren und nun in Berlin sind. Aber es geht noch weiter: erst nach New York, wo unser Film das Festival der Debütfilme junger Regisseure eröffnet, und anschließend nach Hongkong, San Francisco, Sydney, Südafrika und London!"
Auraeus Solito: "Ich werde mit meinem Freund, einem Halbvietnamesen, den ich in Palawan kennen gelernt habe, 'Refugees in Love' drehen, einen Dokumentarfilm über Flüchtlinge. Er ist ja ein Flüchtling in meinem Land so wie ich selbst einer bin."

Interview: Uta Beth

 

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