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Ausgabe 107-3/2006

BAMBI 2 – DER HERR DER WÄLDER

BAMBI II

Produktion: DisneyToon Studios; USA 2006 – Regie: Brian Pimental – Drehbuch: Alicia Kirk – Storyvorlage: Brian Pimental und Jeanne Rosenberg, nach dem Buch von Felix Salten – Art Director: Carol Kieffer Police – Schnitt: Jeremy Milton – Musik: Bruce Broughton – Länge: 72 Min. – Farbe – FSK: o. A. – Verleih: Buena Vista – Altersempfehlung: ab 6 J.

Mit Fug und Recht gilt Walt Disneys "Bambi" als Klassiker der Animationskunst. Der 1942 nach Felix Saltens Roman entstandene Film erheiterte Generationen von Kinobesuchern dank seiner vielen komischen Szenen und rührte sie zu Tränen, als Bambis Mutter (im Off) von Jägern erschossen wird und das kleine Rehkitz seinen Schmerz mit einem hilflos fragend gestammelten "Mama?!" ausdrückte, dem keine Antwort folgte. Über 60 Jahre später hat man sich an eine Fortsetzung des Stoffes gemacht, der als "Bambi 2" die Kinobesucher beglücken soll. Disneys Idee, seine Filme so anzulegen, dass man sie ungefähr alle sieben Jahre neu ins Kino bringen kann, verbietet natürlich ein Remake der Disney-Klassiker, die im Wesentlichen nicht verbessert werden können. Alternativ bleiben nur Fortsetzungen wie "Schneewittchen 2", "Susi und Strolch 2", "Peter Pan 2" und nun also "Bambi 2".

Während die Handlung der meisten Fortsetzungen am ursprünglichen Film anschließt, konnte diese Methode bei "Bambi 2" nicht funktionieren, weil die Handlung so in sich geschlossen ist, dass man eigentlich nicht wissen will, was Bambi als erwachsener Hirsch tut. Bambi ist nur als Rehkitz ein "Filmstar". So hatten die Produzenten und Drehbuchautoren die glorreiche Idee, im zweiten Bambi-Film die Lücke zwischen dem Tod von Bambis Mutter und seinem Erwachsensein zu schließen. Das hatte aber zur Folge, dass man sich intensiv mit dem raffiniert einfachen Stil des klassischen "Bambi"-Films auseinander setzen musste – in einer Zeit, in der mit Hilfe des Computers Trickfilmprobleme zu lösen sind, wie man es sich früher gar nicht vorstellen konnte. Die stilistischen Probleme wurden mit Bravour gelöst, wenngleich die Farbskala insgesamt etwas pastelliger, leuchtender wirkt. Man hat aber auch die Vorgaben des Klassikers aufgegriffen und mit heutigen Mitteln verfeinert.

Zur Geschichte: Nach dem Tod von Bambis Mutter hat der Fürst der Wälder ein Problem: Wer soll seinen Sohn großziehen, wo er doch mit dem Bewachen der Herde vollauf beschäftigt ist. Der Versuch, eine Ziehmutter zu finden, geht schief. Also muss der Vater selbst als Alleinerzieher herhalten und dabei nach und nach seine Strenge mildern und auf seinen Sohn eingehen. Am Ende finden Vater und Sohn ein neues Verständnis füreinander. Diese der Erzählung unterlegte Hauptgeschichte weist eher moderne Züge auf, während die Begegnung mit all dem liebenswerten Getier aus dem originalen Film auch hier für Heiterkeit sorgt. Thematisiert wird die sich entwickelnde Beziehung Bambis zu Feline, von Bambis Rivalen Ronno selbstironisch kommentiert, denn Ronno spielt sich als Macho auf, der sich über Bambis mädchenhaften Namen mokiert, selbst aber bei seiner Mami Zuflucht sucht, wenn sich die Streiche, die er Bambi spielen will, gegen ihn selbst kehren.

Etwas übertrieben wirkt es, wenn Bambi – wie der "König der Löwen" – die Stimme des toten Elternteils hört. Aber hier ist es ein Traum, der keine Erlösung, sondern eine neue Gefahr birgt, die Gefahr, den gleichen Tod wie die Mutter erleiden zu müssen. Als Bambi schließlich von Hunden durch den Wald gehetzt wird, entkommt er an einem Steilhang, löst dort eine Lawine aus, die die Hunde in den Tod stürzen lässt. Aber als Bambi gerettet scheint, trifft ihn selbst ein Steinschlag und der schockierte Fürst der Wälder will schon um seinen Sohn trauern, doch der schlägt wieder die Augen auf, was ja nicht anders sein kann, weil Bambi, wie man weiß, auch am Ende des ersten Films noch lebt und der neue Fürst der Wälder wird.

Die australischen Disney-Studios haben sich große Mühe gegeben, dem Charakter des Originals gerecht zu werden. Das war nicht zuletzt deshalb angebracht, weil der Film weder die Vorgeschichte noch die Fortsetzung des Originals erzählt, sondern den damals ausgesparten Mittelteil. Im Vergleich zum Original, das mit nur rund 800 Worten Dialog auskam und ansonsten von den Charakteren und deren Interaktion lebte, ist der neue Film geradezu redselig. Man hat zwar vermieden, den Film auf die lässig hippe Art mit allzu flotten Sprüchen zu modernisieren, hat aber doch, zum Teil mit Mitteln der Selbstironie, der Geschichte einen modernen Touch gegeben, der ihr gut ansteht. Was den Humor betrifft, muss sich der neue Film neben dem alten also nicht verstecken. Allein mit den Emotionen geht er nicht ganz so drastisch um, zumal die Drehbuchautoren von heute nicht, wie damals Disney, das Trauma um den Tod der eigenen Mutter verarbeitet haben. Der Spannungsbogen immerhin stimmt, man langweilt sich nicht und ist am Ende sogar etwas enttäuscht, dass der Film in einer pastellfarbenen Idylle plötzlich schon zu Ende sein soll.

Insgesamt ist "Bambi 2" zwar seinem Vorgänger trotz faszinierend gekonnter Animation nicht ganz ebenbürtig, weil er die emotionale Klaviatur nur gedämpft spielt und die humoristische Interaktion mit der Umwelt gelegentlich etwas aufgesetzt wirkt. Es kann auch etwas stören, dass die Augen der Tiere noch größer wirken, was einem gewissen Einfluss des Manga-Stils zuzuschreiben ist. Die sich um das Vater-Sohn-Motiv rankende Handlung hat aber letztlich einen durchaus zeitgemäßen Touch, so dass man sich mit diesem Film eher anfreunden kann als mit einigen anderen Disney-Sequels.

Wolfgang J. Fuchs

 

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KJK-Ausgabe 107/2006

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