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Ausgabe 107-3/2006

"In meinen Filmen spiele ich mit sozialen Vorurteilen und falschen Bildern"

Gespräch mit Claude Gagnon, Regisseur des kanadisch-japanischen Spielfilms "Kamakati", ausgezeichnet mit der Lobenden Erwähnung in der Sektion 14plus der Berlinale 2006

(Interview zum Film KAMATAKI)

KJK: In Berlin sind Sie unvergessen als Regisseur und Drehbuchautor von "Kenny", Ihrem vielfach ausgezeichneten Film (in Berlin 1988 Preis der CIFEJ-Jury und lobende Erwähnung der Unicef-Jury) über den beeindruckenden Jungen ohne Unterleib. Ihr neuer Spielfilm "Kamakati" hat schon auf dem "Montréal Film Festival" 2005 vier wichtige Preise gewonnen (für die beste Regie, den Preis der FIPRESCI, den Publikums- und den ökumenischen Preis) und auch mit "Kamataki" haben Sie gute Chancen für eine Auszeichnung. Bei beiden Filmen hat sich Japan engagiert, "Kamakati" spielt sogar dort – was verbindet Sie mit diesem Land?
Claude Gagnon: "Sehr, sehr viel. Als ich Anfang 20 war, bin ich im Gegensatz zu vielen meiner Kumpels nicht nach Frankreich, sondern nach Japan gegangen. Ich wollte eigentlich nur ein halbes Jahr bleiben, aber weil ich danach so gut wie nichts von Japan verstanden hatte, verlängerte ich und blieb am Ende zehn Jahre dort. In Kyoto habe ich mir in einem Coffee-Shop erst mal alles über den Film angelesen. Der hat mich von Kindheit an interessiert. Nicht, dass mir das an der Wiege gesungen wäre – so wie vielleicht meinen drei Kindern, die alle in diesem Umfeld arbeiten. Nein, ich stamme aus einer typischen Arbeiterfamilie, bin mit dem Fernsehen aufgewachsen und das zeigte in den 50er- und 60er-Jahren – ich bin 1949 geboren – bei uns hauptsächlich amerikanische und französische Kinofilme. In der Schule habe ich dann einen Film-Kurs belegt und in zwei, drei Studentenfilmen als Schauspieler mitgewirkt. Aber eigentlich wollte ich Regisseur werden, war nur viel zu schüchtern, das zu sagen.
In Japan habe ich dann 1978 meinen ersten Spielfilm gedreht: 'Keiko', bei dem alles improvisiert war. Dieser Experimentalfilm wurde ein großer Erfolg. Wir wurden nicht nur von der 'Japanese Film Association' für die beste Regie ausgezeichnet, sondern hatten mit 'Keiko' nach zwei Jahren bereits so viel eingespielt, dass wir all unsere Schulden zurückzahlen konnten. 'Keiko' wurde in Japan eine Art Kultfilm und die Präsidenten der japanischen Filmgesellschaften erinnern sich so gut an ihn, dass sie sich seither an all meinen Filmen beteiligen."

In Japan haben Sie auch eine Familie gegründet, zusammen mit Yuri Yoshimura, die schon bei "Kenny" und jetzt auch bei "Kamakati" als Produzentin zeichnet.
"Ja, aber diesmal ist auch unser 33-jähriger Sohn Samuel mit von der Partie. Nach 'Kenny' habe ich selbst als Produzent gearbeitet, hatte auch schon viel Geld in 'Kamakati' gesteckt und darüber ging meine Firma vor drei Jahren zu Bruch. Ich dachte, ich wäre ein für alle mal mit dem Stoff und auch mit Japan fertig, als ich 2003 die Regie von 'Revival Blues' übernahm und feststellte, wie sehr ich an Japan hing. Danach fand ich noch mal den Mut, mich erneut an 'Kamataki' zu wagen, wobei mir mein Sohn eine große Hilfe war."

Was haben Sie verändert?
"In der ersten Fassung hatte ich anstelle des japanischen Töpfermeisters einen amerikanischen Maler vorgesehen – ein Künstler musste es sein, weil der Junge ja auf der Suche ist. Die Idee mit dem Töpfermeister, der seine glasurfreie Keramik im Anagama herstellt, war deshalb so gut, weil ich damit die Frage, was ist eigentlich schön und was hässlich, am besten illustrieren konnte. Anagama nennt man Japans ältesten Brennofen, der mit Holz geheizt wird, und bei diesem zehn Tage und Nächte dauernden Brennvorgang, dem Kamakati, sind alle Elemente beteiligt, durch die nach der Vorstellung der Japaner und auch der der Chinesen das Leben entstanden ist: Feuer und Wasser, Erde, Holz und Metall. Insofern ist das Kamakati auch ein wunderbares, unaufdringliches Symbol für das Leben. Darum geht's ja in diesem Film. Monatelang habe ich mich mit dem Brennen der Töpferwaren beschäftigt, habe mich dann an den weltberühmten Shiho Kanzaki gewandt, dessen Keramiken wir in dem Film gezeigt und in dessen Haus wir gedreht haben. Als ich ihn zum ersten Mal besuchte, hatte er einen buddhistischen Mönch zu Gast, der mich unbedingt treffen wollte, weil 'Kenny' sein Lieblingsfilm war – einen besseren Türöffner kann man sich gar nicht denken. Bevor ich das endgültige Drehbuch schrieb, habe ich zweimal beim Kamakati teil- und ungefähr 150 Stunden Dokumentarfilm-Material aufgenommen. Das wird in Montreal noch bearbeitet."

Mit Ihrem jungen Hauptdarsteller, dem 22-jährigen Matt Smiley, lernt der Zuschauer, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Erst allmählich entdeckt er ihre verdeckten Schönheiten und wird selbst bei einer Reihe von Vorurteilen ertappt. Zum Beispiel fand ich Kens Onkel anfangs auch ziemlich unsympathisch.
"Das war durchaus beabsichtigt. In all meinen Filmen spiele ich mit sozialen Vorurteilen und falschen Bildern und bei 'Kamakati' bewegt sich der Film auf und ab, hin und her. Bei dieser Schaukel-Bewegung erfahren die gerade verfestigten Bilder von Charakteren und Situationen eine ständige Wandlung und der Zuschauer wird gezwungen, sich sein eigenes Bild zu machen. Da bleibt dann jener unerklärbare Rest, der charakteristisch ist für die asiatische Kunst. Die kommt eher aus dem Herzen als aus dem Hirn, zielt mehr auf das Gefühl als die intellektuelle Analyse und lässt manches bewusst unvollendet. Der Betrachter erhält auf diese Weise eine größere Freiheit des Denkens und Träumens und die Bewegung wird in ihn selbst hinein verlegt.
Weshalb ich mich bei 'Kamakati' auch entschieden habe, keine einzige Bewegung mit der Kamera zu machen, was für den Kameramann schon ein bisschen frustrierend war. Ich hatte schon Angst, dass ich damit doch ein bisschen zu weit ging, konnte dann aber auch nicht mehr zurück. Zum Glück waren wir mit dem Ergebnis dann beide zufrieden."

Eine große Herausforderung war sicher auch die erotische Szene zwischen dem Jungen und der Witwe des Meisters, bei dem der Onkel des jungen Mannes seine Kunst gelernt hat.
"Und zugleich eine wunderbare Erfahrung. Mit dieser Szene wollte ich zeigen, wie viel interessanter und aufregender das Leben ist, wenn wir die Schönheit in und um uns jenseits der vorgegebenen Vorstellungen wahrnehmen – es gibt so viel davon, wir müssten nur richtig hinsehen! Im Fernsehen verlernen wir ja, mehr zu entdecken als genormte Idealmaße und junge Leute wie Ken sehen Menschen über 35 gar nicht an, weshalb wir Frau Sensei anfangs auch nur von der Ferne und nie allein gezeigt haben. So entdeckt auch der Zuschauer die Schönheit der alten Frau erst allmählich – ich meine, dass auch eine ältere Frau schön und extrem sexy sein kann, ist ja eine Binsenweisheit. Aber was ist schön, was hässlich und wer gibt die Kriterien vor? Das ist mein Thema."

Mit Kazuko Yoshiyuki stand Ihnen aber auch eine exzellente Schauspielerin zur Verfügung.
"Ja, sie ist einfach phantastisch. Als ich sie sah, wusste ich, dass ich mit ihr diese Szene wagen könnte. Sie ist 69, verheiratet mit einem amerikanischen Richter, sie ist reich und berühmt und braucht nicht zu arbeiten. Als wir miteinander sprachen, habe ich gleich ihre Sinnlichkeit gespürt und sie hatte sofort Lust, diese Seite auszuspielen. Obwohl diese Szene für sie auch nicht leicht war."

Sie hat doch "Im Reich der Leidenschaft" von Nagisa Oshima, mitgespielt, der dafür 1978 in Cannes mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Und zwar mit Tatsuya Fuji, Kens Onkel.
"Ja, der war auch der Star von Oshimas 'Im Reich der Sinne'. Aber erst jetzt in 'Kamakati' haben die beiden wieder zusammen gespielt. Fuji wollte die Rolle unbedingt haben und hat mir deshalb seinen Agenten geschickt. Aber ich wollte erst sehen, ob wir auch miteinander können, denn inzwischen arbeite ich nur noch mit Leuten, die ich mag – ich meine, das Filmen ist eine so harte Arbeit, da braucht man Leidenschaft, Intelligenz und eigentlich keine Stars. Also bin ich 700 km durch Japan gefahren, um Fuji zu treffen – und dann war er menschlich so phantastisch wie sein Takuma im Film, großzügig, freundlich und für den jungen Matt ein wunderbarer Lehrmeister. Fuji spricht übrigens ein sehr gutes Englisch und musste richtig lernen, wie man so stümperhaft spricht. Sein Englisch wäre für die Rolle nicht glaubhaft gewesen, weil ein japanischer Töpfermeister nie die Zeit hätte, eine Fremdsprache zu lernen."

Was haben Sie als nächstes vor?
"Ich werde einen Western drehen. Ich meine, wenn man die Filme mit Kirk Douglas, John Wayne oder Randolph Scott gesehen hat, träumt man davon, eines Tages selbst einen Western erzählen zu können. 15 Jahre habe ich nach dem geeigneten Stoff gesucht, alles war mir zu düster. Doch jetzt habe ich eine tolle Story, die aus einem heiteren Blickwinkel erzählt, wie man ein Cowboy wird und was das bedeutet. Es wird ein Film über die Leidenschaft und das Leben, der auf einer wahren Geschichte basiert. Sie beginnt im Jahre 1892 und endet 1914 – das Leben des Mannes geht dann zwar weiter, aber das erzählen wir nicht mehr. Ich möchte jetzt nicht mehr verraten, als dass dieser Mann später ein berühmter Schriftsteller geworden ist und bislang niemand seine wahre Geschichte kennt. Natürlich gibt's jede Menge Action, aufregende Rodeos und verrückte Abenteuer – ich freue mich jetzt schon auf die Dreharbeiten, mit denen ich mir einen Kindertraum erfülle."

Mit Claude Gagnon sprach Uta Beth

 

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